ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Muten und Ahnen im Hilde-Garten

POLITIK: Die Glosse

Muten und Ahnen im Hilde-Garten

Knapp, Heinz

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LNSLNS Die endgültige Rettung der medizinischen Wissenschaft steht bevor. Denn, merke, ein "ganzer Kosmos an neuem Wissen" kommt auf uns zu. So die bahnbrechende Erkenntnis eines kompetenten Kenners, eines Geisteskämpen, der immer im Großen und Ganzen und Weiten, kosmisch also, zu denken pflegt: Hans Christian Meiser. Was das von ihm empfohlene Weistum besonders kostbar macht, ist (neben der hemmungslosen Anpreisung) das ehrwürdige Alter des Konsumguts, seine augenfällige Wurmstichigkeit; im Schnäppchenladen des Abendlands verkauft sich so etwas immer gut. Die Fülle der Erkenntnis hat zudem ein einfaches, fröhlich klingelndes Markenzeichen: Hildegard.
Das rettende Prinzip, das ins Haus steht, ist die vor achthundert Jahren von der Äbtissin von Bingen ersonnene Heils- und Heilungslehre, die heute, mit bodenlosen Erwartungen und Versprechungen reich garniert, als "Hildegard-Medizin" reaktualisiert werden soll. Deren Prämisse ist eine Art fundamental-religiöses Degenerations-Theorem: "Wärme und Feuchtigkeit wie auch Blut und Fleisch sind nämlich durch Adams Sündenfall in die entgegengesetzten Phlegmata umgewandelt worden." Daraus resultieren Krankheiten. Konsequent schließt sich die Vorstellung an, daß Tugend und rechter Glaube, wie sie das Vorurteil gerade sieht, die verdrehte Physiologie wieder um-be-kehren könnten.
Krebs, nach Hildegards unwiderleglicher Meinung aus dem "Trockenen" oder "Lauwarmen" entstehend, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, daß "vermes" (Würmer, von den modernen Hilde-Gardisten allerdings sanft korrigierend in "Viren" transformiert) den Leib verzehren. Für die Krebsheilung braucht es eine Mixtur aus unter anderem Aal-Galle, pulverisierten Geierschnäbeln und zermahlenem Elfenbein. Vor Metastasen schützen drei Messerspitzen Schafgarbenpulver täglich (zitiert aus Hertzka und Strehlow "Handbuch der HildegardMedizin").
Dieser hoffnungslos uferlosen Lehre ist nun mit Hans Christian Meiser ein kongenialer Weitsichts-Zeuge und Fernseh-Prophet erwachsen. Seiner Verkündigung zufolge ist "Hildegard" der Zauberschlüssel für die Tür ins nächste Jahrtausend: wir dürfen hoffen, "daß sich in Zukunft eine gesunde Humanmedizin auf der Basis der Hildegard-Medizin abspielt". Also abspielte sich’s aus dem vibrierenden Kehlkopf des Meis(t)ers, der damit die eigene Sendung "Atlantis", Untertitel "Das verborgene Wissen der Welt", in ihrer säkularen Bedeutung nicht ohne Wohlwollen würdigte. Wer aber ist Hans Christian Meiser? Zunächst einmal unterscheidet er sich von dem namensgleichen anderen Talk- und Talg-Master Meiser dadurch, daß selbiger trotz aller Anstrengung nur Hans heißt - was doch schon einiges besagen will. Hans nämlich, geradlinig-anankastisch, versteht es zwar, die persönliche Ausstrahlung seines immer frisch gebügelten Anzugs durch vorgehaltene Stichwortzettel abzusichern, so daß er nie aus dem Konzept kommt - ausgenommen, er stößt auf wirklichen Widerspruch, was zetteltechnisch nicht vorgesehen ist. Doch ihm fehlt das charismatische Tiefenruder, welches nun gerade der schon durch seinen Namens-Dreiklang mehr sphärenmusikalisch angehauchte Hans Christian Meiser gern bedient. H. C. M. vertritt in der Medienlandschaft das spirituelle Prinzip; mit unablässigem Schnäbeln, Knabbern und Drauflos-Plappern weiß er auch die unsinnigsten Annahmen aufzupicken und durch emsiges weiteres Schnabelklappern und Knuspern so weit zu zerfleddern, daß schließlich nur ein teigiges Muten und Ahnen übrigbleibt und jedermann "Bahnhof" versteht. Doch gerade das ist dann der gelobte Zielbahnhof des EsoterikTourismus, Geheimnishausen, Nifelheim, der Ort, wo die Welt sich in Nebel auflöst.
