ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2011Rhön-Klinikum AG: Gewinn mit Nebengeräuschen

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Rhön-Klinikum AG: Gewinn mit Nebengeräuschen

Dtsch Arztebl 2011; 108(18): A-983 / B-811 / C-811

Flintrop, Jens

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Die Aktionäre des privaten Klinikbetreibers freuen sich über eine Rekorddividende. Kritiker behaupten, der ökonomische Erfolg des Konzerns werde teuer erkauft.

Die Rhön-Klinikum AG hat für das Geschäftsjahr 2010 einen Anstieg der Patientenzahlen um 13,4 Prozent gegenüber 2009 auf zwei Millionen gemeldet. Daraus ergibt sich ein Umsatzplus von 9,9 Prozent. Der Konzerngewinn erhöht sich um 10,2 Prozent auf 145 Millionen Euro. „Mein Fazit für 2010 fällt durchweg positiv aus. Wir haben unsere Umsatz- und Ergebnisziele planmäßig erreicht“, sagte Rhön-Vorstandschef Wolfgang Pföhler am 28. April vor der Presse in Frankfurt/Main. Die Anteilseigner des privaten Klinikbetreibers – allen voran die Familie des Firmengründers und jetzigen Aufsichtsratsvorsitzenden Eugen Münch, die mit 12,5 Prozent Stimmrechtsanteil größter Aktionär ist – dürfen sich über eine Rekorddividende in Höhe von 37 Cent je Aktie freuen (2009: 30 Cent).

Doch gibt es auch Anzeichen dafür, dass dieser ökonomische Erfolg teuer erkauft sein könnte – vor allem im Zusammenhang mit dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM).

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Mitte April gelangte ein Brief an die Öffentlichkeit, den die Assistenzärzte der Inneren Medizin der interdisziplinären Notaufnahme in Marburg an die dortige Geschäftsleitung geschrieben hatten. Darin weisen die neun Ärzte auf eine nach dem Umzug in den zentralen Neubau „dramatisch ansteigende Arbeitsbelastung“ hin. Wegen der Unterbesetzung/Arbeitsüberlastung befürchten sie eine Gefährdung der Patientensicherheit: „Insbesondere an Wochenenden, aber auch im Tagesverlauf unter der Woche, ist es in den vergangenen Wochen mehrfach zu Situationen gekommen, wo mehrere schwer kranke Patienten gleichzeitig behandelt werden mussten und dies mit der aktuellen Personalsituation nicht in adäquater Weise . . . erfolgen konnte.“

Eine vermeintlich schlechtere Qualität der Patientenversorgung im Klinikum Marburg infolge der Privatisierung prangert auch eine Gruppe von niedergelassenen Ärzten an, die sich „Notruf 113“ nennt und seit zwei Jahren aktiv ist. Ihre Patienten kehrten schlechter behandelt als früher nach einem stationären Aufenthalt in ihre Praxen zurück, kritisieren die Ärzte.

Jüngst wandten sich Chefärzte des UKGM an das Deutsche Ärzteblatt (DÄ). Die Geschäftsführung hebe in den aktuellen Statusgesprächen die Zielvorgaben für die Abteilungen, was die Leistungszahlen betrifft, noch einmal deutlich an. Stimme die Performance nicht, würden ihnen Ärztestellen gestrichen.

Als Indiz dafür, dass die Arbeitsbelastung am UKGM enorm und die Stimmung schlecht ist, kann auch der überraschende Rücktritt des Vorsitzenden der Geschäftsführung, Joseph Rohrers, zum Ende des Monats April gewertet werden – „aus persönlichen Gründen“, wie er an die Belegschaft schrieb.

Nach Angaben von Pföhler hat Rohrer freilich nur Heimweh: Den Schweizer ziehe es in seine Heimat zurück, sagte der Konzernchef bei der Pressekonferenz. Die Hinweise der Chefärzte bestätigte er indirekt: „Wir erwarten, dass Leistungszahlen und Ergebnis im Jahr 2011 mit der Inbetriebnahme der Neubauten nochmals zulegen.“ Auf die Situation am UKGM wollte Pföhler nicht detailiert eingehen. Dies tat im Anschluss an die Pressekonferenz Rohrers Nachfolgerin, Dr. Irmgard Stippler: Ja, nach dem Umzug und der Umstrukturierung komme es zu Problemen in der interdisziplinären Notaufnahme, sagte sie dem DÄ. Inzwischen gebe es aber eine Arbeitsgruppe, die an Lösungen arbeite. Auch was den Streit mit „Notruf 113“ angehe, sei man auf einem guten Weg. Es habe sich ein konstruktiver Dialog entwickelt, das UKGM stelle sich den Vorwürfen.

Für das Jahr 2011 erwartet Rhön – ohne weitere Zukäufe – Umsatzerlöse von 2,65 Milliarden Euro und einen Konzerngewinn in Höhe von 160 Millionen Euro.

Jens Flintrop

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