ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997Cannabis beschäftigt die Schmerzforscher

POLITIK: Medizinreport

Cannabis beschäftigt die Schmerzforscher

Simm, Michael

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LNSLNS Natürliche und synthetische Cannabinoide haben nicht nur einen direkten Effekt auf die Schmerzleitung im zentralen und peripheren Nervensystem, sie können auch Hyperalgesien verhindern. Dies belegen mehrere neue Studien, die auf dem Jahrestreffen der amerikanischen Society for Neuroscience in New Orleans vorgestellt wurden. Daß die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden und Opiaten auf unterschiedlichen Mechanismen beruht, konnte Jeffrey Vivian von der University of Michigan Medical School durch Versuche an Rhesusaffen nachweisen.
Die Tiere zogen ihre Schwänze (im Vergleich zu Plazebo) weniger schnell aus einem 50 Grad Celsius heißen Wasserbad zurück, wenn sie zuvor den natürlichen Inhaltsstoff der Cannabispflanze, Delta-9Tetrahydrocannabinol (THC), das synthetische Cannabinoid WIN 55212-2, Heroin oder das synthetische Opioid U69593 erhalten hatten. "Die Schmerzlinderung war dosisabhängig und für die Opioide generell besser", beobachtete Vivian. Dem meist hohen Suchtpotential der Opioide stünde die teilweise sehr schnelle Toleranzentwicklung mit den meisten Cannabinoiden gegenüber.


Spezifischer Rezeptorblocker
Die Unabhängigkeit beider schmerzlindernder Systeme demonstrierte Vivian durch den Einsatz mehrerer spezifischer Rezeptorblocker. So konnte der Cannabinoid-Rezeptor-Antagonist SR141716A die Wirkung von THC und WIN 55212-2 unterdrücken, hatte aber keinen Einfluß auf die Opioide Heroin und U69593. Umgekehrt zeigte der Opioid-Rezeptor-Antagonist Quadazocin keine Wirkung auf die Cannabinoide. "Dies beweist die Unabhängigkeit der Cannabinoid- und Opioid-Systeme hinsichtlich der Schmerzlinderung", faßte Vivian die Resultate seiner Arbeitsgruppe zusammen. In einer weiteren Untersuchung gelang es Donald Simone und seinen Kollegen von der University of Minnesota, eine experimentell induzierte Hyperalgesie bei Ratten vollständig zu verhindern. Bei diesem Versuch wurde den Tieren Capsaicin in den Hinterlauf injiziert - eine Verbindung, die Chilischoten ihre Schärfe verleiht. Die so erzeugte Hyperalgesie, die anhand der Druck- und Wärmeempfindlichkeit der Ratten quantifiziert wurde, konnten die Forscher dosisabhängig durch WIN 55212-2 mindern.
Eine vor der Injektion von Capsaicin verabreichte Dosis von 100 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht war ausreichend, um die Hyperalgesie vollständig zu unterdrücken, ohne die Reflexe der Versuchstiere - beispielsweise gegenüber Hitze - zu beeinflussen. "Wir wissen jetzt, daß Cannabinoide sowohl die Schmerzleitung als auch die Hyperaktivität spinaler Neuronen blockieren können", sagte Simone.
Die Möglichkeit, Cannabinoide zur lokalen Schmerzlinderung einzusetzen, hat Kenneth Hargreaves von der University of Texas an einem weiteren Tiermodell erfolgreich untersucht. Dabei fand der Pharmakologe heraus, daß Anandamid - ein weiteres natürliches Cannabinoid - sowohl prophylaktisch als auch nach einer Verletzung eingesetzt werden kann.
An isolierten Hautstücken verringert diese Verbindung anscheinend die Durchlässigkeit von Blutgefäßen und verhindert so die Freisetzung schmerzverstärkender Verbindungen. Aus dieser und einer Reihe ähnlicher Untersuchungen zieht Hargreaves den Schluß, daß "die periphere Anwendung von Cannabinoiden eine neue Schmerztherapie darstellen könnte, die Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem vermeidet".
Michael Simm

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