ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997Generalversammlung des Weltärztebundes: Aufruf zu mehr politischer Verantwortung

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Generalversammlung des Weltärztebundes: Aufruf zu mehr politischer Verantwortung

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der Weltärztebund ist 50 Jahre alt geworden. Für die Delegierten, die sich anläßlich der 49. Generalversammlung Mitte November in Hamburg einfanden, war dies nicht nur ein Grund zum Feiern. Kritische Stimmen warnten vor einer zunehmenden Kommerzialisierung des Medizinbetriebes. Der indonesische Arzt Azrul Azwar, neuer Präsident des Verbandes, forderte die Ärzte auf, politische Verantwortung zu übernehmen, um den gleichberechtigten Zugang aller Patienten zu Gesundheitsleistungen zu gewährleisten. (Über Stellungnahmen und Deklarationen der Generalversammlung berichtet das DÄ in einer der nächsten Ausgaben.)


Der Anspruch des Weltärztebundes ist hoch. Als "Stimme der Weltärzteschaft" versteht sich die internationale Organisation, in der sich unabhängige Ärzteverbände aus 69 Ländern zusammengeschlossen haben. Daß dies zu einem schwierigen Balance-Akt geraten kann, daran erinnerte Ortwin Runde, seit kurzem Bürgermeister der Stadt Hamburg, bei der feierlichen Eröffnung der 49. Generalversammlung des Weltärztebundes Mitte November im Rathaus der Hansestadt. Während sich die Industrienationen, so Runde, den Kopf darüber zerbrechen, wie eine medizinische Maximalversorgung für alle bezahlbar bleibt, ist in anderen Teilen der Welt nicht einmal die Basisversorgung gesichert. Dennoch: "Die Ärzte stehen im Dienste der Menschlichkeit, und das verbindet sie alle." Tatsächlich hat der Weltärztebund sich bislang schwerpunktmäßig darum bemüht, international vorbildliche medizinethische Standards zu formulieren. Darin sieht Dr. med. Karsten Vilmar, Präsident der Bundes­ärzte­kammer und Schatzmeister des Weltärztebundes, das große Verdienst der Organisation. Nicht immer habe man einstimmige Ergebnisse erzielt. Die Stellungnahmen und Deklarationen des Weltärztebundes stellten jedoch einen internationalen (Minimal-)Konsens dar, der eine solide Grundlage für ein gemeinsames Wertebild liefere. "Wir benötigen keine neue Ethik, sondern können uns auf die bewährten Prinzipien ,nil nocere' und ,salus aegroti suprema lex' stützen", betonte Vilmar angesichts der Herausforderungen, vor denen die Ärzte derzeit stehen. Dazu zählten nicht nur die Fortschritte in der medizinischen Wissenschaft, sondern auch Fragen der Rationierung und der Verteilungsgerechtigkeit in Zeiten knapper Ressourcen. Der Bundes­ärzte­kammerpräsident forderte die Versammelten auf, zur Lösung anstehender Probleme auf die eigene Leistungsfähigkeit zu vertrauen und nicht zu resignieren.
Eine aktivere Rolle des Weltärztebundes hat auch der scheidende Präsident der Vereinigung, Dr. Bernard Mandell, gefordert. Der Weltärztebund müsse Strategien entwickeln, um seine politischen Vorstellungen durchzusetzen. Dazu gehöre beispielsweise die Vernetzung der nationalen Mitgliedsorganisationen. Mandell plädierte zudem für mehr Engagement des Weltärztebundes in den afrikanischen Staaten: "Die Stimme des Weltärztebundes in Afrika wird dringend gebraucht." Die dortigen Ärzte benötigten Unterstützung bei den Versuchen, sich zu organisieren. Viele, die bereits organisiert seien, würden dem Weltärztebund gerne beitreten, hätten jedoch Schwierigkeiten mit den Mitgliedsbeiträgen. Auch andere Probleme verlangten nach Lösungen: So seien vor allem ärmere Staaten wie Zimbabwe, Nigeria, Uganda oder Ghana von der Abwanderung einheimischer Ärzte betroffen. Die Folgen für die Gesundheitsversorgung in diesen Ländern seien katastrophal. In der Vergangenheit habe sich der Weltärztebund hier zu wenig engagiert, kritisierte Mandell. Als Beitrag, den internationalen Einfluß der Organisation zu stärken, begrüßte der ehemalige Präsident die verbesserten Beziehungen zur Welt­gesund­heits­organi­sation. Eine Zusammenarbeit könne dazu führen, den ärztlichen Einfluß auf Entscheidungen im Bereich "Öffentliche Gesundheit" zu stärken.
