ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2011Screening: Wesentliche Fragen weiterhin unbeantwortet
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Für die Erreichbarkeit des postulierten, durchaus sinnvollen Ziels einer Reduktion der tubaren Sterilität mittels eines wie auch immer gearteten Chlamydienscreenings gibt es bislang keine Evidenz. So müssen nach einer aktuellen britischen Untersuchung 147 Frauen gescreent und 13 behandelt werden, um eine Chlamydiensalpingitis zu verhindern; auf der anderen Seite waren 79 Prozent aller Frauen mit Eileiterentzündung beim Screening negativ. Hinzu kommt, dass in älteren Untersuchungen die Komplikationsrate der zervikalen Infektion (oder Kolonisation?) beziehungsweise Salpingitis vermutlich zu hoch angesetzt wurde, etwa um den Faktor 100. Vor diesem Hintergrund ist das Spektrum der Bewertung des Screenings von wünschenswert bis hin zu „a story of hysterical communication of fear for future fertility and poor evidence, just bad medicine“ breit und die Entscheidung offen.

Wesentliche Fragen sind weiterhin unbeantwortet. Korreliert der zervikale Chlamydienbefall mit dem der Urethra? Ist Urin in Anbetracht der darin enthaltenen Inhibitoren überhaupt für die PCR geeignet? Was bedeutet dieser Faktor beim Poolen mehrerer Proben? Was ist mit den Frauen, bei denen zum Zeitpunkt der Chlamydiensalpingitis infolge kompletter Aszension keine Chlamydien mehr in der Zervix nachweisbar sind, was etwa jede zweite Patientin betrifft? Was kann ein Screening einmal im Jahr bei einem Therapiefenster für die Salpingitis von nur wenigen Tagen hinsichtlich der tubaren Sterilität überhaupt bewirken?

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Dem Fazit der Deutschen Agentur für Health Technology Assessment des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information im Vorfeld der Screeningentscheidung und im gesetzlichen Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2005 ist auch heute nichts hinzuzufügen, wenn es dort heißt: „Angesichts der vorliegenden Evidenz ist es nicht zu erwarten, dass durch eine isolierte Aufnahme des Screenings für Chlamydia trachomatis in den Leistungskatalog der GKV im Rahmen der Früherkennungsleistung . . . bevölkerungsgesundheitliche Ziele tatsächlich erreicht werden können, wenn das Screenung nur auf Frauen begrenzt sein soll . . . und die Früherkennung nicht im Rahmen eines gezielten Programms von altersgerechten Maßnahmen zur Aufklärung und Primärprävention von Chlamydieninfektionen (eventuell auch von STD im allgemeinen) eingebettet wird.“

Für eine erfolgreiche Umsetzung des Chlamydienscreenings fehlt die Basis, was nicht bedeutet, dass das 1995 etablierte Screening in der Schwangerschaft nicht sinnvoll war und ist. Daneben sollte bei entsprechender Anamnese und/oder Klinik stets gezielt untersucht werden, bei Verdacht auf Salpingitis sind auch laparoskopisch gewonnene Tubenabstriche heranzuziehen. Und: Vor dem Hintergrund des verordneten generellen Screenings sollte sich in der Praxis ein Gynäkologe trotz aller Zweifel derzeit nicht von der Maßnahme ausschließen, um nicht forensisch in Bedrängnis zu geraten.

Literatur beim Verfasser

Univ.-Prof. Dr. med. habil. Prof. Dr. h. c. Udo B. Hoyme, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, HELIOS Klinikum Erfurt, 99089 Erfurt

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