ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Die Bedeutung der Ernährung in der Prävention und Therapie von Krebs

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Die Bedeutung der Ernährung in der Prävention und Therapie von Krebs

Biesalski, Hans K.

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LNSLNS Eine Konsensuskonferenz der Welt­gesund­heits­organi­sation mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit zum Thema Ernährung in der Prävention und Therapie von Krebs fand vom 27. bis 29. November 1996 in Hohenheim statt. Ziel der Veranstaltung war es, den derzeitigen wissenschaftlichen Stand aus der Sicht unterschiedlichster Fachgebiete zu beschreiben. Es wurden 50 internationale Wissenschaftler eingeladen, die in vier Gruppen anhand von je zehn Fragen die Bedeutung der Ernährung in der Therapie und Prävention von Krebs erörterten. In den Gruppen wurde der jeweilige Stellenwert der Ernährung bei den Krebserkrankungen von Lunge, Brust, Magen und Kolon diskutiert. Die Diskussion führte zu folgenden Ergebnissen.


Lungenkrebs


Risikofaktoren
In 90 Prozent der Fälle stellt Rauchen den wesentlichen Risikofaktor dar. Auch niedrige Zufuhr von Früchten, Gemüsen, genetische Prädisposition, chronische obstruktive Atemwegserkrankungen und passives Rauchen tragen mit zur Entwicklung bei.


Epidemiologische Evidenz
Es finden sich eine Vielzahl von Hinweisen aus epidemiologischen Studien, daß eine hohe Zufuhr von Gemüse und Früchten mit einem niedrigeren Risiko assoziiert ist.


Spezifische präventiv wirksame Komponenten
Bisher bestehen keine Hinweise, daß isolierte Komponenten der Ernährung wesentlich in Prävention und Therapie sind. Aus tierexperimentellen Studien kann jedoch abgeleitet werden, daß manche Komponenten der Ernährung, wie zum Beispiel antioxidative Vitamine und Spurenelemente, eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des Lungenkrebses spielen.


Rauchen und Ernährung
Raucher haben häufig eine niedrigere Aufnahme vegetabiler Lebensmittel. Selbst wenn die Aufnahme adäquat ist, so zeigt sich, daß bei einigen Lebensmittelinhaltstoffen, wie Carotinoiden, Vitamin C und Folsäure, deutlich niedrigere Plasmawerte vorliegen, als aus ihrer Nahrungszufuhr zu erwarten wäre.


Konsequenzen der CARE und ATBC-Studien
Raucher haben von einer Chemoprävention mit b-Carotin keinen Vorteil. Vielmehr kann die Supplementierung über lange Zeit ein zusätzliches Risiko darstellen. Die b-Carotin-Blutwerte korrelierten zu Beginn der Studie allerdings negativ mit der Lungenkrebsinzidenz. Da diese Plasmawerte Ergebnisse einer bestimmten Ernährungsweise waren, bestätigt sich die Beobachtung, daß eine hohe Zufuhr von vegetabilen Nahrungsbestandteilen das Lungenkrebsrisiko senkt.


Empfehlungen
Zigarettenrauchen vermeiden, die Zufuhr vegetabiler Lebensmittel auf fünf Portionen pro Tag erhöhen. Für die Sekundärprävention gibt es zwar keine Hinweise, daß eine spezielle Ernährungsform zu einer therapeutischen Intervention eingesetzt werden könnte. Aus den Ergebnissen der Grundlagenforschung sowie aus epidemiologischen Studien läßt sich jedoch ableiten, daß die Empfehlungen für die Primärprävention in gleicher Weise auch für die Ernährungsweise bei bereits bestehendem Lungenkrebs gelten.


Brustkrebs


Gebrauch von Mikronährstoffen
Weder epidemiologische noch klinische oder klinisch-chemische Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme bestimmter Mikronährstoffe und der Entwicklung von Brustkrebs gezeigt. Weitere Studien, die insbesondere einen Zusammenhang zwischen antioxidativen Vitaminen und Brustkrebsrisiko klären sollen, scheinen zur Zeit nicht notwendig zu sein.


