ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1997Geschichte der deutschen Ärzteschaft

SPEKTRUM: Bücher

Geschichte der deutschen Ärzteschaft

Robert Jütte

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LNSLNS Geschichte der Ärzte
Triumphe und Krisen
Robert Jütte (Hrsg.): Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert, 319 Seiten, 143 Abbildungen und Tabellen, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 1997, 68 DM


Kritische Reflexion
Im Sommer dieses Jahres wurde in Eisenach der 100. Deutsche Ärztetag feierlich begangen. Und man hatte auf der Wartburg einen guten Anlaß, sich neben dem Blick auf die sorgenvolle Gegenwart und Zukunft auch auf die eigene Geschichte zurückzubesinnen. Markieren doch hundert Deutsche Ärztetage, die nicht alljährlich abgehalten wurden, von 1873 bis 1997 immerhin 124 Jahre deutscher Medizin- und Ärzteschaftsgeschichte.
In diesem Zeitraum lagen die größten Triumphe, aber auch die tiefsten Krisen und moralischen Niederlagen der deutschen Ärzteschaft: Forschungserfolge Kochs, Behrings oder Ehrlichs und vieler mehr, jedoch auch zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, zwei schwere Nachkriegszeiten haben ihre Spuren hinterlassen. Der Blick zurück ist daher aus guten Gründen mehr als zufriedene Selbstversicherung, er ist auch kritische Reflexion des historischen Standortes und Bewußtmachung der historischen Verhältnisse zum Staat, in die sich die deutsche Ärzteschaft von den Jahren der Reichsgründung bis heute eingelassen hat, in die sie aber auch gezwungen wurde.
Daß ein solcher Blick zurück nun umfassend möglich ist, ist diesem Buch zu verdanken. Sachkundig und verständlich wird hier erstmals eine umfassende Darstellung der Geschichte der deutschen Ärzteschaft und ihrer Organisationen vorgelegt. Dabei spannt sich der historische Bogen in sieben Hauptkapiteln von der "gelehrten" Periode ärztlicher Vereinsgründungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts (Robert Jütte), die auch den Blick auf Reformbestrebungen demokratischer Ärzte während der bürgerlichen Revolution 1848/49 freigibt, bis hin zu den jüngsten Phasen der "Vergangenheitsbewältigung" in der deutschen Ärzteschaft während der letzten Jahrzehnte (Norbert Jachertz).
Deutliche Akzente setzt der Band bei der Entstehungsphase der einheitlich organisierten deutschen Ärzteschaft in den frühen Jahren des Zweiten Kaiserreichs (Hedwig Herold-Schmidt) sowie bei den harten sozialpolitischen Kämpfen um die Jahrhundertwende und besonders während der Weimarer Republik (Eberhard Wolff). Gerade der Beitrag von Wolff über die organisierte Ärzteschaft zwischen 1914 und 1933 zeigt, daß mehr als nur materielle Interessen die ärztliche Standespolitik in der schweren Kriegs- und Nachkriegszeit beherrscht haben. Klar wird aber auch, wie die national-sozialistische Bewegung von Anfang an geschickt und erfolgreich verstanden hat, sich vor allem die materiellen Nöte und Interessen der deutschen Ärzteschaft auf ihre Fahne zu schreiben und sich für große Teile der Ärzteschaft lange vor 1933 attraktiv zu machen.
Daß der Band erzwungene Knechtschaft, aber auch Versagen und Selbsterniedrigung der deutschen Ärzteschaft unter der NS-Diktatur thematisiert, ist inzwischen selbstverständlich. Martin Rüther stützt sich in seinem Kapitel über das ärztliche Standeswesen im Nationalsozialismus auf den reichen Forschungsstand der jüngsten Historiographie und informiert den Leser sachkundig über diese dunkle Phase der deutschen Ärzteschaft. Der historische Bogen spannt sich von der schnellen und bereitwilligen Selbstgleichschaltung über die rücksichtslose und eigennützige Ausschaltung, Verfolgung und Vertreibung jüdischer Ärztinnen und Ärzte, immerhin rund 9 000 bis 10 000 zwischen 1933 und 1945, bis hin zur Einbindung der Ärzteschaft in den Leistungs- und Rassenwahn der Machthaber. Die besonderen Belastungen der Ärzteschaft in der Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung unter extremen Kriegsbedingungen, aber auch die opfervollen Leistungen deutscher Ärzte an vielen Fronten des Zweiten Weltkrieges hätten stärker herausgearbeitet werden können.


Chronik der Ärztetage
Thomas Gerst und Klaus-Dieter Müller berühren in ihren Beiträgen die unterschiedliche Nachkriegsentwicklung der deutschen Ärzteschaft. Gerst beleuchtet Neuaufbau und Konsolidierung ärztlicher Selbstverwaltung und Interessensvertretung in den alliierten Westzonen und in der Bundesrepublik Deutschland. Müller umreißt die Entwicklung der deutschen Ärzteschaft in der sowjetisch besetzten Zone und in der Deutschen Demokratischen Republik bis zu deren abruptem Ableben im Jahre 1989. Der Beitrag Müllers belegt allerdings auch, daß die historische Nähe zu den Ereignissen bisweilen eine doch noch zu enge Gesamtperspektive gestattet. Hier ist noch erhebliche, historisch-kritische Forschungsleistung zu erbringen.
Insgesamt ist aber - trotz kleinerer Kritiken - eine durchaus nützliche, streckenweise sogar brillante und fraglos lobenswerte Gesamtgeschichte der organisierten deutschen Ärzteschaft entstanden, die ihresgleichen derzeit nicht findet. Dieses Buch, ergänzt durch eine vollständige Chronik der Ärztetage, eine nützliche Bibliographie zur Geschichte der deutschen Ärzteschaft sowie ein hilfreiches Personal- und Sachregister, ist umfassend und allgemeinverständlich. Es gehört in jeden ärztlichen Bücherschrank!
Wolfgang U. Eckart,
Heidelberg

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