ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2011Medizinische Rehabilitation: Mit Vernetzung zum Erfolg

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Medizinische Rehabilitation: Mit Vernetzung zum Erfolg

Manteuffel, Leonie von

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Wenn Haus- und Betriebsärzte mit Rehaeinrichtungen an einem Strang ziehen, trägt das zum Behandlungserfolg bei. „Nachhaltigkeit durch Vernetzung“ war auch das Schwerpunktthema des Rehawissenschaftlichen Kolloquiums in Bochum.

Die Anforderungen am Arbeitsplatz müssen bei der Rehabilitation berücksichtigt werden. Foto: Photothek
Die Anforderungen am Arbeitsplatz müssen bei der Rehabilitation berücksichtigt werden. Foto: Photothek

Nachhaltigkeit durch Vernetzung“ war das Motto des 20. Rehawissenschaftlichen Kolloquiums im März. Etwa 1 500 Ärzte, Psychologen und weitere Rehafachkräfte hatte der dreitägige Fachkongress der Deutschen Rentenversicherung (DRV) in die Universität Bochum gezogen. Anhand aktueller Forschungsergebnisse und Projekterfahrungen wurde diskutiert, wie die medizinische Rehabilitation enger in die Versorgungskette und in die Lebens- und Arbeitswelt der Patienten eingebunden werden kann. Ein wichtiger Ansatz dabei: die Vernetzung mit Betrieben.

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Als Paradebeispiel gelungener Vernetzung gilt der Übergang vom Akutkrankenhaus in die Anschlussrehabilitation. Anders liegen die Verhältnisse, zum Leidwesen engagierter Rehamediziner, im ambulanten Zugang und bei der Nachsorge. „Die Sphäre der häuslichen und die Sphäre der rehabilitativen Versorgung klaffen immer noch weit auseinander“, sagte Professor Dr. med. Hendrik van den Bussche, bis Ende März Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in einer Plenarveranstaltung. Die Allgemeinmediziner gingen eher reaktiv als proaktiv mit möglichem Rehabedarf ihrer Patienten um, allerdings „bei 50 bis 100 Patienten am Tag nachvollziehbar“. Reha und Hausärzte zusammenzubringen, sei daher ein „steiniger Weg“.

Betriebsärzte einbinden

Nähergekommen in den letzten Jahren sind sich jedoch die Rehaeinrichtungen, die Leistungsträger und die Arbeitsmediziner in Unternehmen. Dr. med. Wolfgang Panther, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, lobte die regionalen Verbundprojekte, bei denen Arbeitsmediziner Rehaverfahren einleiten können und eine strukturierte Verständigung über das Rehaverfahren vereinbart wurde. „Wir wollen Beschäftigungsfähigkeit sichern, wir erkennen Gesundheitsrisiken und können als Betriebsärzte auf die Beschäftigten zugehen“, erläuterte er die aktive Rolle der Mediziner. Seit etwa fünf Jahren vernetzen sich in unterschiedlicher Ausprägung Rentenversicherungsträger, Rehaeinrichtungen, Ärztekammern, Ärzteverbände und Betriebsärzte – so bislang in Baden-Württemberg, Mitteldeutschland, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

Ein Beispiel ist das Projekt „WeB-Reha“ in Nordrhein-Westfalen. „Vom Anbahnen einer medizinischen Rehabilitation über arbeitsbezogene Rehabilitationsleistungen bis zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt haben die beteiligten Akteure Vereinbarungen für eine enge Kooperation getroffen“, erläuterte Ulrich Theißen, Projektleiter und Leiter des Fachbereichs Reha-Management bei der DRV Rheinland. Drei Interventionen bilden das betriebliche WeB-Reha-Gerüst, welche das vorherige Einverständnis des Versicherten voraussetzen (siehe Kasten). Das Verfahren beginnt mit dem Anbahnen der Rehabilitation durch den Betriebs- oder Werksarzt. Dieser unterstützt den Versicherten beim Rehaantrag und fügt einen ärztlichen Befundbericht und eine Arbeitsplatzbeschreibung bei. Nach Abschluss der Rehabilitation folgt ein betriebsärztliches Eingliederungsgespräch. Sechs Monate später prüft der Betriebsarzt die Nachhaltigkeit der Rehabilitationsleistungen und sendet an die Rehaeinrichtung eine Stellungnahme zurück, die auch der Versicherungsträger erhält.

DRV und Kliniken verpflichten sich zu zeitnahen Bescheiden und Arztberichten, die zudem einen möglichst realistischen sozialmedizinischen Befund enthalten und so eine Orientierung der betrieblichen Akteure über den weiteren Einsatz des Beschäftigten erleichtern sollen. Auf dem Kolloquium berichtete Dr. med. Erich Knülle, Betriebsarzt und Leiter Rehabilitation und Wiedereingliederung bei der Kölner Fordwerke GmbH, über Erfahrungen des Unternehmens. Gemeinsam mit der orthopädischen Lahntalklinik in Bad Ems hatte er schon 2002 eine enge Zusammenarbeit begonnen. Sowohl die Pflicht zum Eingliederungsmanagement (§ 84, Absatz 2 SGB IX) als auch die demografische Entwicklung sind ein Motor der Vernetzung. „Die alternde Belegschaft ist längst Realität. In gewachsenen deutschen Unternehmen ist ein Durchschnittsalter von über 45 Jahren keineswegs mehr selten“, sagte Knülle.

