ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2011Rehabilitation: Dramatisches Versorgungsdefizit
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

„Teilhabe am beruflichen und gemeinschaftlichen Leben“ wurde bereits im Jahre 2001 (!) als das oberste Ziel der Rehabilitation im 9. Sozialgesetzbuch, dem Rehabilitationsgesetz, definiert. Wie Leonie von Manteuffel schreibt, erklärt jetzt – zehn Jahre nach Inkrafttreten dieses Gesetzes – der größte deutsche Rehaträger, die Deutsche Rentenversicherung, berufliche Teilhabe als Leitziel der medizinischen Rehabilitation. Endlich, denkt man. Wie überraschend nur . . ., dass dies „neue“ Leitziel der DRV nur den Indikationsbereich der Orthopädie betrifft . . .

Ihrem gesetzlichen Auftrag wird die DRV damit nicht gerecht. Auf der Strecke bleibt – weiterhin! – die berufliche Wiedereingliederung der zahlreichen jungen und mittelalten Menschen mit Schädelhirnverletzung und sonstigen neurologischen Erkrankungen . . .

Anzeige

Zweifelsohne bedürfen die schwer betroffenen, in ihrer beruflichen Integration gefährdeten Rehabilitanden neben der medizinischen auch einer spezifischen medizinisch-beruflich-orientierten und dann beruflichen Rehabilitation in speziellen Schwerpunkteinrichtungen und Förderwerken. Diese Zentren können durchaus entfernt vom eigenen Lebens- und Arbeitsumfeld gelegen sein. In der Neurologie sind diese Phase-II-Einrichtungen für Schwerbetroffene sehr erfolgreich (siehe Rollnik et al. 2011).

Was ist aber mit der sehr großen (und steigenden) Zahl der neurologischen Patienten, die zum Zeitpunkt ihrer Behandlung zwar noch über einen Arbeitsplatz verfügen, dann aber nach meist kurzer Anschlussheilbehandlung und Heilverfahren die Klinik arbeitsunfähig ohne geeignete Nachsorge verlassen (in der Neurologie sind das bis zu 80 Prozent!)? Hier besteht ein dramatisches Versorgungsloch, das durch beruflich-orientierte Appendices der klinischen Reha, wie zum Beispiel IRENA, nicht zu schließen ist: Viele dieser Rehabilitanden – die jungen und mittelalten Menschen mit vermeintlich „milder“ organischer Hirnschädigung durch Schädelhirntrauma, Schlaganfall, MS, Enzephalitis und Hypoxieschaden etc. – leiden an den „nicht sichtbaren“ Einschränkungen mentaler und kommunikativer Fähigkeiten und an der nur „schwer einsehbaren“ organisch begründeten psychophysischen Minderbelastbarkeit. Die eigenen Versuche einer Rückkehr ins Arbeitsleben scheitern sehr oft, fast regelhaft . . .

Die notwendige Belastungserprobung unter fachkundiger Begleitung im wirklichen Leben, am eigenen Arbeitsplatz, und das Coaching in der stufenweisen Wiedereingliederung sind im nachsorgenden Leistungsangebot von GKV und DRV nicht verfügbar . . .

Die traditionelle Rehabilitationskette greift zu kurz und wird nicht bis in den „Sozialraum“ – in der wirklichen Arbeitswelt – wirksam. Niedergelassene Medizin, Hausarzt und Facharzt und Heilmittelbereich
sind entgegen der verbreiteten Behauptung der Sozialträger mit der Umsetzung der Integrationsarbeit überfordert, ebenso die Arbeit-
geber . . .

Dabei sind die Besonderheiten der beruflichen Wiedereingliederung neurologischer Patienten und der Vorteil der wohnort- und arbeitsplatznahen flexiblen Versorgung bekannt und werden in einzelnen Modellen seit vielen Jahre auch praktiziert. Die „sozialräumigen“ arbeitsplatznahen Konzepte der beruflichen Wiedereingliederung zeichnen sich aus durch eine möglichst nahtlose und frühe Überleitung von medizinischer in medizinisch-berufliche Rehamaßnahmen mit Funktionstherapien und Aktivierung, systematischer Beachtung der individuellen Rahmenbedingungen sowie dem ständigen Abgleich von individueller Leistungsfähigkeit und berufsnotwendigem Bedarfsprofil. Wichtige Elemente dieser Konzepte sind Arbeitstherapie und Belastungserprobung am realen Arbeitsplatz im „eigenen“ betrieblichen Kontext. Teilhabeplanung und Fallmanagement erfolgen vor Ort zusammen mit Patient, Arbeitgeber, gegebenenfalls Arbeitskollegen als betrieblichen Coachs, gegebenenfalls Betriebsarzt und dem multiprofessionellen Rehateam oder auch „nur“ monotherapeutisch mit Neuropsychologen oder neurokompetentem Berufsberater. Wenn der Rehaberater des Trägers, wie bei der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) dabei ist, umso besser – ein Kontinuum, ein Netz . . .

Die gesetzlichen Unfallversicherungen und die private Versicherungs-wirtschaft mit ihrer gesamtökonomischen Fallverantwortung „aus einer Hand“ suchen gezielt diese flexible Versorgungsform. Auch DRV und GKV könnten von diesen effektiven, bedarfsgerechten und flexiblen Konzepten profitieren, wenn es nicht das Sektorengerangel und die Verschiebebahnhöfe vor allem auch wegen der Lohnersatzleistungen wie Übergangsgeld und Krankengeld gäbe . . .

Dr. Dr. med. habil. Paul Reuther, Neurologisches Zentrum für Rehabilitation, Eingliederung und Nachsorge RheinAhr, 53474 Bad Neuenahr-
Ahrweiler

Prof. Dr. med. Wolfgang Fries, Zentrum für
ambulante neurologische Komplexbehandlung und Nachsorge, 81242 München

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Stellenangebote