ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1997WHO – Multiresistente Tuberkulose: Epidemie ist nicht ausgeschlossen

SPEKTRUM: Akut

WHO – Multiresistente Tuberkulose: Epidemie ist nicht ausgeschlossen

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Eine Geschäftsreise nach Lettland oder Rußland, ein Besuch der Altstadt Delhis in Indien oder ein Kurztrip in die Dominikanische Republik können zu einer Infektion mit Tuberkelbazillen führen, die auf die herkömmlichen Medikamente nicht mehr ansprechen. Die vier Länder gehören nach den Ergebnissen der Studie "Anti-Tuberculosis Drug Resistance in the World" der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zu den Regionen mit einer stark zunehmenden Verbreitung der multiresistenten Tuberkulose. Die WHO hat zusammen mit den Centers for Disease Control and Prevention der USA und der International Union Against Tuberculosis and Lung Disease in 35 Ländern insgesamt 50 000 Tuberkulose-Fälle ausgewertet. In allen Ländern (bis auf Kenia) wurden Resistenzen gefunden. Die Prävalenz war jedoch unterschiedlich.

Am stärksten betroffen in Europa ist derzeit Lettland. Hier sind 22 Prozent der Stämme gegen zwei oder mehr Medikamente resistent. In Rußland sprechen sieben Prozent, in der Dominikanischen Republik neun Prozent und in Delhi sogar dreizehn Prozent der Patienten nicht mehr auf die traditionellen Tuberkulostatika Isoniazid und Rifampicin an. Gewiß: Das Risiko für den einzelnen Geschäftsreisenden und Touristen ist derzeit denkbar gering. (Andere Risiken sind größer: An einer Londoner Klinik konnte jüngst jede zweite Syphilisinfektion auf eine Osteuropareise zurückverfolgt werden.) In den meisten Ländern dürfte die Zahl der Patienten mit multiresistenter Tuberkulose nicht höher als 1 000 sein. Man schätzt, daß ein Patient pro Jahr nicht mehr als zehn bis 20 Patienten ansteckt. Dennoch ist die WHO ernsthaft besorgt.

Weltweite Epidemien mit multiresistenten Erregern seien nicht mehr auszuschließen. In erster Linie richtet sich der Appell an die Regierungen, die Behandlung der Tuberkulose zu verbessern. Die meisten Fälle von multiresistenter Tuberkulose sind Folge einer durch den Patienten vorzeitig abgebrochenen Behandlung. Früher wurden die Patienten deshalb stationär in Tuberkulosekliniken behandelt. Dies gilt heute nicht mehr als zeitgemäß. Die WHO fordert seit einiger Zeit aber die Umsetzung von DOTS, der "directly observed treatment strategy". Sie hat in mehreren Ländern bereits zu einem Rückgang der Resistenzen geführt - zum Beispiel in Algerien, Chile, Korea, Tansania und in den USA (New York). Auch die jetzige Untersuchung zeigt: In den Ländern, in denen eine DOTS betrieben wird, ist die Häufigkeit einer multiresistenten Tuberkulose gering. Weltweit wird aber erst jeder zehnte Patient unter Aufsicht behandelt. Rüdiger Meyer

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