Die Fordwerke in Köln haben demnach in den letzten drei Jahren 350 WeB-Reha-Anträge angestoßen, die zu mehr als 90 Prozent bewilligt wurden. Die Indikationen entsprechen den allgemeinen Trends: Orthopädie und Psychosomatik liegen an der Spitze. Der Arbeitsmediziner zeigte auf, dass die Eingliederungsquote bei den WeB-Reha-Maßnahmen 95 Prozent erreichte, während extern beantragte Verfahren auf 77 Prozent kamen. Zudem sei die Zeitspanne zwischen Rehaende und vollschichtiger Arbeitsaufnahme von 52 (extern) auf 17 Kalendertage beim WeB-Reha-Verfahren gesunken. „Wir sparen bei jedem WeB-Rehafall fast 10 000 Euro“, rechnete der Mediziner mit einem Ansatz von 286 Euro pro Beschäftigten und Tag vor. Natürlich müsse man, um genau zu sein, die Verteilung nach Indikationen und weiteren Merkmalen in beiden Kollektiven berücksichtigen. So seien extern die Anschlussrehabilitationen, vermutlich mehr Langzeitkranke sowie Sucht- und Krebsfälle, zu finden. „Doch die Tendenz bleibt eindeutig.“ Weiterer Nutzen: der Erhalt der Arbeitsfähigkeit, das Vermeiden von Chronifizierung und eine höhere Reputation der betriebsärztlichen Fürsorge.

Für Rehamediziner ist die Arbeitsplatzbeschreibung ein wesentlicher Informationsgewinn. Sie enthält zumindest Stichworte, bei einem Paketzusteller zum Beispiel das Maximalgewicht der Pakete, die tägliche Anzahl an Sendungen und an Treppenstufen. Die Angaben reichen von Text, ergänzbar mit Bildern und Kurzfilmen, bis zu standardisierten Assessments wie dem Work Ability Index (WAI) oder dem Profilsystem für die „Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt“ (IMBA).

Zeitnahe Entlassberichte

Das branchen- und indikationsübergreifende IMBA-System etwa erfasst anhand von neun Kategorien mit 70 Hauptmerkmalen, was eine Arbeit an Leistungen verlangt. So werden unter anderem Körperhaltung, Fortbewegung, Umgebungseinflüsse, Arbeitsorganisation und erforderliche Schlüsselqualifikationen registriert. „Wir haben damit objektive Daten, die die Eigenauskunft der Patienten ergänzen und ein arbeitsplatzbezogenes Fähigkeitentraining ermöglichen“, sagt Dr. med. Werner Kühn, Chefarzt in der Lahntalklinik.

Es werde dem Rehateam so erleichtert, gemeinsam mit dem Rehabilitanden und im ärztlichen Austausch mit dem Unternehmen eine realistische Perspektive zu entwerfen, die in konkrete Empfehlungen mündet. Immer wieder haben Arbeitsmediziner vielerorts zu pauschale Aussagen in Entlassberichten beklagt – beliebtes Beispiel „darf nicht schwer heben“. Solche Angaben könnten eine Weiterbeschäftigung gefährden. Die Berichte seien inzwischen differenzierter geworden, stellte Betriebsarzt Knülle heraus. Zum Teil wird von den Kliniken am letzten Rehatag ein vorgezogener Kurzbericht übermittelt.

In „WeB-Reha“ vernetzt sind inzwischen über 50 große Unternehmen, die DRV Rheinland, Westfalen und Knappschaft-Bahn-See, beide Ärztekammern Nordrhein-Westfalens, der arbeitsmedizinische Dienst BAD, der Landesverband der Deutschen Betriebs- und Werksärzte und die IAS-Stiftung. Mehr als 800 WeB-Reha-Anträge sind daraus in den letzten drei Jahren bei den Rentenversicherungen eingegangen. Weitere Substanz werden die Vernetzungsprojekte im Lande wohl künftig gewinnen, wenn die „Medizinisch-Beruflich orientierte Rehabilitation“ in den Rehaeinrichtungen flächendeckend ausgebaut wird, wie es ein Stufenplan der DRV Bund vorsieht (siehe DÄ, Heft 4/2011). Besondere berufliche Probleme sollen nach einer arbeitsbezogenen Diagnostik systematisch mit einem breiten Spektrum an Therapie- und Trainingsmaßnahmen bearbeitet werden.

Eine besondere Herausforderung für die Rehaleistungsträger sind freilich kleine bis mittlere Unternehmen. „Wir wollen darüber unsere Gespräche mit dem Betriebsärzteverband und dem überbetrieblichen Gesundheitsdienst intensivieren“, stellte Projektleiter Theißen in Aussicht. Dar- über hinaus sollen Klein- und Mittelunternehmen aus der Region auch direkt angesprochen werden. Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Niederrhein in Duisburg und dem Institut für Betriebliche Gesund­heits­förder­ung werden circa 2 500 Firmen im Mai zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. So sollen auch Firmenleitungen von Klein- und Mittelbetrieben für die Vorteile rechtzeitiger, vernetzter Rehabilitation sensibilisiert werden.

Leonie von Manteuffel

@www.forschung.deutsche-rentenver sicherung.de („Rehawissenschaftliches Kolloquium“) und www.medizinisch-berufliche-orientierung.de

WeB-Reha

Das Projekt WeB-Reha (www.web-reha.de) ist eine Kooperation von Werks- und Betriebsärzten und der Deutschen Rentenversicherung in Nordrhein-Westfalen. Ziel ist es unter anderem, den Rehabilitationsbedarf frühzeitig zu erkennen. Der Erhalt der Gesundheit und des Arbeitsplatzes soll so unterstützt werden.

Die betriebsärztliche Intervention im WeB-Reha-Verfahren umfasst:

  • Anbahnen des Rehaantrags mit Befundbericht und Arbeitsplatzbeschreibung
  • Eingliederungsgespräch nach Abschluss der medizinischen Rehabilitation
  • Stellungnahme zur Nachhaltigkeit nach sechs Monaten

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