ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2011Körperbilder: Berlinde De Bruyckere (*1964) – Vom Schmerz der Leiblichkeit

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Berlinde De Bruyckere (*1964) – Vom Schmerz der Leiblichkeit

Dtsch Arztebl 2011; 108(18): [112]

Schuchart, Sabine

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Berlinde De Bruyckere zitiert in ihrem Œuvre Kunstwerke und Themen der Vergangenheit, um existenzielle Fragen der Gegenwart anzusprechen. Ihre Skulpturenserien menschlicher Körper zum Thema „Pieta“ und „Schmerzensmann“ sind von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) inspiriert. Die international renommierte belgische Künstlerin bewundert die sinnliche Intensität und seelische Tiefe seiner Gestalten. Anders als bei Cranachs Zeitgenossen Albrecht Dürer folgen diese keinem idealisierten Menschenbild, sondern offenbaren ihre inneren Zustände und Abgründe. De Bruyckere: „Seine Leiber sprechen aus, was den Figuren auf der Seele liegt – ihre Ängste, ihre Leidenschaften, ihre Zweifel.“

Berlinde De Bruyckere: „Pieta“, 2007–2008, Wachs, Epoxidharz, Metall, Holz, Kissen, 126 × 60 × 188 cm: Auf zwei Holzschemeln ruht, von dicken Polstern gestützt, der totenblasse, nackte Leib eines Mannes. Obwohl dem Körper Kopf und Arme fehlen, fließt kein Blut, sind keine offenen Wunden erkennbar. Mit dieser versöhnlichen Symbolik versieht die belgische Künstlerin ihre der christlichen Tradition entlehnte Leidens- und Todesgestalt – Ausdruck eines universellen Gefühls von Schmerz. In der lebensgroßen Plastik, die an ein medizinisches Wachsmodell erinnert, verbinden sich Verstümmelung, Qual und Gebrochenheit zu einem erschütternden Menschenbild, das trotz aller Entblößung und Verletzung Würde ausstrahlt. © Friedrich Christian Flick Collection; Foto: Stiftung Moritzburg
Berlinde De Bruyckere: „Pieta“, 2007–2008, Wachs, Epoxidharz, Metall, Holz, Kissen, 126 × 60 × 188 cm: Auf zwei Holzschemeln ruht, von dicken Polstern gestützt, der totenblasse, nackte Leib eines Mannes. Obwohl dem Körper Kopf und Arme fehlen, fließt kein Blut, sind keine offenen Wunden erkennbar. Mit dieser versöhnlichen Symbolik versieht die belgische Künstlerin ihre der christlichen Tradition entlehnte Leidens- und Todesgestalt – Ausdruck eines universellen Gefühls von Schmerz. In der lebensgroßen Plastik, die an ein medizinisches Wachsmodell erinnert, verbinden sich Verstümmelung, Qual und Gebrochenheit zu einem erschütternden Menschenbild, das trotz aller Entblößung und Verletzung Würde ausstrahlt. © Friedrich Christian Flick Collection; Foto: Stiftung Moritzburg

Und ihren Schmerz: Mit derselben Zärtlichkeit, mit der Cranachs Gottesmutter in der „Pieta unter dem Kreuz“ (um 1510) ihren toten Sohn in den Armen hält, bettet De Bruyckere die hingestreckte verstümmelte Gestalt ihrer „Pieta“ sanft auf Kissen. Wie Cranach erklärt sie das Leiden, das nach abendländisch-christlichem Verständnis Voraussetzung für Selbsterkenntnis, Empathie und Erbarmen ist, zur Grundbedingung des menschlichen Seins. „Ich will zeigen, wie hilflos ein Körper sein kann“, sagt sie. Eine Provokation angesichts von Schönheitsoperationen und medizinischen Therapien, die den menschlichen Körper optimieren und vom Schmerz befreien sollen. Mit ihren aus vielen Einzelelementen zusammengesetzten wächsernen Torsos, die sie von lebenden Modellen, meist Tänzern, abformt, weist sie auf die Fragilität und Verletzlichkeit unserer Existenz hin, auf Aggression und Gewalt, aber auch auf unser Bedürfnis nach Verständnis, Schutz und Wärme. Dass ihrer „Pieta“ Kopf und Arme fehlen, lenkt den Blick auf den von rotbläulicher Haut zusammengehaltenen, qualvoll mutierten Rumpf und lässt diesen – ohne Augen, Denken, Sprache sowie Hände zum Greifen – quasi vor dem Nichts stehen.

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Die Plastik aus dem Besitz der Friedrich Christian Flick Collection, Berlin, ist derzeit im Kunstmuseum Moritzburg (danach: in Bern und Wien) ausgestellt. Mit anderen Arbeiten von De Bruyckere geht sie einen Dialog ein mit Gemälden von Cranach und Filmbildern von Pier Paolo Pasolini, von dem ihre Kunst ebenfalls beeinflusst ist. Sehr zu empfehlen: der informative, schöne Katalog, der das Thema Mensch, Schmerz und Leiblichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Sabine Schuchart

Ausstellung
„Mysterium Leib.
Berlinde De Bruyckere im Dialog mit Cranach und Pasolini“, Stiftung Moritzburg, Friedemann-Bach-Platz 5,
06108 Halle (Saale);
Di. 10–19,
Mi.–So. 10–18 Uhr;
www.kunstmuseum-moritzburg.de;
bis 3. Juli 2011


Cornelia Wieg (Hrsg.): „Mysterium Leib“, Katalog, gebundene Ausgabe, 236 Seiten, Hirmer, Halle 2011, 29,90 Euro.

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