ArchivDeutsches Ärzteblatt48/199749. Frankfurter Buchmesse: Auf der Suche nach „Wenderomanen“

VARIA: Buchmesse

49. Frankfurter Buchmesse: Auf der Suche nach „Wenderomanen“

Kohler, Marion

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LNSLNS Literatur erklärt ihre Zeit. Mit dieser Ausgangsthese trat ich meinen Weg von Berlin nach Frankfurt auf die Buchmesse an, noch ganz eingenommen von den 47. Berliner Festwochen, die in diesem Herbst unter dem Titel "Deutschlandbilder" laufen. Ausstellungen wie die bis zum 11. Januar im Martin-Gropius-Bau gezeigte Exposition "Kunst aus einem geteilten Land" sowie ungezählte Lesungen und Diskussionsabende zur Geschichte des geteilten Landes machten mich glauben, daß dieses Thema auch von der Literatenszene aufgegriffen werden müßte. Auf der Buchmesse begab ich mich also auf die Suche nach der Literatur, die in romanhafter Form ein Bild von diesem Land, von deutsch-deutscher Befindlichkeit zeichnet. Unter den mehr als 2 000 belletristischen Neuerscheinungen deutscher Autoren suchte ich die "Wenderomane". Doch das stellte sich als schwieriges Unterfangen heraus, denn im laufenden Jahr scheint dieses Thema von nur minderem Interesse zu sein.
Gewöhnlicherweise sind es die auch als Journalisten tätigen Autoren, die mit der jüngsten vaterländischen Geschichte Schritt halten. Ein Spezialist für Zeitgeschichte ist Friedrich Christian Delius. 1991 wagte er sich als einer der ersten in seinem Prosastück "Die Birnen von Ribbeck" daran, die Vorurteile, Antipathien und Sympathien der in Mannschaften aufgeteilten Deutschen auszusprechen. Doch in diesem Jahr zog sich Delius lieber in die Vergangenheit zurück: in seiner neuerschienenen autobiographischen Erzählung "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen" (Rowohlt Verlag) schildert er die frühen Tage der Studentenrevolte im Berlin anno 1966 auf fast naive Weise. Auch Michael Wildenhain wendet sich in seinem neuen Roman "Erste Liebe, Deutscher Herbst" (S. Fischer Verlag) lieber geschichtlichen Ereignissen zu. RAF-Terrorismus gibt zugegebenermaßen gerade heute, 20 Jahre danach, erneut Anlaß genug, genau hinzusehen. Zwei Autoren aus dem Westen, die der Vergangenheit frönen.


Jens Sparschuh
Bernd Wagner hat sich in verschiedenen Romanen und Textsammlungen eingehend mit den Vor- und Nachwirkungen der Wende beschäftigt. Er läßt sich neben jenen ostdeutschen Autoren einreihen, die diese Zäsur zu ihrem ureigensten Thema gemacht haben. Der Ostberliner Jens Sparschuh beispielsweise veröffentlichte nach "Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman" (1995, Neuauflage bei btb 1997) in diesem Jahr die Prosasammlung "Ich dachte, sie finden uns nicht" (Kiepenheuer & Witsch). In seinen nachdenklichen Feuilletons, Erinnerungsstücken und Porträts wird der radikale Gesellschaftsumbruch spürbar.


Bernd Wagner
Wie Klinger, so bedient sich der gebürtige Sachse Bernd Wagner in seinem neuen Roman "Paradies" (Ullstein) des Kunstgriffs, mit Hilfe von persönlicher Erinnerung den historischen Prozeß einzufangen. Seine Hauptfigur Judith Mehlhorn, eine körperlich und psychisch krank gemachte Frau, findet ihre Vorbilder in der Wirklichkeit: Da ist die Ostberlinerin Bruni Stolpe, die dem Autor diese Geschichte so oder so ähnlich erzählt hat, und da ist Wagner selbst. Er übersiedelte 1985 aus der DDR nach West-Berlin. Jahre nach seiner eigenen Flucht läßt er die Protagonistin Judith die ihre antreten. Sie erfährt die "Altzehnländer" und entdeckt ein Westdeutschland fern jeglicher Ost-Träume. Von ganz unten, als Inhaftierte und als Patientin in der Psychiatrie, wirft sie liebevolle und boshafte Blicke auf den verheißungsvollen Westen. Diesem setzt die Protagonistin ihr Ostdeutschland entgegen, ein starres und unterkühltes Land, in dem nur hinter vorgehaltener Hand gelacht werden kann. Wagners Roman ist eine witzige und spannende, pointiert ironische Bestandsaufnahme Gesamtdeutschlands, der den geteilten Zeitgeist trifft wie kaum ein anderer.


Nadja Klinger
Von der ostdeutschen Journalistin Nadja Klinger erhoffte ich mir ein differenziertes Bild, da sie das Deutschland der Gegenwart in ihren Artikeln sozialkritisch reflektiert. Zwar wird ihr Erstlingswerk "Ich ziehe einen Kreis" (Fest Verlag) damit beworben, daß in der autobiographischen Erzählung "Bilder aus dem Osten mit Überlegungen über den Westen" entworfen werden - doch zum Leben erweckt sie diese Bilder nicht. Die Autorin skizziert das Leben einer Mutter von zwei Kindern im östlichen Teil Berlins. Die Ich-Erzählerin rekapituliert wenig spektakuläre Alltagsszenen aus der eigenen Kindheit, aus dem Leben der Eltern und Großeltern. Über die Tatsache, daß sie in der DDR groß geworden ist und eines Tages erleben mußte, wie die vertrauten Orte ihres Landes unkenntlich und aus der DDR der Osten gemacht wurden, reflektiert die Protagonistin nur sehr oberflächlich. Klinger ergeht sich leider in vielen Andeutungen und scheint dem Zwang unterlegen zu sein, zwischen den kleinen privaten Erlebnissen und der großen Politik den Zusammenhang zu finden.


Irina Liebmann
Auch Irina Liebmann gehört dieser Gruppe an. In ihrem Reisebuch "Letzten Sommer in Deutschland. Eine romantische Reise" (Kiepenheuer & Witsch) beobachtet sie die psychologischen, politischen und historischen Zustände in Ost und West. Ihre in lyrischer Prosa verfaßte Reportage eignet sich, um eine literarische Reise durch die deutsche Gegenwart zu beginnen und so im Spiegel der Literatur erste Erklärungen zu finden.
Das ist die Ausbeute meiner Suche nach "Wenderomanen" auf der Frankfurter Buchmesse: Nur wenige in diesem Jahr erschienenen Werke wagen den Versuch, die Wirklichkeit "Deutsch-Deutschlands" literarisch zu verarbeiten. Ist dieses Thema im trostlosen siebten Jahr nach der Vereinigung zu prekär? Folgen sowohl die west- als auch die ostdeutschen Autoren lieber der Einheitstümelei mancher Politiker und wagen es deshalb nicht, offen auszusprechen, daß noch immer zwei Herzen in Deutschlands Brust schlagen? Vielleicht ist aber diese Ignoranz der Autoren gegenüber den Nachwehen der Wende auch ein weiteres Anzeichen für eine politikmüde Nation. Marion Kohler

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