ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Schädel-Hirn-Trauma bei Kindern: Frührehabilitation statt Schonung

SPEKTRUM: Akut

Schädel-Hirn-Trauma bei Kindern: Frührehabilitation statt Schonung

Vetter, Christine

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LNSLNS Etwa 100 000 Personen je Jahr erleiden in Deutschland eine Schädel-Hirn-Verletzung. Rund 50 Prozent der Patienten sind jünger als 25 Jahre; in 15 Prozent der Fälle sind Kinder unter fünf Jahren betroffen. Hierbei ist in jedem fünften Fall mit bleibenden neurologischen Ausfällen zu rechnen, wie Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Mayer (Tübingen) bei einer Tagung des Kuratoriums ZNS anläßlich der Reha ’97 in Düsseldorf ausführte. Im Falle eines Schädel-Hirn-Traumas tut rasche Hilfe not; allerdings bestehen in der Bevölkerung deutliche Defizite hinsichtlich einer sachgerechten Ersten Hilfe. Sehr rasch ist in aller Regel der Notarzt vor Ort, doch heißt dies nicht, daß alles optimal läuft. Zu wenig wird nämlich vor Ort darauf geachtet, nicht nur die Vitalfunktionen zu sichern, sondern zugleich späteren Behinderungen vorzubeugen.

Nach Ansicht von Dr. Bertil Bouillon (Köln) könnte auch mehr getan werden, um die psychische Belastung der Kinder möglichst gering zu halten, die sich in dieser Situation einsam und ausgeliefert fühlen. Zunehmend plädieren die Experten in dieser Altersklasse für eine Frührehabilitation. Während man bisher annahm, das Kind müsse zunächst geschont werden, geht der Trend jetzt dahin, schon rasch die Weichen für eine Reintegration in Familie, Schule oder Beruf zu stellen. "Sonst entsteht sehr leicht ein Teufelskreis aus Schonung und Fürsorge", so Barbara Benz (Bremen). Allerdings muß die Rehabilitation kindgerecht erfolgen, und das bedeutet, daß die geplanten Maßnahmen in eigens dafür eingerichteten Rehabilitations-Kliniken durchzuführen sind. In Deutschland gibt es nur elf solcher Kliniken, von wohnortnaher Rehabilitation kann daher nicht die Rede sein.

Sehr ernst genommen werden müssen bei Kindern nach Meinung von Anne-Margarete Ritz (Bremen) auch minimale Herdsymptome, selbst wenn sie zunächst als folgenlos erscheinen. Denn neurologische Ausfälle zeigen sich bei Kindern oft erst Monate oder gar Jahre nach dem Unfall. Von Anfang an muß man sich deshalb bewußt sein, daß das Ziel der Rehabilitation bei Erwachsenen und Kindern grundsätzlich unterschiedlich ist: Während es beim Erwachsenen darum geht, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten wieder zu erlangen, muß die Rehabilitation bei Kindern im Idealfall das prätraumatische Entwicklungspotential voll wiederherstellen. Die Kinder sollen durch Rehabilitationsmaßnahmen wieder ihre ursprüngliche Lernfähigkeit erhalten. Nur wenn dieses Potential wieder gegeben ist, so der Tenor auf der Reha ’97, werden sie sich normal entwickeln können und keine bleibenden Schäden davontragen. Christine Vetter

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