H. C. M.s besonderer Grundsatz lautet: Am Anfang kommt die Bestätigung - dann kommt das Experiment. Entsprechend diesem illuminativen Prinzip verfuhr H. C. M. schon in einer früheren Sendung, wo er, von Gongs umläutet, Teemeister und Wiederaufbrüher fernöstlicher Erkenntnis-Blättermischungen war. Rührte er doch eines Tages mit einem Wunderstab statt im Tee in gewöhnlichem H2O, um auf diese Weise dem trivialen Naß "kosmische Energie" und gesundheitliche Kraft anzudrehen. Ein zuvor zum Wegblicken vermahnter Studiogast durfte anschließend prüfende Schlückchen nehmen - der bangen Frage ausgesetzt, ob er das eine Glas vom anderen unterscheiden könne. Und siehe: er konnte. Das Meisersche Wasser-Wunder ereignete sich vor aller Augen. Wenn auch, betrübliche Einschränkung, erst nach mehreren Anläufen; immerhin war es die dritte Anzeige, die ins Schwarze traf. Der ebenfalls kosmisch überzeugte Gast - doppelter Aberglaube ist auch Doppelblindversuch - hatte endlich richtig getippt - und beide Experten waren sofort einig, daß die vorausgehenden Fehl-Aussagen als momentane Geschmacks-Schwächen unerheblich seien, während das richtige Resultat durch sein herausragendes Geschmackserlebnis wirklich zähle. So wurde auch diese Experimentalreihe zum vollen Erfolg.
Bei derart solid gegründeten Geistesfundamenten ist H. C. M. natürlich die berufene Gestalt, um wissenschaftliches Denken umfassend zu revolutionieren - nunmehr also mit Mixturen aus dem Hilde-Garten. In der "Atlantis"-Sendung wurde außer der verblichenen (übrigens nicht kirchlich approbierten) "Heiligen" aber auch eine irdische Beistandsmacht aktiv: W. Strehlow, der oben schon zur Krebsbehandlung zitierte Autor, nahm das Thema strahlungs-, ladungs- und schwingungsmäßig in die Hand. Meiser und Strehlow - Fußsoldat und Kanonier im "Atlantis"-Pakt der Wissenschaftsinnovation - marschierten also gemeinsam verheerend querfeldein und ließen dabei im Interview-Duett das Hohe Lied der Hildegard-Medizin erschallen. Das klang dann so:
H. C. M. (mit Prüfungsblick): "Ich bin skeptisch gegen Edelsteinschwingung." Strehlow (einen Bergkristall hebend): "Der Stein hat eine Struktur, hat Molekülschwingungen. Das kommt aus der prägenden Begegnung von Himmelsmaterie, materia lucida, mit Erdmaterie, materia turbulenta. Die Schwingungen werden bei der Heilung auf das Nervensystem übertragen." H. C. M. (vom Erkenntnisschock getroffen): "Man könnte vielleicht sagen, dieser Stein ist elektrisch geladen - also natürlich nicht elektrisch - aber er ist geladen?" Strehlow (beifallnickend): "Die Eigenschwingung geht nie verloren. Gegen eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse muß man den Stein in die Sonne legen, ,er wird noch einmal energetisch aufgeladen', dann badet man ihn in Wasser und trinkt dieses. Und das reinigt den Kropf . . ." H. C. M.: "Das erscheint mir schon viel klarer . . ."
"Viel klarer?" Nein: Alles klar. Wir schlagen nur noch etwas unterstützend Werbliches für die neuen Therapieverfahren vor. Etwa: "Hast du Hildegard im Magen, ist der Kropf bald abgetragen." Oder: "Den Strehlow ins Köpfchen, bringt Schwingung ins Kröpfchen." Schön auch: "Ich bin klein, mein Kropf ist rein, soll niemand drin wohnen als Hans Christian allein." Heinz Knapp
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