ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2011Berufsunfähigkeitsversicherung: Berufsständisch – und privat?

WIRTSCHAFT

Berufsunfähigkeitsversicherung: Berufsständisch – und privat?

Dtsch Arztebl 2011; 108(18): A-1026 / B-846 / C-846

Clade, Harald

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Foto: mauritius images

Auch Ärzte, Zahnärzte und Apotheker sollten schon in jungen Jahren an eine solide Berufsunfähigkeitsabsicherung denken. Die Absicherung im Versorgungswerk ist dabei oftmals die erste Wahl. Ergänzende Versicherungen sind sinnvoll.

Beim Abschluss von Versicherungen gegen die Wechselfälle des Lebens, also eines risikoadäquaten Versicherungsschutzes gegen die großen Lebensrisiken, ist es so, wie der österreichische Nationalökonom Eugen von Böhm-Bawerk bereits vor mehr als 100 Jahren feststellte: Künftige Ereignisse (und Risiken) werden in der Gegenwart zumeist unterschätzt. Hinzu kommt: Auch Angehörige der Heilberufe müssen heute länger berufstätig sein, um ihre Existenz und den dritten Lebensabschnitt bei Berufsunfähigkeit finanziell abzusichern. Denn ihre Lebenserwartung steigt ebenfalls. Damit steigt tendenziell das Risiko der Pflegebedürftigkeit und – abgeschwächt – eventuell auch der Berufsunfähigkeit.

Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen will, sollte darauf achten, dass ein „preiswert“ am Markt angebotener Berufsunfähigkeitsschutz nicht bereits mit dem vollendeten 60. Lebensjahr endet. Bei Ärzten, Zahnärzten und anderen Heilberuflern tritt eine Berufsunfähigkeit meist erst danach ein.

Berufsunfähigkeit im versicherungsrechtlichen Sinne ist eine Form der Invalidität, die ärztlich attestiert werden muss und die im Kern umschreibt, dass der von Invalidität und von Berufsunfähigkeit Betroffene seinen Beruf nicht mehr voll oder nur noch teilweise ausüben kann. Versicherungsrechtlich muss unterschieden werden zwischen gesetzlichen und privaten Unfallversicherungen, die lediglich nach Eintritt eines Unfalls zahlen, und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Bei einer Versicherung gegen Berufsunfähigkeit entsteht dagegen der Leistungsanspruch bei einer privaten beziehungsweise einer gesetzlichen Versicherung unabhängig von der Ursache des Schadens.

Bei der Absicherung des Berufsunfähigkeitsrisikos muss zwischen zwei Formen unterschieden werden: Private und auf freiwilliger Basis abzuschließende Berufsunfähigkeitsversicherungen treten bereits bei 50 Prozent der festgestellten Berufsunfähigkeit in Leistung und orientieren sich dabei an der tatsächlich ausgeübten bisherigen (zum Beispiel ärztlichen) Tätigkeit. Dagegen tritt der berufsständische Berufsunfähigkeitsschutz über das berufsständische Versorgungswerk erst dann ein, wenn 100 Prozent Berufsunfähigkeit für sämtliche ärztliche Tätigkeiten (allgemeines Berufsbild) festgestellt werden. Im Laienverständnis heißt es denn auch oftmals (und nicht immer zutreffend), das Versorgungswerk decke also nur den „schlimmsten Fall“ der Berufsunfähigkeit ab. Es gelte das Alles- oder Nichtsprinzip. In der Praxis dürfte indes eine 100-prozentige Berufsunfähigkeit (BU) einfacher zu beurteilen sein als eine 50-prozentige BU. In jedem Fall erfolgt die Entscheidung aufgrund von Gutachten.

Dennoch wird als „Vorzug“ einer privaten Absicherung des Berufsunfähigkeitsrisikos (etwa über eine Lebensversicherung) hervorgehoben, dass diese Art der Versicherung der zumeist nur teilweisen Absicherung des Lebensstandards des Versicherten dient, weil die Versicherung bereits bei teilweiser Berufsunfähigkeit einstehen muss. Abgesichert wird das Risiko, das dadurch entsteht, dass der Gehandicapte sich im ärztlichen Berufsfeld neu orientieren oder mit enormen finanziellen Mitteln und hohem zeitlichem Aufwand einen anderen Beruf erlernen muss. Die Notwendigkeit, sich im Beruf neu orientieren zu müssen, kann sich allerdings auch aus anderen als gesundheitlichen Gründen ergeben und ist insoweit ein „normales Berufsrisiko“. Es wird daher privat und nicht in der Solidarität des versicherten Berufsstands abgesichert.

Für die private Berufsunfähigkeitsabsicherung gilt, was im Versorgungswerk automatisch gewährleistet ist: Durch laufende Prämienzahlungen soll der Lebensstandard des Betroffenen und seiner Familie bei teilweiser oder voller Berufsunfähigkeit voll oder teilweise abgesichert werden. Dies ist in der Regel existenziell auch erforderlich – gerade bei Berufstätigen in jungen Jahren, die ihre Praxisgründung und Investitionen fremdfinanziert haben und den Kapitaldienst längerfristig erbringen müssen.

