ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997Deutsche Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten: Die Rückkehr ist mit Hindernissen verbunden

POLITIK: Medizinreport

Deutsche Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten: Die Rückkehr ist mit Hindernissen verbunden

Wellmann, Axel

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LNSLNS Für viele junge, ambitionierte Wissenschaftler gelten die Vereinigten Staaten von Amerika als "Mekka" der Forschung. Ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt wird nicht zuletzt auch unter dem Aspekt angestrebt, daß man sich nach der Rückkehr verbesserte Karrierechancen in Deutschland verspricht. Allein an den 20 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Washington DC gelegenen Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH) - es ist die weltgrößte biomedizinische Forschungseinrichtung mit ungefähr 6 000 Wissenschaftlern aus aller Welt und einem Jahresetat von über zwölf Milliarden Dollar - arbeiten mehr als 130 deutsche Forscher.
Der größte Teil von ihnen wird in der Regel für zwei Jahre im Rahmen von Exzellenzprogrammen von der öffentlichen Hand aus Deutschland gefördert, um in den USA ihre Ausbildung zu erweitern, Techniken zu erlernen und auch allgemein zum internationalen Austausch zwischen Forschungseinrichtungen und Kliniken beizutragen. Im Anschluß an ihren Forschungsaufenthalt sollen die Wissenschaftler idealerweise nach Deutschland zurückkehren, um dort fruchtbar zur Innovation des Forschungsprozesses und der klinischen Versorgung beizutragen. Doch die Rückkehr gestaltet sich in vielen Fällen schwieriger als erwartet. Wurden Wissenschaftler mit nachgewiesenem Aufenthalt an renommierten US-Instituten bisher bevorzugt "zu Hause" wieder eingegliedert, erfahren die Betroffenen immer häufiger Widerstände. Aus diesem Grund folgten zirka 160 Stipendiaten, die im Großraum Washingtons arbeiten, einer Einladung der Deutschen Botschaft zu einem Treffen mit Vertretern deutscher Fördereinrichtungen. Ziel dieses ersten Treffens war besonders eine direkte persönliche Kontaktaufnahme zwischen den Stipendiaten, den Fördereinrichtungen in Deutschland, wie Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF), Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Alexander-von-Humboldt-Stiftung und Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD), und Vertretern der Regierung und Ministerien in Washington.
Zu den größten Sorgen der Forscher gehören berufliche Anschluß-Schwierigkeiten nach den Stipendienaufenthalten, wobei im Vordergrund die Suche nach einem Arbeitsplatz steht, der die ohnehin nicht immer problemfreie Fortsetzung der in den USA begonnenen Projekte ermöglicht. Selbst Anfragen für Vortrags- und Gesprächstermine an deutschen Hochschulen, während der - von den Stipendiaten in der Regel selbst finanzierten - Deutschlandaufenthalte, werden zum Teil mit Verweis auf die angespannte Stellensituation abgewiesen.
Weitere Probleme betreffen lückenhafte attraktive Rückführungsprogramme, Inflexibilität der Gesetzgebung und die allgemeine deutsche Hochschulstruktur. Außerdem wurde auf unterschiedliche kulturelle Aspekte wie die "merkantile" US-amerikanische Gesellschaft aufmerksam gemacht. Neu aufgetretene finanzielle Probleme, die sich aus der Art der Stipendienauszahlung ergeben, wurden ebenfalls genannt. Da die Stipendien unabhängig vom Dollarkurs in DM gezahlt werden und es im letzten Jahr zu einem starken Kursverlust der DM gegenüber dem Dollar gekommen ist, haben die Stipendiaten zusammen mit einer überdurchschnittlichen Preissteigerung in den Ballungszentren der USA erhebliche Einkommensverluste hinnehmen müssen. Hinzu kommt, daß sich Stipendiaten im Inland und Ausland in der Regel selbst renten- und krankenversichern müssen. Ebenso wurden Bedenken zu der Finanzierung und generellen Struktur biomedizinischer Forschung und Entwicklung in Deutschland geäußert. So fällt einer Reihe von Wissenschaftlern allein im Angesicht der momentan sehr "rosigen" staatlichen Forschungsfinanzierung und der prosperierenden biomedizinischen und pharmazeutischen Industrie in den USA die Rückkehr in die Bundesrepublik schwer.
Für Ärzte ist darüber hinaus auch eine klinisch-wissenschaftliche Tätigkeit in den Staaten, sofern sie die Eingangsvoraussetzungen wie das amerikanische Staatsexamen erfüllen, eine überlegenswerte Alternative zur Hochschullaufbahn in deutschen Universitäten, die nicht nur unter der bekannten Unterfinanzierung und dem gebeutelten und staatlich reglementierten Gesundheitssystem in Deutschland leiden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, daß, verglichen mit der großen Zahl deutscher Stipendiaten, die zeitweise in die USA gehen, nur eine kaum nennenswerte Anzahl amerikanischer Wissenschaftler nach Deutschland kommt. Sind die Gründe nur sprachlicher Natur, oder betrachten amerikanische Wissenschaftler den Schritt an eine deutsche Forschungseinrichtung etwa als einen "Karriereknick"? Ein ausgeglicheneres bilaterales Verhältnis wäre auf jeden Fall wünschenswert für die deutsche Forschung und den kulturellen Austauch. Wünschenswert wäre auch, einerseits interessantere Rahmenbedingungen für die deutsche Pharma- und biomedizinische Industrie zu schaffen, Firmengründungen durch junge Forscher anzuregen und zu fördern und andererseits die Kooperation von industrieller und staatlicher Forschung auszubauen.
In Zukunft soll der nun begonnene engere Austausch fortgesetzt werden. Vielversprechende Ansätze dazu hat es schon in Form einer Sprechstunde gegeben, die die DFG im Anschluß erstmalig für die Stipendiaten vor Ort angeboten hat. Gemeinsam mit den Fördereinrichtungen und Vertretungen der Bundesregierung und der Bundesministerien vor Ort soll in erster Linie zu der Entwicklung einer moderneren und leistungsfähigeren Forschung in Deutschland beigetragen werden. Das Ziel ist dabei nicht die einfache und unrelativierte Kopie des amerikanischen Systems, sondern eine Forschungsstruktur, die deutsch-europäischen Rahmenbedingungen Rechnung trägt.


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Axel Wellmann
National Cancer Institute, NIH
Building 10 2N 109
Bethesda, MD 20892

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