Politische Verantwortung und internationaler Einfluß stehen auch auf der Tagesordnung des neuen indonesischen Präsidenten, Prof. Dr. Azrul Azwar, ganz oben. Er mahnte die Teilnehmer, sich auf grundlegende ärztliche Aufgaben zurückzubesinnen: den Kranken und Schwachen zu helfen sowie den höchstmöglichen Grad an Gesundheit für alle sicherzustellen. Diese "ärztlichen Tugenden" sieht Azwar derzeit bedroht. Das Gesundheitswesen sei zum "big business" mutiert und habe sich vielerorts zur "Gesundheits-Industrie" entwickelt - und das nicht nur in den Industrienationen, sondern auch in den Entwicklungsländern.
Das altruistische Element medizinischer Versorgung sieht der Indonesier bedroht: "Medizinische Leistungen dienen nicht länger zu hundert Prozent der Gesundheit. Sie haben sich zu einem Mittel der Einkommensteigerung entwickelt." Gewinnstreben ersetze zunehmend das Ziel menschlicher Gesundheit. Die Folge sei, daß die Reichen maximal versorgt werden und die Armen entweder eine Basisversorgung erhalten oder sich in ihre Krankheit fügen müssen.
Die Ärzteschaft habe zu langsam reagiert und zu wenig Initiative gezeigt, erklärte Azwar, so daß die meisten Vorschläge, wie ein finanzierbares, für alle zugängliches Gesundheitssystem aussehen könne, von seiten Dritter kämen. Ge­sund­heits­mi­nis­terien, Gesetzgeber, Firmen, Versicherungen machten ihren Einfluß geltend. Diese hätten jedoch häufig keinen Bezug zum medizinischen Alltag. Ärztliche Verpflichtungen und ärztliche Ethik blieben auf diese Weise unberücksichtigt. Viele der scheinbaren Lösungen, darunter auch sogenannte Managedcare-Modelle, führten häufig lediglich dazu, die Ärzte mit dem vollen finanziellen Risiko zu belasten und Patienten aus finanziellen Zwängen weniger als optimal zu versorgen. "Das muß beendet werden", forderte Azwar. Es sei an der Zeit, daß die Ärzteschaft in der gesundheitspolitischen Diskussion wieder die Führungsrolle übernehme.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen nach Ansicht von Azwar die Positionen nationaler und internationaler Ärzteverbände gestärkt werden. Die Verbände dürften sich nicht darauf beschränken, ethische und professionelle Standards vorzugeben oder das "Wohlergehen" der eigenen Mitglieder zu fördern. Die Ärzteschaft müsse sich aktiv an der Weiterentwicklung der nationalen Gesundheitssysteme beteiligen. Der Weltärztebund könne in diesem Zusammenhang wichtige Aufgaben übernehmen. "Wir können nicht hinnehmen, daß Dritte über die Interessen unseres Berufsstandes und das Gesundheitswesen, dem wir dienen, entscheiden", appellierte Azwar an die versammelten Ärztevertreter.
"Wir müssen unsere Ziele überdenken, wenn wir unseren Einfluß behalten oder ausdehnen wollen", sagte auch Dr. Anders Milton, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes. Dabei hält Milton es für wichtig, die medizinethischen Standards kontinuierlich weiterzuentwickeln. Eine große Herausforderung stelle jedoch der gleichberechtigte Zugang aller Menschen zu medizinischen Leistungen dar. Auch in Entwicklungs- und Schwellenländern wie Malaysia zeichne sich ein Trend zur Privatisierung von Gesundheitsleistungen ab, die damit für einen Großteil der Menschen finanziell unerschwinglich würden. Eine der Aufgaben des Weltärztebundes könnte es sein, dieser Entwicklung auf politischer Ebene entgegenzuwirken. Aber: "Um unsere Ansichten durchzusetzen, brauchen wir starke, unabhängige und demokratisch ausgerichtete Ärzteorganisationen", so Milton.
Der "Stimme der Weltärzteschaft" mehr Gewicht zu verleihen, hat sich Dr. Delon Human, neuer Generalsekretär der Organisation, vorgenommen. Seiner Ansicht nach hat der Weltärztebund sowohl das Potential als auch die fachliche Kompetenz, um seinen Einfluß auf gesundheitspolitische Entscheidungen geltend zu machen. Heike Korzilius

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