ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2011Rauchen im Wandel der Zeit: Die Oberschicht hat sich abgewandt

THEMEN DER ZEIT

Rauchen im Wandel der Zeit: Die Oberschicht hat sich abgewandt

PP 10, Ausgabe Mai 2011, Seite 224

Bruttel, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Nicht erst seit der Diskussion um ein Rauchverbot ist Rauchen gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Der Wandel fand schon lange vor der Verbotsdiskussion statt.

Derzeit denken Bundestagsabgeordnete Medienberichten zufolge erneut über eine fraktionsübergreifende Gesetzesinitiative für ein bundesweit einheitliches Rauchverbot nach. In der Bevölkerung bewegt sich die Zustimmung zu einem Rauchverbot seit Jahren auf einem recht stabilen, tendenziell leicht steigenden Niveau von über 50 Prozent.

Zustimmung für Rauchverbot

Anzeige

Zuletzt ergab eine bevölkerungsrepräsentative, deutschlandweite Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach in Zusammenhang mit der Einführung des strikten Rauchverbots in Restaurants und Gaststätten in Bayern eine Zustimmung von 52 Prozent für die bundesweite Einführung eines generellen Rauchverbots analog zu der in Bayern durchgesetzten Regelung. 39 Prozent der Befragten sprachen sich gegen ein derart striktes Verbot aus. Die Zustimmung ist erwartungsgemäß am größten unter den Nichtrauchern: Zwei Drittel der Nichtraucher wünschen sich rauchfreie Restaurants. Selbst unter den Rauchern ist es knapp jeder Fünfte, der sich für ein generelles Rauchverbot in Restaurants ausspricht.

Dieses Stimmungsbild ist das Ergebnis eines über Jahrzehnte hinweg stattgefundenen Wandels, wenn es um das Rauchverhalten und parallel dazu auch die Sichtweise auf Raucher geht. Die Abkehr vom Rauchen fand dabei lange vor offiziellen Gesundheitskampagnen und breiten gesellschaftlichen Verbotsdiskussionen statt. Seit Beginn der Bundesrepublik ist der Anteil der Raucher in der Bevölkerung von knapp über der Hälfte auf zuletzt 29 Prozent zurückgegangen. Betrachtet man das Rauchverhalten getrennt nach Geschlechtern erkennt man, dass es in allererster Linie die Männer sind, die mit ihrem veränderten Rauchverhalten zu diesem Rückgang beigetragen haben: Rauchten 1950 noch fast neun von zehn Männern, sank dieser Anteil in den 60er, 70er und 80er Jahren auf circa 40 Prozent in den 90er Jahren und ist in den letzten zehn Jahren weiter rückläufig auf derzeit 33 Prozent. Im Vergleich dazu hat sich bei den Frauen relativ wenig verändert: Bis Mitte der 70er Jahre stieg der Raucheranteil – im gesellschaftlich sich öffnenden Klima ein Zeichen der Emanzipation – unter den Frauen von 21 auf 29 Prozent und ist seitdem nur leicht auf zuletzt 24 Prozent zurückgegangen. In den letzten 30 Jahren, seit 1980, waren es vor allem die Männer über 60 Jahre und – besonders erfreulich – die 14- bis 19-Jährigen, bei denen der Raucheranteil überdurchschnittlich zurückgegangen ist.

Parallel zum Rückgang des Anteils der Raucher in der Bevölkerung hat sich auch die Einstellung gegenüber Rauchern geändert. Dieser Wandel fand allerdings ebenfalls eher in den 70ern und 80ern als in den letzten Jahren statt: Hatten 1975 erst 29 Prozent der Westdeutschen den Eindruck, dass Raucher manchmal etwas schief angesehen werden, waren es 1986 mehr als die Hälfte. Seitdem verharrt dieser Wert auch im wiedervereinigten Deutschland weitgehend auf diesem Niveau. Unter den Rauchern selbst sind es derzeit sogar etwa zwei Drittel, die sich schief angesehen fühlen.

Sympathischerer Nichtraucher

Auch andere Untersuchungen des Instituts für Demoskopie aus den 50er bis 80er Jahren belegen, dass sich in dieser Zeit das Bild, das die Bevölkerung von Rauchern hat, deutlich wandelte. Wurden Mitte der 50er Jahre Raucher und Nichtraucher noch als gleich sympathisch und tüchtig wahrgenommen, war 1970 der Nichtraucher bereits sympathischer, und Ende der 80er Jahre wurde er schließlich nicht nur als sympathischer, sondern auch als beruflich erfolgreicher eingestuft als der Raucher.

Heute rauchen nach wie vor eher Männer, Personen zwischen 20 und 50 Jahren sowie Personen aus Haushalten mit geringem Haushaltseinkommen und Bildungshintergrund (Grafik). Rauchen ist damit zunehmend zu einem schichtgebundenen Phänomen geworden. Vor allem die Oberschicht und in etwas geringerem Maß die Mittelschicht haben sich vom Rauchen abgewendet. Mitte der 60er Jahre war das Zigarettenrauchen in der Ober- und Mittelschicht mit mehr als 40 Prozent noch recht weit verbreitet, heute sind es in der Oberschicht gerade noch 19 Prozent, in der Mittelschicht 29 Prozent. Demgegenüber ist das Zigarettenrauchen in den unteren sozialen Schichten heute mit rund einem Drittel so verbreitet wie Mitte der 70er Jahre.

Dr. rer. pol. Oliver Bruttel

Institut für Demoskopie Allensbach

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige