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Berichte über sexuellen Missbrauch in Heimen, Schulen und Internaten sowie in kirchlichen Einrichtungen, insbesondere solchen der katholischen Kirche, haben in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit viel Aufsehen erregt. Die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle waren, Presseberichten zufolge, auch verantwortlich dafür, dass innerhalb eines Jahres 150 000 Menschen die katholische Kirche verlassen haben.

Seelische Misshandlung

Herkömmlicherweise unterscheiden wir zwischen Vernachlässigung, körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch, wobei die zuletzt genannte Bezeichnung eigentlich unangebracht ist, weil sie unterstellt, dass es auch einen „sexuellen Gebrauch“ gibt. Wenig beachtet wird in der Literatur und auch in der Öffentlichkeit, dass auch seelische Misshandlungen existieren, die häufig dieselben schwerwiegenden Folgen haben wie körperliche Misshandlungen. Zu ihnen zählen:

  • tätliche Auseinandersetzungen Erwachsener vor den Augen der Kinder
  • Ausschluss aus der Gemeinschaft
  • Einsperren
  • Zerstörung von Eigentum eines Kindes
  • Erniedrigung
  • Demütigung.

Einige dieser Misshandlungen werden in der angelsächsischen Literatur unter dem Begriff „verbal abuse“ zusammengefasst. Exemplarisch für seelischen Missbrauch mag der in der Literatur mehrfach berichtete Fall gelten, wonach ein Vater als Strafe das Lieblingstier (ein Kaninchen) seines Sohnes vor dessen Augen tötete (1).

Die hier definitorisch auseinandergehaltenen schädigenden Handlungen treten häufig kombiniert auf (2), was auch in dem vorliegenden Beitrag von Häuser et al. (3) hervorgehoben wird. Ihr Artikel basiert auf einer repräsentativen Befragung einer Bevölkerungsstichprobe im Jahre 2010 zu Misshandlungserfahrungen in Kindheit und Jugend. Von den Befragten berichteten 1,6 % über schweren emotionalen Missbrauch, 2,8 % über schweren körperlichen, 1,9 % über schweren sexuellen Missbrauch sowie 6,6 % über schwere emotionale und 10,8 % über schwere körperliche Vernachlässigung in der Kindheit. Diese Ergebnisse stimmen weitgehend mit einer früheren deutschen Studie von Wetzels (4) überein.

Der Beitrag von Häuser et al. geht von der Erlebnisseite der Misshandlungserfahrung aus und berücksichtigt insofern auch das Dunkelfeld, worunter diejenigen Fälle verstanden werden, die nicht zur Anzeige kommen und somit in der offiziellen Statistik auch nicht auftauchen. Die polizeiliche Kriminalstatistik, die eine Verdächtigenstatistik ist, weist jährlich zwischen 3 000 und 3 500 körperliche Misshandlungsfälle bei Kindern auf und zwischen 12 000 und 13 000 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern. Laut Verurteiltenstatistik kam es aber wegen des zuletzt genannten Deliktes im Jahr 2009 nur zu 2 242 Verurteilungen.

Bei der körperlichen Misshandlung sind in mehr als 95 % der Fälle Erwachsene die Täter, beim sexuellen Missbrauch trifft dies auf rund 68 % der Fälle zu; der Rest verteilt sich auf Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Für beide Delikte wird ein hohes Dunkelfeld vermutet.

Spuren in der Hirnstruktur

Misshandlungen, seien sie körperlicher oder seelischer Natur, hinterlassen zwar häufig, aber nicht immer schwerwiegende Folgen. Immer aber hinterlassen sie auch eine Spur im Gehirn. Dies zeigen nicht nur Untersuchungen zu einschlägigen Gedächtnisinhalten bei Menschen, die missbraucht wurden, sondern auch solche zu Hirnstruktur und Hirnfunktion von Misshandlungsopfern (57).

Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend körperliche und sexuelle Misshandlungen erfahren haben, leiden im späteren Leben überdurchschnittlich häufig an psychischen Auffälligkeiten. Sie fühlen sich in ihrem Wohlbefinden generell beeinträchtigt und leiden im Vergleich zu Menschen, die von derartigen Erfahrungen verschont geblieben sind, häufiger an

  • posttraumatischen Belastungsstörungen
  • Somatisierungsstörungen
  • Essstörungen (insbesondere Bulimia nervosa)
  • Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch
  • Depressionen
  • Borderline-Störungen
  • suizidalem Verhalten.

