ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1997Humanalbumin per Milchproduktion: Mit Dolly auf dem Weg zu rekombinanten Proteinen

POLITIK: Medizinreport

Humanalbumin per Milchproduktion: Mit Dolly auf dem Weg zu rekombinanten Proteinen

Leinmüller, Renate

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Völlige Stille herrschte im Plenarsaal, als einer der "Väter" von Dolly und Polly, Dr. Ian Wilmut, auf dem Weltgynäkologenkongreß in Kopenhagen von Kerntransfer, genetischer Modifikation und dem Ziel berichtete, Gerinnungsfaktoren und Humanalbumin aus der Milch von Schafen oder Kühen zu gewinnen. Kurz: Die Gene komplizierter Eiweißmoleküle sollen gezielt in Schafe und Kühe "eingebaut" werden, so daß das gewünschte Genprodukt mit der Milch gewonnen werden kann. Etwa 300 bis 400 Schafe sind laut Wilmut (Roslin Institute, Edinburgh) ausreichend, um weltweit langfristig den Bedarf an Gerinnungsfaktoren sicherzustellen.
Die Schafe Dolly und Polly, die weltweit großes Aufsehen erregten, sind auf diesem Weg nur Zwischenstufen. Als erste Hürde mußte der Kerntransfer gelingen. Dabei wird in den perivitellinen Raum einer entkernten, unbefruchteten Eizelle ein Donorzellkern mit dem neuen Genom eingebracht, beide werden durch einen "Stromstoß" fusioniert. Dadurch wird die Eizelle aktiviert und die Entwicklung aus der neu "konstruierten" Eizelle initiiert.
Als Donorzellen können die Kerne aus embryonalen, fetalen oder - wie bei Dolly - somatischen Zellen eines erwachsenen Säugers eingesetzt werden. Die Forscher um Wilmut haben insgesamt über 800 Morula- oderBlastozytenstadien erhalten, daraus entwickelten sich jedoch nur acht lebende Tiere: vier beim Einsatz embryonaler Zellen, drei aus Fetalzellen - und Dolly. Nicht nur die Ausbeute ist mager, erläuterte Wilmut, die Methode scheint mit erheblichen Gefahren belastet: Manche der Tiere versterben kurz nach der Geburt, viele weisen ein erhöhtes Geburtsgewicht auf und sind zu groß. Dies liege offensichtlich an der Kultur der jungen Entwicklungsstadien, da hierbei "Riesenembryonen" entstehen - eventuell handle es sich aber auch um eine Folge des Kerntransfers. Auch die zweite Hürde ist noch nicht genommen: der gezielte, sichere Einbau des Gens für das gewünschte Protein. Die Forscher wollen dabei nicht - wie bei Polly - auf das Zufallsprinzip vertrauen, sondern streben eine gezielte Genmodifikation und -vermehrung vor dem Kerntransfer an, was derzeit noch nicht möglich ist. "Aber Dolly war bis vor kurzem ja auch nicht denkbar", sagte Wilmut hoffnungsvoll. Anwendungsmöglichkeiten für diese Techniken sieht Wilmut bei landwirtschaftlichen Nutztieren, aber auch beim Menschen. Er lehnt zwar eine Klonierung von Menschen strikt ab ("Ich finde das Klonieren von Menschen nicht beänstigend, nur traurig"), sieht aber den Staat und die Öffentlichkeit in der Pflicht, dies zu verhindern. "Die Technik sollte zur Therapie von Krankheiten eingesetzt werden, nicht zum Klonieren von Menschen. Dies wäre allein schon wegen der Ineffizienz inhuman, aufgrund der Beobachtungen mit der erhöhten Sterblichkeit und dem Riesenzuwachs auch viel zu gefährlich."
Eine Möglichkeit in Zukunft ist für den Forscher die Weiterentwicklung zellulärer Therapieformen, etwa die Dedifferenzierung von Zellen über den Weg, sie ins "Embryonalstadium" zurückzuführen: Per Kerntransfer könnte - eventuell nach Korrektur eines genetischen Defektes - ein Embryo erzeugt werden, in Kultur würde die Differenzierung erfolgen; die "Ersatz-Zellen" aus dem Embryo könnten dann wieder auf den Patienten transferient werden.
Das aus finanzieller Sicht jedoch lohnendste Anwendungsgebiet ist das "gene targeting" oder "gene farming", bei dem das Gen für ein humanes Protein gezielt und bleibend in die Erbsubstanz der gewählten Tier-Donorzelle eingeführt werden muß, ohne daß der Verlust des Gens oder auch Begleitmutationen zu befürchten sind. Die bisher angewandten Methoden - und damit auch Polly - erscheinen Wilmut dabei langfristig nicht sicher genug.
Das Team will verschiedene Gerinnungsfaktoren, die jeweils wohl patentrechtlich geschützt werden, über die Milch von Schafen produzieren. "Sie lassen sich daraus leichter isolieren als aus Serum oder Kulturmedien, denn Milch enthält nur etwas mehr als zehn Proteine", so Wilmut. Angedacht ist auch ein Projekt, Humanalbumin von Rindern produzieren zu lassen; mehrere tausend Tiere wären dazu nötig, schätzt der Forscher. Aber damit nicht genug: Über Dolly könnte die Wissenschaft auchneue Einsichten in den Alterungsprozeß und seine Steuerung gewinnen. Bekanntlich stammt die Erbsubstanz des weltberühmten Schafes aus einer Euterzelle eines Schafes, das bereits Lämmer geboren hatte. Die innere Uhr der Dolly-Zellen müßte - da mit steigendem Alter "schützende" Sequenzen auf dem Erbgut abnehmen - damit eine "spätere Zeit" anzeigen. Wie alt ist Dolly eigentlich? Auf diese Frage mußte Wilmut eine Antwort schuldig bleiben. Ob Dolly normal reproduktionsfähig ist, wird sich erweisen: Im Spätherbst sollte Dolly gedeckt werden. Dr. Renate Leinmüller

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote