ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Großbritannien: National Health Service in Not

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Großbritannien: National Health Service in Not

Thomas, Kurt

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LNSLNS In Großbritannien breitet sich erstmals seit dem Wahlsieg der linken Labour Party von Tony Blair im Mai gesundheitspolitische Enttäuschung aus. Grund: Der staatliche britische Gesundheitsdienst (National Health Service) steht vor einer ernsthaften Versorgungskrise. Wie ernst die Lage vor allem im stationären Sektor ist, zeigt die Tatsache, daß Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson den staatlichen Krankenhäusern erlaubt hat, zusätzliche Betten in Privatkliniken anzumieten, falls sie der Nachfrage nach Krankenhausbetten nicht länger nachkommen können.


Um den stationären Sektor nicht gänzlich ins Chaos stürzen zu lassen, hat das britische Ge­sund­heits­mi­nis­terium für diesen Winter einen "Nothaushalt" für den staatlichen Gesundheitsdienst aufgestellt. Durch Einsparungen an anderer Stelle sollen rund 250 Millionen Pfund (725 Millionen DM) zusätzlich in den Gesundheitsdienst fließen.
Der "Nothaushalt" ist einzigartig in der jüngeren Geschichte des Na-tional Health Service (NHS). "Wir müssen jetzt handeln, damit im Winter nicht plötzlich eine Versorgungskrise da ist", sagte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson in London. "Diese Regierung wird alles in ihrer Macht Stehende tun, damit Patienten vernünftig versorgt werden!" Dobson erwartet, daß vor allem der stationäre Sektor im kommenden Winter Tausende Patienten zusätzlich behandeln muß. Krankenhauseinweisungen steigen traditionell während der kalten Jahreszeit deutlich an.
In den vergangenen Jahren war es zwischen November und März immer wieder zu Versorgungsengpässen in den rund 2 000 NHS-Kliniken gekommen. Kranke mußten in Notbetten auf den Fluren untergebracht werden, da es an Betten auf den Stationen fehlte. Beobachtungen in großen Londoner Krankenhäusern zeigen, daß bereits jetzt - im Spätherbst - Notbetten auf Krankenhausfluren aufgestellt werden müssen. Durch den "Nothaushalt" hofft Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson, das Schlimmste doch noch abzuwenden. Eines der Probleme im stationären Sektor ist, daß nach 18 Jahren konservativer Regierungen Tausende Krankenhausbetten aus Kostengründen stillgelegt wurden. Diese Betten fehlen jetzt.
Das Verteidigungs- und das Handelsministerium wurden von Premierminister Tony Blair angewiesen, rund 250 Millionen Pfund, umgerechnet rund 725 Millionen DM, einzusparen. Das eingesparte Geld soll direkt in den National Health Service fließen. Der britische Ärztebund (British Medical Association) sowie die größte Krankenpflegergewerkschaft (Royal College of Nursing) hatten in den vergangenen Wochen mehrfach vor bevorstehenden stationären Versorgungsengpässen gewarnt.


Lob von Ärzten und Pflegepersonal
"Wir sind erleichtert, daß das Ge­sund­heits­mi­nis­terium handelt und mehr Geld in das Krankenhauswesen pumpen wird", sagte der Sprecher der British Medical Association (BMA), James Johnson. "Der Nothaushalt ist eine gute Nachricht für Patienten, Ärzte und Pfleger." Das Royal College of Nursing (RCN) lobte den "NHSNothaushalt" als "Rettung in letzter Minute". "Es ist wichtig, daß das zusätzliche Geld unverzüglich bereitgestellt wird, damit Krankenhäuser rechtzeitig vor Winterbeginn stillgelegte Betten und Stationen wieder eröffnen können", so RCN-Generalsekretärin Christine Hancock. Weder die BMA noch das RCN gehen normalerweise großzügig mit Lob der jeweiligen Regierung um. Die Tatsache, daß jetzt beide Organisationen der Gesundheitspolitik der neuen britischen Labour-Regierung offen applaudieren, zeigt nach Meinung von Beobachtern, wie sehr sich die Zeichen seit dem Wahlsieg Tony Blairs im Mai 1997 gewandelt haben.
Anders ist die Haltung der britischen Apothekerverbände. Sie haben die Regierung in jüngster Zeit mehrfach kritisiert, Wahlversprechen nicht gehalten zu haben. Die Kritik bezieht sich vor allem auf Labours 180-GradDrehung in Sachen Preisbindung für verschreibungsfreie Arzneimittel.
Unterdessen überraschte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Dobson kürzlich mit der Ankündigung, NHS-Krankenhäusern erlauben zu wollen, zusätzliche Betten in britischen Privatkliniken zu mieten. In Großbritannien gibt es rund 11 000 Betten in Privatkliniken. Nach Angaben der größten privaten Kran­ken­ver­siche­rung im Land, Bupa, steht derzeit jedes zweite private Krankenhausbett leer.
Frank Dobson gilt als Gegner privater Krankenfürsorge. Die Tatsache, daß der Labour-Minister jetzt den staatlichen Hospitälern eine Kooperation mit dem Privatsektor erlaubt, zeigt nach Meinung gesundheitspolitischer Beobachter, wie kritisch die Lage ist. Die ersten NHS-Krankenhäuser haben inzwischen damit begonnen, Patienten in privaten Betten unterzubringen. Es zeichnet sich ab, daß die Staatskliniken vorzugsweise Patienten zur Konvaleszenz in private Krankenhäuser schicken. Das ist billiger, als die NHSPatienten im Privatsektor operieren zu lassen. Trotz staatlicher Gesundheitsfürsorge verfügt heute rund jeder zehnte Engländer über privaten Kran­ken­ver­siche­rungsschutz. Labour schaffte bereits kurz nach der Regierungsübernahme diverse steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für PKV- Beiträge ab. Die Arbeiterpartei steht aus ideologischen Gründen auf Kriegsfuß mit der privaten Krankenfürsorge. Kurt Thomas, London

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