ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Mediziner schließen sich den Studentenstreiks an: Für mehr Praxis in Studium und Examen

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Mediziner schließen sich den Studentenstreiks an: Für mehr Praxis in Studium und Examen

AE

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LNSLNS Studenten in ganz Deutschland protestieren gegen das neue Hochschulrahmengesetz (HRG), auch an den Medizinischen Fakultäten. Die Mediziner nehmen die Streiks zum Anlaß, Kritik an ihrer speziellen Ausbildung an die Öffentlichkeit zu bringen. In Köln wie in Göttingen verlangen sie eine Reform der Studienordnung. Zentrale Forderung: Das Medizinstudium braucht mehr Bezug zur Praxis; die Lehre darf nicht so theoretisch bleiben wie bisher


Die Mediziner der Kölner Universität haben sich Ende November den Studentenprotesten angeschlossen, Vorlesungen boykottiert und mit publikumswirksamen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. So zogen sie etwa mit zwei "Bildungsrettungswagen" in die Kölner Fußgängerzone, um unter dem Slogan "Studenten machen Druck für Bildung" Passanten den Blutdruck zu messen und Unterschriften gegen das geplante Hochschulrahmengesetz zu sammeln. Und unter dem Motto "Bluten für die Bildung" spendeten sie Blut und überreichten das gesammelte Geld dem Dekan: eine milde Gabe für die Fakultät. Schließlich veranstalteten sie eine Podiumsdiskussion, an der Studiendekan Prof. Jürgen Koebke, der Zweite Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, sowie Christoph Stosch, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiendekanat, teilnahmen.

Der AiP sollte gestrichen werden
Zentrales Thema der Diskussion waren das Praktische Jahr und der Arzt im Praktikum (AiP). Die Studenten fordern, das Praktische Jahr so aufzuwerten, daß sie direkt im Anschluß daran als Arzt arbeiten können. Der AiP soll in der geplanten Novelle der Approbationsordnung für Ärzte gestrichen werden, um so das Studium zu verkürzen und den Einstieg ins Berufsleben früher zu ermöglichen. Henke plädierte in diesem Zusammenhang dafür, der praktischen Ausbildung im gesamten Medizinstudium mehr Gewicht zu geben: nur dann mache es Sinn, den AiP abzuschaffen.
Mehr Praxis im Studium, mehr Praxis im Examen: Auch die Prüfungsordnung verdient nach Ansicht der Studenten die Note "mangelhaft". Die Multiple-choice-Tests im Physikum, im ersten und zweiten Staatsexamen konzentrierten sich zu sehr auf Details, das Wissen um Zusammenhänge; die richtige Anwendung des Gelernten gehe darüber verloren. Deshalb fordern sie eine Prüfung, die sich an Krankheitsfällen orientiert und weniger spezielle Fragen beinhaltet. Sie kritisieren daneben die Absicht, künftig Vorklinik und Klinik in der Endnote gleich zu gewichten. "Völlig absurd", bemängelte auch Rudolf Henke.
MB-Vertreter und Studierende stimmten jedoch nicht nur überein: Henke erntete heftige Kritik für seinen Vorschlag, die Zahl der Medizinstudenten um mindestens 20 Prozent zu senken. Wer keinen Studienplatz bekomme, habe kaum Alternativen, bemängelten die Zuhörer, denn Lehrstellen seien ebenfalls knapp. Zudem sei nicht klar, nach welchen Kriterien die Auswahl stattfinden solle. Studentenvertreter Stosch wandte sich gegen Auswahlgespräche: diese seien zu teuer. Zustimmung auch bei den Studenten fand jedoch der Vorschlag, das Pflegepraktikum verpflichtend vor den Beginn des Studiums zu legen: so könnten künftige Mediziner prüfen, ob der Arztberuf für sie der richtige sei.
In Göttingen haben die Medizinstudenten unterdessen eine Resolution verabschiedet, in der sie ebenfalls eine "Neubewertung der Inhalte des Medizinstudiums" fordern. Auch sie verlangen, daß sich die Ausbildung stärker an der medizinischen Praxis orientiert und dem Lernen von Zusammenhängen mehr Platz einräumt. Daneben solle "die Beschäftigung mit ethischen Fragen und die Schulung im Umgang mit PatientInnen eine große Rolle spielen". Die Trennung des Studiums in Vorklinik und Klinik stellen sie in Frage. Um die "Diskrepanz zwischen Arbeitsüberlastung vieler MedizinerInnen einerseits und der steigenden Arbeitslosigkeit von jungen MedizinerInnen andererseits" zu überwinden, fordern die Göttinger Studenten eine "gerechtere Umverteilung der Arbeitszeiten". Zudem solidarisierten sich die Mediziner mit ihren Kommilitonen anderer Fakultäten: in ihrer Resolution verlangten sie ein Recht auf Ausbildung nach den persönlichen Bedürfnissen des einzelnen und auf ausreichende Finanzierung. Sie sprachen sich aus für demokratischere Hochschulen, mehr Geld für Lehrmittel und Literatur sowie für mehr Lehrpersonal, das stärker nach Qualifikationen ausgewählt wird und sich in Didaktik und Unterrichtsmethoden weiterbilden muß. Schließlich fordern die Studenten, den Sozialabbau zu stoppen, denn: "Soziale Schichtung spielt für die Verteilung von Gesundheit eine bedeutende Rolle." Als Mediziner müßten sie sich somit auch für eine ausgeglichene Gesellschaft einsetzen. Forderungen stellten jedoch nicht nur die Studenten, jedenfalls bei der Diskussion in Köln: hier kritisierte Studiendekan Koebke die Arbeitseinstellung vieler Studierenden. Seminarteilnehmer seien oft unmotiviert, die Hörsäle leer, die Prüfungsergebnisse schlecht. Er wünsche sich da etwas mehr "Entgegenkommen". Schließlich plädierte er dafür, vermehrt Firmen als Geldgeber für das Studium zu gewinnen: "Die Lehre würde dadurch verbessert." Vielleicht müßten dann die Studenten die Abkürzung HRG, die eigentlich für "Hochschulrahmengesetz" steht, nicht mehr interpretieren als "Hauptsache Reich Geboren". AE

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