ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Bildungskommission NRW: Vom Kopf auf die Füße

VARIA: Bildung und Erziehung

Bildungskommission NRW: Vom Kopf auf die Füße

Driesen, Oliver

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LNSLNS Die Reform-Wut deutscher Bildungs-Bürokraten ist notorisch. Die Folgen für das Schulsystem haben die Schüler besonders in sozialdemokratisch regierten Bundesländern seit den frühen 70er Jahren immer wieder zu spüren bekommen. Gleichzeitig tut Reform mehr denn je not. Ausgerechnet aus einem SPDStammland kommt nun ein Kommissionsvorschlag, der durch Radikalität und Realismus für Aufsehen sorgt.
Als Johannes Rau, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, vor dreieinhalb Jahren eine Kommission einsetzte, um Vorschläge zur Anpassung des Schulwesens an die geänderten gesellschaftlichen Realitäten ausarbeiten zu lassen, mag das alte Kanzlerwahlkampf-Motto des "Bruder Johannes" ("Versöhnen statt spalten") sein Motiv gewesen sein. Was die Kommission nun aber als 384seitiges Gutachten*) vorlegte, stünde wohl eher einem Gerhard Schröder als Auftraggeber zu Gesicht. Denn für Zündstoff ist gesorgt.
Dabei hatte der oberste NRW-Sozialdemokrat Experten unterschiedlichster Couleur in das Gremium berufen, um in den zu findenden Konsens möglichst viele Interessen einzubinden: nebst etlichen verdienten Pädagogen (Vorsitz: Professor Karl-Peter Grotemeyer, Bielefeld) vermeintliche Antagonisten wie die Ex-Ministerin Eva Rühmkorf und den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper.
Fernab vom Wahn, Lehrpläne und Personalschlüssel, Kostenstrukturen und Kontrollverfahren bis ins Detail den überlasteten und trägen Ministerial-Apparaten zu übereignen, strebt die Kommission mutig einen "Regionalismus" des Schulwesens, Subsidiarität und weitgehende Selbstverwaltung an. Wer all dieses will, muß durchaus nicht gleich einer Revolution das Wort reden, und die Kommission tut es auch nicht: "Das Schulsystem soll als in der Regel öffentliches ebenso erhalten bleiben wie die staatliche Gesamtverantwortung, die auch Interventionsmöglichkeiten gegenüber Einzelschulen und Schulträgern einschließt. Allerdings wird die Regulierung durch den Staat in vielen Bereichen durch das Handeln der Beteiligten in den Einzelschulen oder lokaler/regionaler demokratisch legitimierter Gremien ersetzt."
Gelten soll die Teil-Autonomie auch im Finanzbereich. Hier zeichnet sich der Einfluß der WirtschaftsVertreter auf das Gremium ab. Dennoch wird die Kirche im Dorf gelassen: Die Gutachter bleiben bei der staatlich-kommunalen Finanzierung des Schulwesens, die jedoch im Sinne eines "Pauschalfinanzierungskonzepts" flexibilisiert werden soll. Mit "regionalen Fonds" sollen örtliche Besonderheiten besser berücksichtigt werden, daneben wird ein "Wettbewerb der Schulen um zusätzliche öffentliche Ressourcen" angestrebt. Alles in allem trotz Industrie-Einfluß eine "Absage an eine Marktsteuerung der Ressourcen" – was diejenigen beruhigen kann, die nichts mehr fürchten als eine neue Klassengesellschaft des Bildungswesens.
Was die Bürokratie am wenigsten erträgt – die Kommission schlägt es vor, Kapitel um Kapitel: Eigeninitiative, Demokratisierung, Selbstverantwortung. Und alles aufgefangen in einem Netz völlig neugestalteter staatlicher Rahmenaufsicht, die sich aufs Wesentliche konzentriert und Innovation genauso zuläßt wie Konkurrenz. Das alles natürlich nur mittel- bis langfristig und nur, falls "für die Dauer des Prozesses keine Verschlechterungen in der Finanzierung des Bildungswesens stattfinden". Auch das verrät Realismus. Oliver Driesen
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