ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2011„Behandler“: Der Begriff gehört ad acta

POLITIK: Kommentar

„Behandler“: Der Begriff gehört ad acta

Dtsch Arztebl 2011; 108(18): A-989 / B-817 / C-817

Vesper, Johannes

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Dr. med. Johannes Vesper, Facharzt für Innere Medizin
Dr. med. Johannes Vesper, Facharzt für Innere Medizin

Immer noch und immer wieder verwenden Krankenkassen, gesetzliche wie private, in ihrer Korrespondenz und in Formularen das Wort „Behandler“. Sie bezeichnen damit Ärzte, insbesondere Vertragsärzte in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Der Begriff wurde ursprünglich um 1900 in die deutsche Sozialgesetzgebung eingeführt zur Bezeichnung gerade nicht ärztlich approbierter Therapeuten, wie zum Beispiel Heilpraktiker oder auch Kurpfuscher. Er findet sich dann in der IV. Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 1935 wieder.

Mit der IV. Verordnung vom 25. Juli 1938 wurde den jüdischen Ärzten zum „Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ die ärztliche Approbation zum 30. September 1938 entzogen. Von den damals im Altreich tätigen 3 152 jüdischen Ärzten durften 709 weiter tätig sein, aber nur mit einer widerruflichen Genehmigung zur Behandlung eigener Familienangehöriger und Juden. Diese jüdischen Ärzte ohne Approbation durften sich nicht mehr Arzt nennen, sondern mussten die Bezeichnung „Krankenbehandler“ führen.

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Nach 1945 wurde der Begriff zunächst benutzt, um Psychologische Psychotherapeuten, dann aber auch Vertreter alternativer Heilmethoden in Abgrenzung zu Ärzten zu bezeichnen – „ständige Zunahme der berufsmäßigen Behandler“ („Die Zeit“ vom 1. September 1949), „Laien-Behandler“ („Die Zeit“ vom 14. Juli 1961), „Psycho-Behandler“, „Seelenbehandler“ („Der Spiegel“ vom 15. Februar 1982). Der diffamierende Charakter bei der Verwendung des Begriffs ist offensichtlich. Seit den 1980er Jahren wird der Begriff „Behandler“ wieder zur Bezeichnung von Ärztinnen und Ärzten benutzt. Der Begriff steht nicht im Duden und in keinem Lexikon.

Die scheinbar harmlose Endung „ler“ wird nicht nur bei „Behandler“, sondern auch bei anderen Begriffen in vollem Bewusstsein der damit verbundenen Herabwürdigung angehängt (zum Beispiel Protestler, Widerständler, Abweichler). Das kann bei Bastian Sick nachgelesen werden. Die Bezeichnung „Heilberufler“ ist hoffentlich nur Ausdruck einer sprachschöpferischen Naivität, wer weiß? Und zur Bedeutung von Begriffen in der Geschichte hat sich der vielleicht wichtigste deutsche Philosoph der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Hans Blumenberg, geäußert. Dem „Krankenbehandler“ widmete er in seiner Serie in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein eigenes Kapitel und wies dort auf die infame Übertragung von „Manipulieren“ in die deutsche Sprache hin („manipulieren“ = „behandeln“). Dem Behandler, also demjenigen, der manipuliert, sei schon dank dieser Bezeichnung alles zuzutrauen. Vor ihm sollte 1938 der deutsche Bürger durch die nationalsozialistische Gesetzgebung geschützt werden. Weder eine solche Schutzimplikation noch die gezielte sprachliche Diskriminierung können von denjenigen, die den Begriff heute benutzen, gemeint oder beabsichtigt sein. Vermutlich ist den Krankenkassen und Beihilfestellen ihr Sprachgebrauch nicht bewusst. Aber trotz bereits erfolgter Hinweise auf Geschichte und Hintergrund dieser Wortwahl will man auf den Begriff anscheinend nicht verzichten. Dabei ist es so einfach, einfach von Ärzten sprechen, wenn Ärzte gemeint sind.

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