ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1996Senioren auf Mallorca: „Betreutes Reisen“ in die Sonne

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Senioren auf Mallorca: „Betreutes Reisen“ in die Sonne

Spiegl, Sepp

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mit der Ankunft von Flug HF 5117 aus Bremen beginnt auf Mallorca ein Pilotprojekt: 54 Deutsche, die aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht mehr alleine in die Sonne reisen können, landen auf dem Flughafen Palma. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) heben einen Rollstuhlfahrer mit einem Hublader in den wartenden Bus und begleiten die Passagiere mit körperlichen Behinderungen in die Ankunftshalle.
Das DRK betritt Neuland: Gemeinsam mit dem Veranstalter Hapag-Lloyd Tours bietet es "Betreutes Reisen" mit geschultem Begleitpersonal in einem altengerechten Hotel an.
Javier Giner, Direktor des Hotel-Neubaus "Varanova" in Palma Nova an der Südküste der Insel, hat die 312 Appartements seines Hotels mit Notrufanlagen ausstatten lassen: "Wir haben das Haus mit Beratern des Roten Kreuzes gebaut; Handläufe auf allen Fluren sind ebenso selbstverständlich wie Rampen und breitere Türen für Rollstuhlfahrer, die eigene Arztpraxis und der eigene Physiotherapeut."


Betreuung nach Bedarf
Der Kreisverband Bremen des DRK hat das Projekt initiiert. Geschäftsführer Jürgen Höptner lotete bei Seniorentreffen und mit einer Umfrage bei den 21 000 Mitgliedern das Interesse aus. Er erkundigte sich nach den Arten der Behinderung und listete die Krankheitsbilder auf: "Schlaganfallpatienten mit bleibenden Lähmungen, Diabetiker, die sich selbst keine Spritze setzen können, Amputierte – einfach Leute, die ohne Hilfe die südliche Sonne nicht sehen können."
Im ersten Anlauf kamen bereits zwei Reisegruppen zustande. Die Teilnehmer zahlten pro Person 1 089 DM für eine Woche im Doppelzimmer. Alle buchten die Verlängerungswoche für zusätzliche 395 DM mit einem Halbpensions-Zuschlag von 56 DM. Zwei hauptamtliche und ein ehrenamtlicher DRK-Helfer sowie ein Zivildienstleistender begleiteten die 54 Senioren. Die Betreuung sei auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestellt. Die Kosten, hofft Höptner, würden vielleicht teilweise von der Pflegeversicherung übernommen. Sogar 24-Stunden-Betreuung sei möglich. Diese koste jedoch zusätzlich rund 3 000 DM.


Gute Idee
Elisabeth Carter betreut ihren Mann Edwin rund um die Uhr selbst. Der 72jährige leidet an Multipler Sklerose, ist an den Rollstuhl gefesselt und muß gefüttert werden. 1967 haben die Carters ihre letzte Flugreise gemacht. "Da war mein Mann noch gehfähig", erinnert sich die alte Dame. "Allein traue ich mich mit ihm nicht mehr ins Flugzeug", sagt sie, deshalb findet sie die Idee des DRK gut.


Allein reisen wäre unmöglich
Die Urlauber mit einem Durchschnittsalter jenseits der Siebzig genießen Sangria auf der schattigen Terrasse und unterhalten sich. Lotte Böving, die mit zwei künstlichen Hüften lebt, ist nur wegen der Betreuung auf die Insel gefahren: "Allein würde ich nie mehr ins Ausland kommen."
Ihre Nachbarin Minni Hahn kennt sich auf Mallorca aus wie in ihrer Heimatstadt Bremen: "Ich war schon 1963 hier; damals war Arenal noch ein Paradies." Früher sei sie immer mit zwei Freundinnen nach Palma geflogen, "aber die schaffen das jetzt nicht mehr". Dann nimmt sie einen letzten Schluck Orangensaft und greift zu ihrer Handtasche: "Wir machen mit den netten Leuten vom DRK jetzt einen Spaziergang zum Strand."
Der Zivildienstleistende Stefan Gerdts kümmert sich rührend um die Senioren. Tag und Nacht. Rollstuhlfahrer Edwin Carter: "Ohne seine Hilfe hätte ich Uferpromenade und Strand nie erreicht. Diese Betreuung ermöglicht es uns, im nächsten Jahr wieder zu verreisen." Sepp Spiegl

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote