ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Reform der Hochschulen: Uniklinika müssen Neuland betreten

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Reform der Hochschulen: Uniklinika müssen Neuland betreten

Rieser, Sabine

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LNSLNS Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben sich bereits entschieden, andere Bundesländer wollen folgen: Immer mehr Hochschulklinika werden verselbständigt. Ziel ist eine klarere Trennung zwischen Klinikum und Medizinischer Fakultät sowie mehr Entscheidungsfreiheit für das Klinikum. Während einer von der Deutschen Hochschul-Zeitung initiierten Veranstaltung wurde deutlich: Hinter den Reformen der Hochschulmedizin stecken vor allem Sparzwänge.


Jenseits der Landesgrenzen wurde es kaum bemerkt: Als erstes Bundesland hat Sachsen-Anhalt die Universitätsklinika in Halle und Magdeburg neu geordnet. Das "Gesetz zur Entwicklung der medizinischen Fachbereiche" trat vor rund einem Jahr in Kraft, zum 1. Januar 1997. Die Klinika wurden damals in Landesbetriebe umgewandelt.
Rheinland-Pfalz folgte: Mitte Juni 1997 beschloß der Landtag, das Klinikum der Mainzer Universität aus der Obhut der Uni zu entlassen. Bis zum 1. Januar 1998 wird es in eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt sein. Mitte November passierte schließlich ein Gesetzentwurf zur Reform der Hochschulmedizin den Landtag in Baden-Württemberg.
Die drei Bundesländer werden nicht die letzten sein, die die Medizinischen Fakultäten und besonders die Universitätsklinika umgestalten (siehe nebenstehenden Kasten). Ziel ist überall eine größere organisatorische und finanzielle Eigenverantwortung des Klinikums. Doch was bedeutet das für die Medizinische Fakultät und die Universität im ganzen?
Antworten hierauf gaben Mitte November die Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Amputierte Universität - Hochschule ohne Medizin?" in Bonn. Veranstalter war die Deutsche Universitätszeitung (DUZ). Eingeladen waren namhafte Repräsentanten von Universitäten, Ministerien und Organisationen wie dem Wissenschaftsrat. Diskutiert wurde in erster Linie darüber, ob die neuen Landesgesetze tatsächlich geeignet sind, die Probleme der Medizin an den Hochschulen zu lösen.
Daß etwas geschehen muß, ist im Grunde allen Beteiligten klar. Zuletzt hatte der Wissenschaftsrat 1995 eine tiefgreifende Umstrukturierung der Hochschulen empfohlen (siehe auch DÄ 6/1995). Das Gremium hatte seinerzeit unter anderem vorgeschlagen, die Wirtschaftsführung des Krankenhausbetriebs so weit wie möglich zu verselbständigen und die Kompetenzen der Klinikumsleitung insbesondere gegenüber dem zuständigen Landesministerium zu vergrößern. Schließlich forderte der Wissenschaftsrat, endlich die Budgets für Krankenversorgung einerseits und Forschung und Lehre andererseits auseinanderzuhalten.
Prof. Dr. Jürgen Zöllner, Staatsminister für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung in Rheinland-Pfalz, nutzte seinen Eröffnungsvortrag beim DUZ-Forum zu einer Darstellung des in seinem Bundesland Erreichten. Das Gesetz zur Reform der Hochschulmedizin sei ihm nicht nur Pflichterfüllung gewesen, sondern inneres Anliegen. Es liege ihm daran, daß sich die Strukturen in der Medizin weiterentwickelten, damit es auch in Zukunft tatsächlich noch Forschung und Lehre gebe. Weshalb Reformen notwendig sind, verdeutlichte Zöllner mit folgenden Thesen:
Ohne eine klare Trennung der Budgets werden Lehre und Forschung in der klinischen Medizin ihre Basis verlieren. Die finanzielle Ausstattung des Gesundheitswesens wird sich nach seiner Auffassung eher verschlechtern - mit Folgen für die Bezahlung von Lehre und Forschung.
