ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1997Korruptionsverdacht: „Schlupflöcher“ stopfen

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Korruptionsverdacht: „Schlupflöcher“ stopfen

Glöser, Sabine

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LNSLNS Die Kardiologen markierten den Anfang. Jetzt stehen alle Augenärzte, alle Radiologen und alle Laborärzte im Verdacht, Abrechnungen zu manipulieren und die Krankenkassen um Millionen zu prellen. Jüngstes Beispiel: "Laborärzte kassieren jährlich illegal 100 Millionen DM", heißt es.
Diese pauschalen Vorwürfe gegen die Vertragsärzte können jedoch zur Zeit weder bestätigt noch dementiert werden. Die Ermittlungen laufen. Was bleibt - egal, wie viele Ärzte um welche Summe betrogen haben sollten , ist das Bild des korrupten, geldgierigen Arztes.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer glaubt, daß sich die große Mehrheit der Ärzte korrekt verhält. Aufgrund der vielen Ermittlungen will er sich aber nun gemeinsam mit den Kassenärzten und Krankenkassen an einen Tisch setzen. Maßnahmen müßten her, die einen Betrug "deutlich erschweren".
Der Fehler liegt in einem System mit gravierenden Mängeln. Die Honorarmisere der vergangenen Jahre hat die Probleme verschärft. Sie mag einzelne Ärzte dazu verleitet haben, zum Beispiel "in die Menge" zu gehen - wohl auch "Abrechnungsakrobatik" zu betreiben.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Spitzenverbände der Krankenkassen arbeiten daher schon seit längerem an einer neuen Gebührenordnung. In naher Zukunft sollen Leistungskomplexe und pauschale Vergütungen eine gerechtere Honorarverteilung ermöglichen und Manipulationen verhindern.
Wenn einzelne Ärzte ihren persönlichen Vorteil in unlauterer Weise suchten, sei das nicht zu entschuldigen, "jedoch durchaus mit den seit Jahrzehnten verkrusteten Strukturen zu erklären", meint auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Dr. h. c. Karsten Vilmar. Die "Schlupflöcher" müßten gestopft und das System insgesamt vereinfacht und damit effizienter gestaltet werden.
Wie jedoch eine Kriminalisierung ganzer Gruppen konstruiert werden könne, sagte Vilmar, habe bereits der sogenannte Herzklappenskandal gezeigt: Von den ursprünglich mehr als 1 800 Verdachtsfällen sei es bisher nur in sehr wenigen Fällen zu einer Anklage gekommen. Dr. Sabine Glöser
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