ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1997Flutamid bei Prostatakarzinom: Intermittierende Androgenblockade?

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Flutamid bei Prostatakarzinom: Intermittierende Androgenblockade?

Dtsch Arztebl 1997; 94(48): A-3286 / B-2763 / C-2450

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Gut zehn Jahre nach der Einführung der maximalen Androgenblokkade in die Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms ist die Datenlage eher ernüchternd. Da die zusätzliche Hemmung der adrenalen Androgensynthese nicht zu einer verlängerten Zeit bis zur Progression und nicht zu einer signifikant höheren Überlebenszeit geführt hat, setzen Experten die Hoffnungen jetzt auf die intermittierende Therapie mit nichtsteroidalen Antiandrogenen.
Unstrittig ist die Tatsache, daß der Androgenentzug -- egal wie stark - palliativ wirkt, da hierdurch das Wachstum testosteronabhängiger Karzinomzellen gehemmt wird. Die Patienten versterben jedoch nicht aufgrund der hormonsensitiven, sondern infolge der hormonrefraktären Metastasen, wie Professor Ulf Tunn (Offenbach) bei einem Symposium der Wöwag Pharma in Wiesbaden betonte. Die Bemühungen der Urologen zielen deshalb inzwischen darauf ab, die An-drogenresistenz möglichst lange hinauszuschieben, etwa über eine intermittierende Androgenblockade. Wenn bei kontinuierlicher Antiandrogengabe dem Wachstum hormonrefraktärer Zellen Vorschub geleistet wird, müßten bei zeitweiligem Entzug des Antiandrogens mehr hormonsensitive Karzinomzellen heranwachsen, die dann wiederum einer Therapie zugänglich sind. Entsprechende Studien sind seit einiger Zeit angelaufen, aussagekräftige Ergebnisse liegen laut Tunn jedoch noch nicht vor.
Einigkeit besteht offensichtlich auch darin, daß die medikamentöse Orchiektomie initial mit einer antiandrogenen Therapie kombiniert werden muß, um den vorübergehenden Anstieg des PSA-Wertes zu verhindern, der zu Beginn der GnRH-Analoga-Therapie auftritt (Flare-up-Effekt).
Bei der Soforttherapie mit kontinuierlicher Gabe ist die zentrale Frage, ob die zehn Prozent adrenaler Androgene überhaupt einen Effekt auf das Überleben haben. Nach den jüngsten Ergebnissen der NCI-Study- Group mit fast 1 400 orchiektomierten Patienten verbessert sich unter maximaler Androgenblockade - verglichen mit Plazebo - weder die Überlebenszeit (30 beziehungsweise 31 Monate) noch die Zeit bis zur Progression (21 beziehungsweise 18 Monate).
In der Untergruppe derjenigen Patienten mit weniger als sechs Metastasen wurde unter Flutamid zwar eine um 13 Monate längere Zeit bis zur Progression ermittelt, allerdings war der Unterschied statistisch nicht signifikant.
Da das Fortschreiten des malignen Prozesses in der Regel mit Beschwerden einhergeht, würde eine verlängerte Progressionszeit für den betroffenen Patienten eine gleich lange Überlebenszeit bei besserer Lebensqualität bedeuten, gab ein Teilnehmer beim Einführungssymposium zu Flutamid Dorsch zu bedenken. Diesem Argument wollte sich Tunn nicht völlig verschließen und gab ein klares Votum für eine individuelle Therapie anhand der Symptomatik ab - die Studienergebnisse sollten eine Leitlinie vorgeben. Bei Patienten, die bereits jahrelang einer maximalen Androgenblockade unterworfen sind, sollte das Antiandrogen in jedem Fall dann abgesetzt werden, wenn sich eine Gynäkomastie oder ausgeprägte gastrointestinale Probleme ein-stellen, außerdem beim Anstieg des PSA.
Zur Frage der sofortigen oder verzögerten Androgenblockade zeichnet sich laut Tunn bei der bisherigen, wenig validen Datenlage für die Untergruppe der radikal prostatektomierten Patienten mit guten Ausgangsvoraussetzungen (positiver Lymphknotenstatus, keine Metastasierung) ein gewisser Vorteil für die sofortige Hormontherapie ab: Die Zeit bis zur Metastasierung betrug hier 5,8 Jahre, bei verzögerter Therapie nur 1,8 Jahre. Ob dies hinsichtlich der Überlebenszeit eine Rolle spielt, muß laut Tunn abgewartet werden. Dr. Renate Leinmüller
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