· Zu einer Strukturreform des Klinikums mit dem Ziel einer größeren Selbständigkeit gibt es keine Alternative. Entscheidungskompetenz, Handlungsfähigkeit und das Tragen von Folgen müssen zusammengebracht werden. Dem stehe, so Zöllner, das Führen eines Klinikums wie eine nachgeordnete Behörde entgegen. Der Minister nannte als Freiräume des Klinikums in Zukunft die Stellenhoheit, die Bauherrenfunktion und eine gewisse Planungsfreiheit. So soll es dem Mainzer Klinikum zum Beispiel möglich werden, Rücklagen für Investitionen zu bilden.
¸ Die Universität wird durch die Verselbständigung des Klinikums nicht amputiert. Das Gesetz wirke im Gegenteil der Entfremdung von Fachbereich und Klinikum entgegen. Schon heute sei das Klinikum faktisch abgekoppelt von der Universität, meinte Zöllner. Sie sei mit dessen Steuerung längst überfordert.
In der kontroversen Diskussion der Thesen Zöllners sowie des anschließenden Vortrags von Prof. Dr. Georg Sandberger, Kanzler der Universität Tübingen, war zunächst die empfohlenere stärkere Trennung der Budgets für Lehre, Forschung und Krankenversorgung Thema. Auch Zöllner gestand zu, daß selbst innerhalb eines Klinikums häufig nicht zu klären ist, ob Forschung und Lehre die Krankenversorgung subventionieren oder ob es nicht mancherorts umgekehrt ist.
Thomas A. H. Schöck, Kanzler der Universität Erlangen-Nürnberg, wies darauf hin, daß man gern die Trennung der "Töpfe" verlange, aber nicht bereit sei, den Fakultäten die Mittel dazu an die Hand zu geben. In Erlangen beispielsweise habe er vor Jahren erst einmal um eine geeignete EDV kämpfen müssen. Dr. Klaus Volle, früher Kanzler der Universität Göttingen, vertrat die Auffassung, die Kostentrennung sei eher ein buchungstechnisches Problem. Mit seiner Lösung beantworte sich aber noch nicht die Frage, wieviel Prozent des zur Verfügung stehenden Geldes jeweils für Forschung, Lehre und Krankenversorgung aufgewendet werden sollten.
Differenziert waren die Auffassungen auch zum Punkt "größere Selbständigkeit des Klinikums". Zwar werden die Klinika formal in eine größere Selbständigkeit entlassen. In den neu geschaffenen Gremien, vor allem dem Aufsichtsrat, sind die Ländervertreter jedoch in der Mehrheit oder zumindest nicht zu überstimmen (siehe unteren Kasten). Das Problem sei nicht die Universitätsbürokratie, sondern die Ministerialbürokratie, kritisierte denn auch Wolfgang Matschke, Kanzler der Universität Halle-Wittenberg. Das habe sich in der Vergangenheit zum Beispiel bei Diskussionen um Bauvorhaben gezeigt. Insgesamt überwog die Skepsis: Die meisten Experten glauben offenbar nicht, daß die Länder ihre Leinen wirklich lockern werden - außer in finanzieller Hinsicht.
Auf gewissen Widerspruch stieß auch die Auffassung, durch die Neuordnung der Klinika würden Medizinische Fakultät beziehungsweise Universität nicht amputiert. Einige Forumsteilnehmer meinten, daß die neuen Gesetze kontraproduktiv seien. Der Trend gehe heute doch eher in Richtung einer Vernetzung von Disziplinen, beispielsweise von Naturwissenschaften und Medizin. Dr. Klaus Anderbrügge, Kanzler der Universität Münster, urteilte, die Medizin verschätze sich, wenn sie sich viel von einer weiteren Verselbständigung verspreche. Sie solle statt dessen mehr "normale" Fakultät werden.
Manche der Anwesenden konnten die Bedenken vieler Universitätsvertreter nicht verstehen. Die Strukturen müßten unbedingt verändert werden, meinte Prof. Dr. Gerhard Nagel, Geschäftsführender Direktor der Klinik für Tumorbiologie. Die Klinik an der Universität Freiburg muß ihre Forschungsgelder zum Großteil selbst einwerben. Um ein Institut oder eine Klinik wirtschaftlich zu führen, brauche man völlige Kostentransparenz. Daß eine Hochschule für Forschung und Lehre Geld bekomme, ohne regelmäßig begutachtet zu werden, findet Nagel unsinnig. Sabine Rieser

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