ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1997Rotavirusinfektionen: Jetzt Impfstoff gegen Durchfallerkrankung

SPEKTRUM: Akut

Rotavirusinfektionen: Jetzt Impfstoff gegen Durchfallerkrankung

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Jedes Jahr sterben in den Entwicklungsländern mehr als eine halbe Million Kinder an Durchfallerkrankungen, die durch Rotaviren ausgelöst werden. Das Virus ist auch in Industrieländern der häufigste Erreger einer Diarrhö im Säuglingsalter. Wegen der guten medizinischen Versorgung sind hier jedoch kaum Todesfälle zu verzeichnen. Gleichwohl entstehen Kosten durch die medizinische Versorgung. Der Hersteller Wyeth-Ayerst hat deshalb gute Chancen, im Dezember von der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) die Zulassung für den ersten wirksamen Impfstoff gegen virale Durchfallerkrankungen zu erhalten. Die Vertreter dürften der Behörde vorrechnen, daß den jährlichen Kosten von 250 Millionen Dollar für die Impfserie Einsparungen in Höhe von 500 bis 600 Millionen Dollar für die medizinische Behandlung von Durchfallerkrankungen gegenüberstehen.


Der Impfstoff ist Ergebnis einer jahrelangen Forschung der National Institutes of Health in Bethesda. In einem "modifizierten Jenner-Ansatz" wurde ein Virus, das bei Rhesusaffen Durchfall auslöst, beim Menschen aber ungefährlich ist, gentechnisch mit den Epitopen der vier wichtigsten Serotypen beim Menschen versehen. Versuche in Finnland (Lancet 1997; Vol 350 No 9086) haben gezeigt, daß der Impfstoff die Hälfte aller Infektionen und 80 Prozent der schweren Durchfallerkrankungen verhindert. Schwere Dehydrierungen treten kaum noch auf. In den Entwicklungsländern, wo er am meisten gebraucht wird, erwies sich der Impfstoff jedoch als unwirksam. In Brasilien und Peru wurde die Zahl der schweren Durchfallerkrankungen nur um 30 bis 45 Prozent reduziert. Durch eine Verstärkung des Impfstoffs konnte die Erfolgsrate jetzt verbessert werden.

Eine neue Studie (NEJM 1997; Vol 337 No 17) in Venezuela belegt, daß die Impfung mittlerweile 70 Prozent der schweren Durchfallerkrankungen und 75 Prozent der Dehydrierungen verhindert. Dennoch wird sich die WHO im Gegensatz zur FDA mit einer Empfehlung schwertun. Die Kosten für den Impfstoff übersteigen die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben von fünf bis 20 Dollar der Länder wie Bangladesch. Dort könnte der Impfstoff einen wesentlichen Beitrag zur Senkung der Kindersterblichkeit leisten. Der Hersteller weiß dies. Vielleicht hat er deshalb gar nicht erst versucht, den Wirkungsnachweis in diesen Ländern zu führen. Möglicherweise müßte der Impfstoff für die unterernährten und deshalb immungeschwächten Kinder noch ein weiteres Mal verstärkt werden. In den Schwellenländern wie Venezuela dürfte dagegen genügend Geld für eine Impfkampagne vorhanden sein.
Rüdiger Meyer

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