Keine Risikoprüfung bei den Versorgungswerken

Der Berufsunfähigkeitsschutz bei einem berufsständischen Versorgungswerk ist eine berufsbezogene Erwerbsunfähigkeitsrente („spezialisierte Erwerbsunfähigkeitsabsicherung“). Der Schutz durch das Versorgungswerk ist sehr hoch zu veranschlagen, denn dieser liegt deutlich über dem der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Im Versorgungswerk wird teilweise Berufsunfähigkeit satzungsgemäß nicht abgesichert. Dies entlastet spürbar die Solidargemeinschaft und die laufende Prämienzahlung. Dadurch gibt es Spielraum für eine individuelle Vorsorgegestaltung und/oder eine ergänzende Versicherung. Dennoch ist die Behauptung falsch, dass erst bei 100 Prozent Berufsunfähigkeit Leistungen des Versorgungswerks fließen. Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg setzt der Berufsunfähigkeitsschutz des Versorgungswerks schon dann ein, wenn die Restleistungsfähigkeit eines Arztes nicht mehr dazu ausreicht, sein Existenzminimum zu sichern. Insofern kann der Berufsunfähigkeitsschutz des Versorgungswerks bereits dann eingreifen, wenn die Restleistungsfähigkeit des Arztes nur noch bei zehn bis 20 Prozent liegt (VGH Baden-Württemberg vom 8. Oktober 2002; Az.: 9 S 530/01; VGH Baden-Württemberg vom 17. Dezember 1996; Az.: 9 S 3284/94).

Im Gegensatz zu einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung, die regelmäßig vor Abschluss der Versicherung eine Risikoprüfung via Gesundheitsattest durchführt, gewähren die Versorgungswerke jedem Berufsangehörigen Berufsunfähigkeitsschutz, auch dann, wenn der Versicherte bei Aufnahme seines ärztlichen Berufs bereits gesundheitlich vorbelastet ist. Ein privater Versicherer verlangt in diesem Fall erhebliche Prämienaufschläge beziehungsweise reagiert mit Risikoausschlüssen, falls er überhaupt gehandicapte Personen noch versichern würde. Außerdem gewährt das Versorgungswerk Versicherungsschutz gegen das Berufsunfähigkeitsrisiko ohne eine Wartezeit, wie dies hingegen in der GRV der Fall ist.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Wartezeit, die es in der GRV gibt, als verfassungsgemäß eingeordnet, weil diese ihre Versichertengemeinschaft vor ungünstigen Risiken und Personen, die ein kurzfristiges Beschäftigungsverhältnis möglicherweise nur zur Erlangung eines Rentenanspruchs eingehen würden, schützen müsse. Grund: Wird ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis eingegangen, das zu einer Versicherungsberechtigung in der GRV führt, erfolgt keine Gesundheitsprüfung. Solche versicherungstechnischen Probleme gibt es hingegen nicht bei der privaten Lebensversicherung. Die Lebensversicherung schützt ihre Versichertengemeinschaften durch eine risikoadäquate Tarifierung. Die berufsständischen Versorgungswerke der Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und anderer Heilberufe kennen dagegen keine risikoadäquate Tarifierung (also keine Gesundheitsprüfung, keine Wartezeiten), schützen jedoch ihre Versichertengemeinschaft durch einen enger gefassten Berufsunfähigkeitsbegriff. Der Basisschutz bei Berufsunfähigkeit ist auch dann gewährleistet, wenn bei Aufnahme des ärztlichen Berufs bereits Krankheiten eingetreten waren. Zudem ist voller Berufsschutz für den ärztlichen/zahnärztlichen Beruf oder den Beruf des Apothekers gegeben. Außerdem wird die Berufsunfähigkeitsrente beim Versorgungswerk ohne versicherungsmathematische Abschläge wie in der Rentenversicherung geleistet.

Je früher abgeschlossen wird, desto besser ist es

Wie bei jeder privaten Versicherung gilt auch beim Risikoschutz gegen Berufsunfähigkeit: Je früher der Versicherungsvertrag abgeschlossen wird, desto günstiger ist das Risiko, desto niedriger sind die Eintritts- und Folgeprämien. Auch hier gilt nicht das Solidaritätsprinzip wie in der Sozialversicherung, sondern das versicherungsmathematische Äquivalenzprinzip. Sich erst dann zusätzlich gegen das Risiko der Berufsunfähigkeit zu versichern, wenn man krank ist oder wahrscheinlich berufsunfähig wird, ist nicht ratsam. Kümmern sollte man sich bei einer privaten Versicherung auch um eine Nachversicherungsgarantie, Erhöhungsoptionen und dynamische Anpassung ohne Gesundheitsprüfung (vor allem bei steigendem Einkommen).

Die Prämienzahlungen für private Berufsunfähigkeitsversicherungen werden in der Regel nicht durch den Fiskus subventioniert: Solche Prämien sind kaum steuerlich noch absetzbar, weil bei den Versorgungsaufwendungen zunächst der Basisbeitrag zur Kran­ken­ver­siche­rung als Sonderausgaben geltend gemacht werden kann. Dadurch ist der steuerliche Vorsorgehöchstbetrag in der Regel bereits ausgeschöpft.

Dr. rer. pol. Harald Clade

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