ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2011Prävention: Krank machende Arbeitswelt

POLITIK: Kommentar

Prävention: Krank machende Arbeitswelt

Dtsch Arztebl 2011; 108(16): A-879

Hölzinger, Jürgen

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Dr. med. Jürgen Hölzinger, Mitglied im Ausschuss für Menschenrechtsfragen der Ärztekammer Berlin
Dr. med. Jürgen Hölzinger, Mitglied im Ausschuss für Menschen­rechts­fragen der Ärzte­kammer Berlin

Es gibt das Menschenrecht auf Arbeit und angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen, sogar das Menschenrecht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit – festgelegt in Artikel 23 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen von 1948. Für viele Menschen scheint dieses Recht aber nicht zu gelten – auch nicht in Deutschland. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat den beruflichen Stress zu „einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Die daraus resultierenden gesundheitlichen und gesellschaftlichen Probleme sind auch in Deutschland zu gravierend, um sie als vermeintlich unabänderliche Kollateralschäden des Wirtschafts- und Finanzsystems zu tolerieren.

Die Angst vor Kurz- oder Langzeitarbeitslosigkeit als existenzielle Bedrohung für eine gesicherte Lebens- und Familienplanung, die eigene Altersabsicherung und die kostenintensive Versorgung und Pflege von Angehörigen drängt Menschen in eine Position, in der sie genötigt sind, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Besonders für Frauen führt die schwierige Vereinbarkeit von Familie, Kindererziehung oder Pflege mit dem Beruf zu lang dauernden, oft nicht zu lösenden Konflikten.

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Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit oder unangemessener und unbefriedigender Arbeitssituation einerseits und psychosomatischen, psychischen und psychosozialen Erkrankungen andererseits muss stärker als bisher in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden. Die Krankenkassen kennen die Zahlen der psychisch und psychosomatisch erkrankten Arbeitnehmer und der Folgekosten. Die Ursachen von arbeitsbedingten Krankheiten könnten Ärztinnen und Ärzte durch einfache Fragen bei der Anamneseerhebung der Patienten aufdecken und quantifizieren.

Statt eines geregelten Wochenrhythmus mit festem Ruhetag für alle wird heute die flexible Arbeitszeit als Fortschritt angesehen. Ständige Erreichbarkeit über E-Mail oder Handy auch außerhalb der Dienstzeit oder im Urlaub führt zur „Entgrenzung“ der Arbeit. Konkurrenz- und Leistungsdruck und drohender Arbeitsplatzverlust sorgen für Disziplin und Selbstausbeutung. Leiharbeit, Kurzarbeit, Minijobs und befristete Arbeitsverhältnisse ersetzen einst gesicherte Arbeitsplätze.

Wer einen Arbeitsplatz hat, leidet oft infolge der Arbeitsverdichtung an permanenter Überforderung. Das führt zu Überarbeitung und ungenügenden Erholungsmöglichkeiten mit zu wenig Zeit für Familie und soziale Kontakte. Konkurrenzdruck und Mobbing gehören immer häufiger zum Berufsalltag. Permanenter Wettbewerb und Konkurrenzkampf sind in der vom Neoliberalismus bestimmten Wirtschaftswelt systemimmanent.

Chronische Überforderung und chronischer Stress bei Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzproblemen verursachen psychosomatische und psychische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkte, Rückenschmerzen, Angststörungen, Depressionen und Suchtkrankheiten. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat auf die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt hingewiesen. Rund elf Prozent aller Fehltage seien 2008 Folge psychischer Erkrankungen gewesen. Die Fehlzeiten in den Betrieben betrugen zwischen drei und fünfeinhalb Wochen mit erheblichen betriebs- und volkswirtschaftlichen Folgekosten.

In den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung werden Lebenskrisen und insbesondere die berufliche Erschöpfung gewöhnlich als „Burn-out“ bezeichnet. Erstaunlicherweise existiert Burn-out in der Medizin weder als Syndrom noch als eigenständige Erkrankung, höchstens als Einflussfaktor. Burn-out sollte aber als eigene Diagnose anerkannt werden. Der akademische Streit, für diese Symptome nur Begriffe wie „Depression“ oder „Angststörung“ gelten zu lassen, verbaut vielen Erkrankten den rechtzeitigen Zugang zu medizinischer Hilfe, weil sie Angst haben, als „psychisch krank“ abgestempelt zu werden.

Die Arbeitsmedizin hat sich seit Beginn des Industriezeitalters besonders um die Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und die Reduzierung körperlicher Belastung im Beruf gekümmert. Das reicht heute nicht mehr. Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Für Krankheiten, Berufsunfähigkeit oder Frühverrentung sind nicht mehr wie früher in erster Linie schwere körperliche Arbeit, Mangelernährung oder der Umgang mit Gefahrenstoffen verantwortlich, sondern die Arbeitsbedingungen in einer Wettbewerbsgesellschaft mit stetig steigenden Renditeerwartungen.

Ärzte müssen ihre betroffenen Patienten und die Öffentlichkeit über die Zusammenhänge zwischen Arbeitssituation und Krankheit aufklären, weil diese oftmals nicht erkannt oder verdrängt werden. Sie können die Arbeitsplatzbedingungen meist nicht ändern. Sie dürfen sich aber trotzdem allein mit „Reparaturmedizin“ nicht zufriedengeben und sich nicht darauf beschränken, Symptome zu behandeln, Medikamente zu verschreiben, im besten Fall psychotherapeutisch zu helfen.

Ärzte haben immer einen präventiven Auftrag. Prävention heißt in diesem Fall auch, die krank machenden Folgen unserer Arbeitswelt zum öffentlichen Thema zu machen.

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