ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Robert-Koch-Medaille für Satoshi Omura

THEMEN DER ZEIT: Medizinreport

Robert-Koch-Medaille für Satoshi Omura

Dtsch Arztebl 1997; 94(51-52): A-3462 / B-2812 / C-2534

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS An die Symptome können sich in Deutschland nur noch wenige Kriegsveteranen erinnern: Es begann mit flüssigem Durchfall, kurz danach Fieber, starke Eingeweidekrämpfe, und schließlich wurde der Stuhl schleimig, eitrig, blutig. Die Shigellen-Ruhr hatte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront viele Todesopfer gefordert. Es liegt aber nicht am engen Verhältnis der Bakterien zum Krieg, daß der Mikrobiologe Prof. Phillipe Sansonetti (Medizinischer Direktor des Institut Pasteur, Paris) für seine Forschungsarbeiten zu Shigella den diesjährigen, mit 100 000 DM dotierten Robert-Koch-Preis erhalten hat. Gerade wo Menschenmassen und verschmutztes Trinkwasser aufeinandertreffen, ist Shigella auch heute eine akute Gefahr: 600 000 Tote fordert die Darminfektion jährlich, meist Säuglinge und Kinder, meist in den Entwicklungsländern. Auch mit der Verleihung der diesjährigen Robert-Koch-Medaille in Gold für das wissenschaftliche Lebenswerk von Prof. Satoshi Omura verweist die Stiftung auf die Tatsache, daß im globalen Maßstab selbst vermeintlich profane Infektionskrankheiten wie der Durchfall unbesiegt sind. Omura, heute Präsident des Kitasato-Institutes in Tokio, hat in den letzten Jahrzehnten an die 300 Wirkstoffkandidaten entdeckt. Auf der Liste seiner Entdeckungen findet sich neben Pflanzenschutzmitteln, Tierarzneimitteln und Antibiotika auch das "Avermectin". Auf einem chemischen Abkömmling dieses Wurmmittels, dem Ivermectin, ruht derzeit die Hoffnung der Welt­gesund­heits­organi­sation, die Flußblindheit in den Tropen auszurotten. 1996 haben 16 Millionen Menschen eine Tablette des Medikaments als Schutz vor langsamer Erblindung erhalten. Experten sehen in der Substanzklasse den wichtigsten Beitrag zur Antibiotikaforschung seit der Entdeckung des Penizillins. Bezeichnend für die Lage im Kampf gegen Infektionskrankheiten ist, daß beide Preisträger keineswegs behaupten können, am Ziel zu sein.
Resistenzen haben auch vor den von Omura entdeckten Antibiotika nicht halt- gemacht, so daß auch in Zukunft neue Substanzen gebraucht werden. Und auch Sansonetti hat ein wichtiges Ziel seiner Arbeit, die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Shigellen, noch nicht erreicht. Allerdings ist seiner Forschung die Erkenntnis zu verdanken, warum solch ein Impfstoff keine Routineangelegenheit ist. Zu den ungewöhnlichen Eigenschaften der Shigellen gehört, daß sie sich nach der Infektion fast nur noch im Inneren von Körperzellen aufhalten, wo sie für das Immunsystem schwer zu erreichen sind. Ein Arsenal von Proteinen erlaubt den Erregern zudem einen intensiven "Wortwechsel" mit menschlichen Zellen. Zum "Wortschatz" der Shigellen gehören etwa Proteine, die dafür sorgen, daß Darmmukosazellen die Bakterien aktiv "verschlucken", andere erlauben Shigella die Weiterreise in die Nachbarzelle oder veranlassen zur Abwehr anrückende Makrophagen zum Selbstmord. Immerhin haben Sansonettis Erkenntnisse zur Entwicklung von verschiedenen abgeschwächten Lebendimpfstoff-Kandidaten geführt, bei denen wichtige Virulenz-Gene zerstört wurden. Sie werden derzeit erprobt. Klaus Koch

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige