ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Kurskorrektur in französischen Krankenhäusern: Klage über zu hohe Zahl ausländischer Ärzte

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Kurskorrektur in französischen Krankenhäusern: Klage über zu hohe Zahl ausländischer Ärzte

Hermann, Joseph

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LNSLNS Die Académie de médecine in Paris klagt, daß zu viele Stellen in französischen Krankenhäusern mit Ärzten besetzt sind, die ihr Diplom außerhalb der Europäischen Union erworben haben. Im Parlament wurde überlegt, die ausländischen Krankenhausärzte, vor allem die aus Algerien, Marokko und Tunesien, auszuweisen. Auf der anderen Seite fehlen in den öffentlichen Krankenhäusern mehr als 2000 Ärzte, denn für diejenigen, die ein französisches Diplom haben, ist der Dienst im Krankenhaus wegen der geringeren Verdienstmöglichkeiten oft zu unattraktiv.


Von den Angehörigen der Freien Berufe waren die Ärzte die ersten, für die die Niederlassungsfreiheit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft Realität wurde. Das französische Parlament hatte mit einigem Zögern die entsprechende EG-Verordnung ratifiziert, die die gegenseitige Anerkennung der Diplome beinhaltet. Ärzte, die ihr Diplom in einem Staat erworben haben, der nicht der EU angehört, können ihre Anerkennung bei der zuständigen Kommission im Ge­sund­heits­mi­nis­terium beantragen. Sie müssen sich einer mündlichen und schriftlichen Prüfung unterziehen sowie eine klinische und therapeutische Synthese vorlegen. Die Kommission bearbeitet jährlich rund 2 000 solcher Anträge, von denen 100 positiv beantwortet werden. 1993 erhielten beispielsweise 80 Ärzte die Genehmigung, sich niederzulassen oder im öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten.
Die Ärzte mit ausländischem Diplom arbeiten im Krankenhaus unter der Verantwortung eines Stationsarztes. Von den rund 39 000 Ärzten, die in öffentlichen Krankenhäusern beschäftigt sind, haben derzeit rund 7 500 ein ausländisches Diplom. Sie erhalten in der Regel Zweijahres-Verträge, die jeweils verlängert werden können. Die ausländischen Krankenhausärzte beziehen meist ein niedrigeres Gehalt als ihre französischen Kollegen.

Auch erfahrene Ärzte müssen sich qualifizieren
Zur Zeit sind in Frankreich rund 20 000 ausländische Studenten an den medizinischen Fakultäten eingeschrieben. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium vertritt die Auffassung, daß Ausländer, die ihr Medizinstudium in Frankreich erfolgreich abgeschlossen haben, keineswegs automatisch berechtigt sind, auch ihren Beruf dort auszuüben. Die wenigen, die die Möglichkeit erhalten, in einem französischen Krankenhaus zu arbeiten, können nicht mit einer Festanstellung rechnen. Ihre Stellen sind auf zwei Jahre befristet.
Die Académie de médecine hält die gegenwärtige Situation in den Krankenhäusern für untragbar. Häufig sei vor der Anstellung die Qualifikation des ausländischen Bewerbers nicht ausreichend überprüft worden. Dies treffe vor allem auf die Bereiche Anästhesie, Chirurgie und Gynäkologie zu. Unter dem Druck der Ärzteverbände will nun der Ge­sund­heits­mi­nis­ter die Zahl der ausländischen Ärzte begrenzen. Seit dem 1. Januar dürfen die Krankenhäuser keine Ärzte mehr einstellen, die ihr Diplom außerhalb der EU erworben haben. Ausnahmen bedürfen einer gesonderten Genehmigung des Ge­sund­heits­mi­nis­ters, die jedoch nur in seltenen Fällen erteilt wird. Mittlerweile hat die Regierung beschlossen, daß sich alle Ärzte ohne EU-Diplom einer besonderen Eignungsprüfung unterziehen müssen. Das gilt auch für die Ärzte, die schon seit Jahren an französischen Krankenhäusern ihren Dienst versehen. Fachleute gehen davon aus, daß von den 7 500 Ärzten, deren Qualifikation überprüft werden soll, rund 2 000 die Prüfung nicht bestehen werden. Diese Maßnahme wird jedoch von einem Teil der Ärzteschaft abgelehnt. Joseph Hermann

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