ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2011Arbeitsmedizin: Wichtig ist Nachwuchsförderung

THEMEN DER ZEIT

Arbeitsmedizin: Wichtig ist Nachwuchsförderung

Schoeller, Annegret E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zu wenig Ärzte entscheiden sich für den Weg in die Arbeitsmedizin. Deshalb muss das Fach für den Nachwuchs attraktiver gestaltet werden.

Nur Ärzte mit arbeitsmedizinischer Fachkunde sind berechtigt, in Betrieben betriebsärztlich tätig zu werden. Aktuell weisen 12 233 Ärzte eine arbeitsmedizinische Fachkunde nach. Gegenüber dem Vorjahr ist deren Anzahl in etwa konstant geblieben (–0,3 %, Stand: 31. Dezember 2010). Die Anzahl der Ärzte mit der Facharztqualifikation „Arbeitsmedizin“ hat sich dafür um 1,5 Prozent erhöht. Erwartungsgemäß hat sich der Anteil der Betriebsärzte mit der arbeitsmedizinischen Fachkunde nach § 6 Abs. 2 Unfallverhütungsvorschrift (UVV) „Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit“ um 10,3 Prozent verringert, da die sogenannte Learning-by-Doing-Weiterbildung aus Qualitätssicherungsgründen von allen Lan­des­ärz­te­kam­mern abgeschafft wurde. Diejenigen, die noch aufgeführt sind, begannen ihre Weiterbildung noch nach der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung von 2004. Mit Ablauf der Übergangsfrist zum 31. Dezember 2010 ist ein Abschluss der Weiterbildung auf dieser Grundlage nicht mehr möglich. Darunter fallen noch 140 registrierte Personen aus dem Jahr 2010.

Betriebsärzte oft über das 65. Lebensjahr hinaus berufstätig

Anzeige

Die Analyse nach Altersgruppen im Jahr 2010 zeigt, dass 4 831 Ärzte bereits 65 Jahre und älter sind. Weitere 1 647 sind 60 bis 64 Jahre alt. Demnach sind 53 Prozent aller Betriebsärzte 60 Jahre oder älter. Von diesen sind sehr viele zwar noch betriebsärztlich tätig, jedoch ist abzusehen, dass sie mittelfristig dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Die Zahl der 35- bis 39-Jährigen beträgt nur 246 (–16% gegenüber dem Vorjahr), die der 40- bis 44-Jährigen 840 (–10,4%). Diese Zahlen belegen, dass sich zu wenig Ärzte für den Weg in die Arbeitsmedizin entscheiden. Allerdings fällt diese Entscheidung oft erst später, nachdem bereits eine Facharztqualifikation erlangt wurde.

Die vorliegenden Zahlen zur Altersstaffelung zeigen, dass in den nächsten Jahren deutlich mehr Betriebsärzte aus dem Arbeitsleben ausscheiden als nachwachsen werden. Dass gleichwohl derzeit noch kein stark erhöhter Personalmangel zu verzeichnen ist, erklärt sich dar-aus, dass viele Betriebsärzte auch über das 65. Lebensjahr hinaus betriebsärztlich tätig sind. Mittelfristig ist allerdings von einem Mangel an Betriebsärzten auszugehen.

Ziel muss es sein, die Arbeitsmedizin für den Nachwuchs attraktiver zu machen. Dies bedeutet auch, dass die Arbeitsbedingungen und die Honorierung der weiterzubildenden Ärzte deutlich verbessert werden müssen. Aber es muss auch in der Öffentlichkeit und in den Betrieben deutlich werden, dass das Fach Arbeitsmedizin und die Zusatzqualifikation Betriebsmedizin einen wichtigen Platz im Arbeitsschutz und in einem präventiv ausgerichteten Gesundheitssystem einnehmen.

Die Politik hat das Problem mittlerweile erkannt

Inzwischen befassen sich auch Bund und Länder mit der Nachwuchsförderung in der Betriebsmedizin. In der 87. Arbeits- und Sozialministerkonferenz (ASMK) wurde am 20./21. Oktober 2010 in Wiesbaden über die „Sicherung des arbeitsmedizinischen Nachwuchses“ und einen diesbezüglichen Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) beraten und darauf hingewiesen, dass das Fachgebiet Arbeitsmedizin in medizinischen Kreisen offensichtlich noch nicht ausreichend präsent sei. Studierende wie auch Ärztinnen und Ärzte würden häufig nur Teilaspekte arbeitsmedizinischer Tätigkeit kennen. Daher sei eine gute Öffentlichkeitsarbeit mit Aufklärung über das Profil, die ethischen Vorstellungen und die Ziele arbeitsmedizinischer Prävention eine notwendige Voraussetzung für die Nachwuchsgewinnung. Förderlich könne der Hinweis auf geregelte Arbeitszeiten und gute Chancen zur Teilzeitarbeit sein. Des Weiteren sollten Möglichkeiten zur Verbesserung oder auch finanziellen Förderung der arbeitsmedizinischen Weiterbildung, zur angemessenen Bezahlung der Betriebsärzte und zum vermehrten Einsatz von fachkundigem Hilfspersonal erörtert werden.

Die 87. ASMK stellte fest, dass die langfristige Sicherung des erforderlichen arbeitsmedizinischen Nachwuchses dringend Beiträge aller Akteure erfordert, die sich mit der Gesunderhaltung der Beschäftigten befassen. Im Ausschuss für Arbeitsmedizin (AfAMed) beim BMAS sind die Sozialpartner, die Länder, die Unfallversicherungsträger, Vertreter der Wissenschaft und die Bundes­ärzte­kammer, somit alle wesentlichen Entscheidungsträger und Multiplikatoren, versammelt. Auf Vorschlag des BMAS soll das Thema Nachwuchssicherung vom AfAMed im Rahmen einer Konferenz behandelt werden. Die verschiedenen Bänke sollten dort ihren möglichen Beitrag zur Verbesserung der Lage der Betriebsärzte in die Diskussion einbringen. Diese Initiative der Arbeits- und Sozialministerkonferenz der Länder sowie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die die Sicherung des arbeitsmedizinischen Nachwuchses zum Ziel hat, wird ausdrücklich von den Arbeitsmedizin-Gremien der Bundes­ärzte­kammer begrüßt.

Dr. med. Annegret E. Schoeller

Bereichsleiterin Arbeitsmedizin

Bundes­ärzte­kammer

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote