ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1997Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen und psychiatrischer Versorgungsbedarf

MEDIZIN: Diskussion

Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen und psychiatrischer Versorgungsbedarf

Reker, Thomas; Podschus, Jan

Zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Reker, Priv.-Doz. Dr. med. Bernd Eikelmann in Heft 21/1997
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LNSLNS Kognitive Störungen unter Wohnungslosen
Die Autoren, Priv.-Doz. Reker und Priv.-Doz. Eikelmann, haben mit Deutlichkeit und Engagement den sozialpsychiatrischen Versorgungsbedarf unter Wohnungslosen beschrieben.
Anzufügen bleibt noch, daß bei Wohnungslosen auch aufgrund kognitiver Störungen die Ressourcen zur Selbsthilfe oft gering sind. In unserer in Berlin durchgeführten Studie zu Alkoholabhängigkeit unter Wohnungslosen fanden wir fast 20 Prozent Sonderschulabgänger. Selbst bei Berücksichtigung der schulischen Qualifikation lagen 15,2 Prozent der Wohnungslosen in einem kognitiven Kurztest (Mini-Mental-State) mehr als eine Standardabweichung unter der Norm. Als Ursache hierfür ergaben sich im klinischen Interview frühkindliche Hirnschäden, erworbene Hirntraumen und vor allem alkoholbedingte amnestische und dementielle Störungen der Betroffenen (1).


Literatur
1. Podschus J, Dufen P: Alkoholabhängigkeit unter Wohnungslosen in Berlin. 1995; 41: 348-354.


Dr. med. Jan Podschus
Hertzbergstraße 2
12055 Berlin


Schlußwort
Dem Hinweis des Kollegen Podschus kann ich nur zustimmen. Kognitive Störungen sowohl als prämorbide Handicaps als auch als eine Folge eines exzessiven Alkoholkonsums sind häufig und begrenzen die Fähigkeit zu Selbsthilfe und eigenverantwortlichem gesundheitsfördernden Verhalten bei den Betroffenen. Die damit zusammenhängende klinische Problematik ist allerdings nicht nur auf die Gruppe der wohnungslosen Suchtkranken beschränkt. Vielmehr zeigt sich hier ein konzeptionelles Defizit in der Behandlung von Suchtkranken ganz allgemein. Therapeutische Konzepte und praktische Hilfen für chronisch Abhängige mit ihren multiplen Folgeschäden sind bisher zu wenig entwickelt und praktisch erprobt worden. Dies gilt vor allem für außerklinische Angebote. Im Vergleich zum Beispiel zu chronisch-schizophren erkrankten Menschen findet sich hier ein erhebliches Versorgungsdefizit, das sich an den wohnungslosen psychisch Kranken in besonders dramatischer Weise zeigt.


Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Reker
Klinik für Psychiatrie der
Universität Münster
Albert-Schweitzer-Straße 11
48149 Münster

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