Sie haben häufig unbefriedigende sexuelle Beziehungen oder neigen zu riskanten sexuellen Verhaltensweisen (8).

In Befragungen von psychiatrisch erkrankten Patienten haben bis zu 60 % über körperliche oder sexuelle Misshandlungen in ihrer Vorgeschichte berichtet. Es ist aber nicht möglich, aus diesen Angaben kausale Schlüsse zur Verursachung ihrer Erkrankung zu ziehen. Zum einen wissen wir viel zu wenig darüber, wie häufig Patienten mit anderen Erkrankungen über derartige Ereignisse Auskunft geben. Zum anderen wissen wir gar nichts über junge Menschen, die körperlich oder sexuell misshandelt wurden, aber diese Ereignisse so verarbeitet haben, dass sie von einer psychischen Erkrankung verschont geblieben sind.

Bewältigungspotenzial

In diesem Zusammenhang sind die Untersuchungen an rumänischen Waisen- und Heimkindern aufschlussreich. Sie zeigen nicht nur, dass die Folgen schwerster Deprivation und Vernachlässigung durch Verbringen in eine optimale Umgebung signifikant gebessert, um nicht zu sagen kompensiert werden können, sondern auch, dass die Fähigkeit oder besser gesagt die Möglichkeit, mit derartigen Erlebnissen konstruktiv umzugehen, interindividuell verschieden ist. Dies wird auf eine unterschiedliche genetische Ausstattung der Kinder zurückgeführt. Die Kinder, die bezüglich des Serotonintransporter-Gens zwei kurze Allele (s/s) oder ein kurzes und ein langes Allel (s/l) aufwiesen, hatten in der Adoleszenz signifikant häufiger emotionale Störungen als die Kinder, deren Phänotyp durch zwei lange Allele (l/l) gekennzeichnet war (9). Dieser genetischen Erklärung steht der psychologische Ansatz gegenüber, der eine gelungene Auseinandersetzung mit derartigen Belastungen auf protektive Faktoren zurückführt, die einerseits in der Person und andererseits in der Umgebung lokalisiert sein können (10). Ein Zusammenhang zwischen beiden Erklärungsansätzen, insbesondere unter dem Aspekt der Interaktion, ist als wahrscheinlich anzusehen.

Fragwürdige Erziehungsmethoden

Die Betrachtung von Misshandlungsereignissen ist nicht unabhängig von rechtlichen Bestimmungen und gesellschaftlichen Strömungen. Wo körperliche Züchtigungen als Erziehungsmaßnahme zulässig sind oder gesellschaftlich akzeptiert werden, ist stets auch eine Misshandlungsgefahr gegeben. Die zugelassene Ohrfeige entgleist nicht selten zur Trommelfellperforation. Insofern war es angebracht, dass der Gesetzgeber bereits vor Jahren körperliche Züchtigungen als Erziehungsmaßnahme unter Strafe gestellt hat. Wo extreme sexuelle Freizügigkeit als Ideal propagiert wird, besteht die Gefahr, dass die sexuelle Misshandlung Minderjähriger gar nicht als solche angesehen wird, sondern als ein Akt der Befreiung von der prüden und erstarrten kleinbürgerlichen Sexualmoral. Dies zeigen beispielhaft die Ereignisse an der Odenwaldschule, wo unter dem Deckmantel der Reformpädagogik die Pädophilie Einzug hielt. In diesen Zusammenhang gehören auch freizügige sexuelle Umgangsformen, die von manchen Vertretern der 1968er Generation in Kommunen und Kinderläden gepflegt und auch schriftlich festgehalten wurden (11). Inwieweit derartiges Gedankengut in den Köpfen derjenigen noch vorhanden ist, die damals derartiges propagiert haben und die heute Kinder und Jugendliche betreuen, entzieht sich unserer Kenntnis. Für die katholischen Priester, die durch sexuelle Handlungen aufgefallen sind, wird man eine derartige Haltung wohl nicht annehmen können.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfasssers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Philipps-Universität Marburg
Schützenstraße 49
35039 Marburg

The Emotional and Neurological Consequences of Abuse

Zitierweise
Remschmidt H: The emotional and neurological consequences of abuse.
Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 285–6. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0285

