ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997DDR: Ein anderes Beispiel

SPEKTRUM: Leserbriefe

DDR: Ein anderes Beispiel

Schmidt, H.

Zu dem Leserbrief "Überfällig" von Dr. med. Dieter Frank in Heft 39/1997
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LNSLNS Der Bericht des Herrn Dr. Frank darf so nicht stehenbleiben! Die Zeiten, in denen eine Gruppe Menschen "demaskiert" wurde, sind Vergangenheit beziehungsweise sollten es sein. Wenn Dr. Frank sich beeinträchtigt oder gar verfolgt fühlte, dann soll er konkret mitteilen, wieso und von wem. Eine derartige pauschale "Demaskierung" sollte vermieden werden. Natürlich müssen strafbare Handlungen verfolgt werden. Doch im Einzelfall kann das neues Unrecht bedingen. Ein Fall: Ein Chefarzt in Magdeburg wurde als ehemals förderndes Mitglied der SS von den Russen erpreßt. Er hatte jeden zu melden, "der den friedvollen Wiederaufbau" der Ostzone beziehungsweise der DDR sabotiert - so hieß das damals. Der Chefarzt hatte dem MWD (russischer Staaatssicherheitsdienst) berichtet, daß der leitende Arzt des Hilfskrankenhauses II Magdeburg-Neustadt regelmäßig über die damalige Grenze (russisch/englisch) die DDR verläßt, und zwar im Bereich Völpke (russisch)/Helmstedt (englisch). Er wurde dabei vom Betriebsführer der Kohlengrube Wulfersdorf BKB (Braunschweiger Kohlenbergwerke), Obersteiger Gerhard Seedorf, unterstützt. Die Kohlengrube war zur Hälfte russisch und zur Hälfte englisch. Die geförderte Kohle wurde zur Brikettfabrik Bismarck-Höhe, unweit Völpke, per Lorenzug gebracht. Die gepreßte Kohle wurde als Brikett ausschließlich den Dienststellen der russischen Besatzungsbehörden geliefert, das heißt MWD Magdeburg, Bezirksregierung Halle und der Zentralbehörde Karlshorst nahe Berlin.
Der leitende Arzt und der Obersteiger Seedorf wurden verhaftet und in das "Gefängnis Magdeburg" eingeliefert. Wer die Methoden des MWD kennt, weiß, was das heißt. Dem Arzt wurde Spionage vorgeworfen - ein beliebtes Mittel, den Häft-ling gesprächig zu machen. Natürlich wurde dem Häftling der wahre Grund seiner Verhaftung zunächst nicht mitgeteilt. Der Häftling selbst fühlte sich schuldig - ohne die entsprechenden Gründe zu offenbaren. Er hatte die Holzbetten "seines Krankenhauses" (mit Stroheinlage) durch Stahlbetten ersetzt - nachts aus den Verletztenstationen der Luftschutzbunker: ein klarer Verstoß gegen die Befehle der Besatzungsmacht. Die Verpflegung der 300 Patienten erfolgte durch die Küche der Sudenburger Kliniken Magdeburg. Entfernung etwa 7 km. Das Essen in Milchkannen per Pferdewagen war natürlich kalt. Aus den SHD-Küchen wurden ebenfalls nachts wunderbare Küchenherde "organisiert", was eine wesentliche Verbesserung der Verpflegung der Patienten bedeutete. Natürlich verstieß dieser Diebstahl gegen die Anordnungen der Besatzungsmacht. All das machte den Häftling nicht gerade euphorisch, abgesehen von den Verhören, die nachts zwischen ein und drei Uhr im Scheinwerferlicht erfolgten. Wer die Grabesstille der Gelasse des MWD kennt, weiß, wie sehr das die Nerven eines Häftlings belastet.
Beim dritten Verhör fiel dann ganz beiläufig die Frage, wann der Häftling die DDR verlassen habe. Schlagartig wußte er jetzt, worum es tatsächlich ging. Seine Antwort, "vor etwa 14 Tagen", hat mit Sicherheit die Verhörenden, die er ja nicht sehen konnte, verblüfft. Er erklärte, daß er in der Helmstedter Apotheke mit Hilfe des Dr. Schuster (prakt. Arzt) Herz- und Kreislaufmittel für seine Patienten besorgt habe. Die Frage, wer ihm dabei geholfen habe, beantwortete er mit Dr. Schuster. Den Namen Seedorf erwähnte er nicht . . .
Nun hatten die Russen nicht mit den Kumpels der Kohlengrube Wulfersdorf gerechnet! Sie streikten - nicht eine Lore Braunkohle kam in die Brikettfabrik. Weder Drohungen noch "Freßpakete" halfen. Bereits nach Wochen verhörte der MWD Halle und schließlich der MWD Karlshorst den Häftling. Er wurde aus der Haft entlassen, ebenso natürlich Seedorf. Der Kohleexport lief wieder an.
Der Häftling meldete sich eine Woche später beim englischen Secret Service, dessen Chef dafür sorgte, daß er unter Umgehung von Friedland in Hannover eine Wohnung bekam (ein Zimmer, Küche, Badbenutzung). Der betreffende Engländer begrüßte den Flüchtling zu dessen Verblüffung mit den Worten: "Herr Dr. Schmidt, wie war es bei den Russen?"
Der Häftling und Flüchtling war ich selbst.
OMR Dr. H. Schmidt, Planweg 40, 74743 Seckach
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