ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997Qualitätssicherung: Bundes­ärzte­kammer webt am Flickenteppich

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Qualitätssicherung: Bundes­ärzte­kammer webt am Flickenteppich

Korzilius, Heike

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LNSLNS Standards, Leitlinien, Indikationslisten, Datenerfassung und Dokumentation, Zertifizierung sind nur einige Maßnahmen zur Qualitätssicherung. In der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in der Medizin schlummern rund 200 solcher Projekte. Diese gehen auf die verschiedensten Initiatoren zurück, darunter: medizinische Fachgesellschaften, die Bundes­ärzte­kammer, Krankenhausgesellschaften und Krankenkassen. Die BÄK, per Gesetz seit 1. Juli mit der Qualitätssicherung ärztlicher Leistungen betraut, muß nun zusehen, wie sie ihre neue Aufgabe gestaltet. Für Konfliktpotential ist gesorgt.


Eine Zusammenarbeit müßte möglich sein, wenn wir an einem Strang ziehen, und das möglichst in derselben Richtung", appellierte Dr. med. Karsten Vilmar, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, an die Teilnehmer der 5. Fachkonferenz "Qualitätssicherung" Ende Oktober in Köln. Versammelt hatten sich Vertreter der Bundes­ärzte­kammer und der Lan­des­ärz­te­kam­mern, Vertreter der Krankenkassen und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
Mit Inkrafttreten der dritten Stufe der Gesundheitsreform sind die Aufgaben der Bundes­ärzte­kammer in der Qualitätssicherung ärztlicher Leistungen beträchtlich erweitert worden. Dem 2. GKV-Neuordnungsgesetz zufolge sollen die BÄK, die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft gemeinsam einen Katalog der Leistungen festlegen, die der Qualitätssicherung unterliegen. Aufgabe der Bundes­ärzte­kammer ist es, die Anforderungen für Qualitätssicherungsmaßnahmen im Krankenhaus zu bestimmen, deren Umsetzung jeweils die Lan­des­ärz­te­kam­mern überprüfen. Die Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft wiederum legen Rahmenempfehlungen zur Umsetzung der Maßnahmen auf Landesebene vor. Vorstellbar wäre nach Ansicht von Prof. Dr. med. Friedrich Kolkmann, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, daß die medizinischen Fachgesellschaften die Qualitätssicherungsmaßnahmen inhaltlich gestalten. Dabei ist die AWMF zur Kooperation bereit: "Sie könnte die wissenschaftliche Basis der Richtlinienkompetenz der BÄK bilden", sagte ihr Präsident, Prof. Dr. med. Hans Reinauer.


Aktivitäten bündeln
Kolkmann räumte ein, daß es derzeit zu viele verschiedene Gremien auf Bundesebene gebe. Vorstellbar sei deshalb, daß die Fäden bei der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in der Medizin (AQS) zusammenlaufen, die von der Bundes­ärzte­kammer, der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen getragen wird.
Die Pläne der BÄK stoßen jedoch nicht bei allen Beteiligten auf Gegenliebe. Beispiel: Fallpauschalen und Sonderentgelte im Krankenhaus. Hier wurde als Qualitätssicherungs- und Kostenkontrollinstrument die Dokumentation von Behandlungs
daten festgeschrieben. Dazu gibt es fast überall Vereinbarungen zwischen Landeskrankenhausgesellschaften und Krankenkassen. Daß dieses Dokumentationssystem verbesserungsbedürftig ist, darin sind sich alle Beteiligten einig. Nicht einig ist man sich hingegen in der Frage, wer die Regie übernimmt. Dazu Kolkmann: "Die Bereitschaft, die Kammern einzubeziehen, ist in den einzelnen Lan­des­ärz­te­kam­merbereichen extrem unterschiedlich ausgeprägt."
Dem hält Dr. med. Hanns Dierk Scheinert vom Verband der Angestellten-Krankenkassen entgegen, daß es Frustrationen und Konfrontationen fördere, wenn geltende Verträge zwischen Krankenkassen und Krankenhausgesellschaften ignoriert und bestehende Strukturen neu bei den Ärztekammern angesiedelt würden. Qualitätssicherung sei ohne die Ärzte nicht denkbar. Sie umfasse jedoch mehr als die Qualitätssicherung ärztlicher Tätigkeit: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Pflege unter dem Mantel der Ärzteschaft Qualitätssicherung betreiben will."
Auch Dr. med. Hermann Schulte-Sasse, Leiter des Stabsbereichs Medizin beim AOK-Bundesverband, ist der Ansicht, daß "Machtspiele" nicht weiterführen und die Probleme nur gemeinsam angegangen werden können. Mancherorts seien einzelne Qualitätssicherungs-Projekte vorbildlich. Diese sollten erhalten bleiben. Der AQS räumt aber auch er eine Rolle ein. Sie könne verhindern, daß sich "eine bunte Spielwiese einzelner Qualitätssicherungs-Projekte entwickelt".
Qualitätssicherungskriterien in einem wissenschaftlichen Fach zu entwickeln, das auf seiten sowohl der Ärzte als auch der Patienten von subjektiven Faktoren bestimmt wird, ist schwierig. Das verdeutlichte die Diskussion um die Frage: Welche sinnvollen Instrumente gibt es, um Indikationsausweitungen zu verhindern? Eine eindeutige Antwort des Gremiums blieb aus. Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Wilfried Lorenz vom Institut für Theoretische Chirurgie der Universität Marburg können Entscheidungsbäume, die auf Daten zur klinischen Epidemiologie basieren, dem Arzt eine Entscheidungshilfe geben, ebenso die Dokumentation von Krankheitsverläufen. Maßstab blieben jedoch immer der individuelle Arzt und Patient. Im Zweifelsfall könne es nötig sein, Indikationen weit zu fassen, um schwerwiegende (und kostenintensive) Komplikationen zu vermeiden. Einige Indikationen eignen sich zur Qualitätskontrolle, andere eben nicht. Heike Korzilius

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