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Stutte H: Probleme der körperlichen und seelischen Misshandlung. In: Stutte H (ed.): Jahrbuch für Jugendpsychiatrie und ihre Grenzgebiete. Bern: Huber Verlag 1971; vol. 8: 122–33.
2.
Herrmann B, Dettmeyer R, Banaschak S, Thyen U: Kindesmisshandlung. 2nd edition. Heidelberg: Springer Verlag 2010.
3.
Häuser W, Schmutzer G, Brähler E, Glaesmer H: Maltreatment in childhood and adolescence—results from a survey of a representative sample of the general German population. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 287–94. VOLLTEXT
4.
Wetzels P: Gewalterfahrungen in der Kindheit. Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden: Nomos 1998.
5.
Bremner JD, Narayan M, Staib LH, et al.: Neural correlates of memories of childhood sexual abuse in women with and without posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry 1999; 156: 1787–95. MEDLINE
6.
Bremner JD, Vythilingam M, Vermetten E, et al.: MRI and PET study of deficits in hippocampal structure and function in women with childhood sexual abuse and posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry 2003; 160: 924–32. MEDLINE
7.
Ito Y, Teicher MH, Glod CA, Harper D et al.: Increased prevalence of electrophysiological abnormalities in children with psychological, physical, and sexual abuse. J Neuropsychiatry Clin Nerurosci 1993; 5: 401–8. MEDLINE
8.
Polusny MA, Follette VM: Long-term correlates of child sexual abuse: Theory and review of the empirical literature. Cambridge University Press: Applied & Preventive Psychology 1995; 4: 143–66.
9.
Kumsta R, Stevens S, Brookes K, et al.: 5 HTT genotype moderates the influence of early institutional deprivation on emotional problems in adolescence: evidence from the English and Romanian Adoptee (ERA) study. J Child Psychol and Psychiat 2010; 51: 755–62. MEDLINE
10.
Egle UT, Hoffmann SO, Joraschky P (eds.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung. Stuttgart: Schattauer 1997.
11.
Cohn-Bendit D: Der große Basar. München: Trikont 1975.
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Philipps-Universität Marburg: Prof. Dr. med. Dr. phil. Remschmidt
1.Stutte H: Probleme der körperlichen und seelischen Misshandlung. In: Stutte H (ed.): Jahrbuch für Jugendpsychiatrie und ihre Grenzgebiete. Bern: Huber Verlag 1971; vol. 8: 122–33.
2.Herrmann B, Dettmeyer R, Banaschak S, Thyen U: Kindesmisshandlung. 2nd edition. Heidelberg: Springer Verlag 2010.
3.Häuser W, Schmutzer G, Brähler E, Glaesmer H: Maltreatment in childhood and adolescence—results from a survey of a representative sample of the general German population. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 287–94. VOLLTEXT
4.Wetzels P: Gewalterfahrungen in der Kindheit. Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden: Nomos 1998.
5.Bremner JD, Narayan M, Staib LH, et al.: Neural correlates of memories of childhood sexual abuse in women with and without posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry 1999; 156: 1787–95. MEDLINE
6.Bremner JD, Vythilingam M, Vermetten E, et al.: MRI and PET study of deficits in hippocampal structure and function in women with childhood sexual abuse and posttraumatic stress disorder. Am J Psychiatry 2003; 160: 924–32. MEDLINE
7.Ito Y, Teicher MH, Glod CA, Harper D et al.: Increased prevalence of electrophysiological abnormalities in children with psychological, physical, and sexual abuse. J Neuropsychiatry Clin Nerurosci 1993; 5: 401–8. MEDLINE
8.Polusny MA, Follette VM: Long-term correlates of child sexual abuse: Theory and review of the empirical literature. Cambridge University Press: Applied & Preventive Psychology 1995; 4: 143–66.
9.Kumsta R, Stevens S, Brookes K, et al.: 5 HTT genotype moderates the influence of early institutional deprivation on emotional problems in adolescence: evidence from the English and Romanian Adoptee (ERA) study. J Child Psychol and Psychiat 2010; 51: 755–62. MEDLINE
10.Egle UT, Hoffmann SO, Joraschky P (eds.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung. Stuttgart: Schattauer 1997.
11.Cohn-Bendit D: Der große Basar. München: Trikont 1975.

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