Bedeutung von Fett
Aus tierexperimentellen Studien kann abgeleitet werden, daß eine Erhöhung der Fettzufuhr mit einer erhöhten Inzidenz des Brustkrebses einhergeht. Für den Menschen scheint es jedoch so zu sein, daß weniger das in der Nahrung enthaltene Fett, sondern vielmehr der Gesamtenergiegehalt einen Risikofaktor darstellt. Dies erklärt auch die Beobachtung, daß Übergewicht das Brustkrebsrisiko erhöht und die Prognose bei postmenopausalen Brustkrebspatientinnen verschlechtert. Regelmäßige körperliche Bewegung in jungen Jahren scheint das Brustkrebsrisiko zu verringern, während eine starke Alkoholaufnahme das Risiko erhöht.


Ernährung und hormoneller Status
Es ist inzwischen anerkannt, daß die Ernährung das Brustkrebsrisiko über hormonelle Mechanismen beeinflußt. Dazu gehört neben dem Übergewicht auch die Beziehung zwischen Ernährung, Übergewicht und Insulinresistenz. Ein weiterer Aspekt, der näher untersucht werden sollte, ist der Einfluß von Phytoöstrogenen und Ballaststoffen.


Tamoxifen-Studien
In keiner der bisherigen Tamoxifen-Studien wurde der Einfluß der Ernährung berücksichtigt.


Hochrisikogruppen
Aus der britischen Tamoxifen-Studie läßt sich das folgende Profil für Hochrisikogruppen ableiten:
Altersgruppe 45 bis 65 mit einem der folgenden Faktoren:
1 Brustkrebs bei einer Verwandten ersten Grades vor dem fünfzigsten Lebensjahr,
1 Zweiseitiger Brustkrebs bei einem Verwandten ersten Grades,
1 Verwandte zweiten oder dritten Grades mit Brustkrebs,
1 Kinderlose mit Brustkrebsanamnese bei einem Verwandten ersten Grades unabhängig vom Alter,
1 Biopsie mit Carcinoma in situ oder atypische Hypoplasie,
1 Maligne Biopsie mit proliferativer Erkrankung und Brustkrebs bei einem Verwandten ersten Grades unabhängig vom Alter.
Altersgruppe 35 bis 44 Jahre mit einem der folgenden Befunde:
1 Verwandte ersten Grades mit zweiseitigem Brustkrebs und Alter unter 40,
1 zwei Verwandte ersten Grades mit Brustkrebs und Alter unter 50,
1 Lobuläres Carcinom in situ.


Empfehlungen zur Primärprävention
1 Tägliche Zufuhr von Früchten und Gemüsen sowie Vollkornprodukten:
1 Vermeidung von Übergewicht,
1 Verringerung der Gesamt-Fettzufuhr durch Verringerung der Fleischmenge bei gleichzeitig gesteigertem Konsum von Fisch und Gemüse sowie Pflanzenöl,
1 Verringerung der Alkoholzufuhr,
1 Frühzeitige körperliche Bewegung und frühzeitige Umstellung auf eine gesunde (betont vegetabile) Kost.
Es gibt bisher keine Hinweise für eine spezifische therapeutische Intervention durch Ernährung. Allerdings können auch in der begleitenden Behandlung des Brustkrebses die gleichen Regeln wie für die Primärprävention angewandt werden.


Magenkrebs


Modell der Magenkarzinogenese
Das Modell von Chorea und Mitarbeitern bezieht sich im wesentlichen auf den intestinalen Typ des Magenkrebses und berücksichtigt nicht die Krebsform der Kardia. Gerade die Krebserkrankung der Kardia sollte intensiver untersucht werden, da dieser Erkrankungstyp in den letzten Jahren stark zunimmt. Auch verschiedene diffuse und gemischte oder unklassifizierte Typen des Magenkrebses müssen hinsichtlich ihrer Pathogenese näher geprüft werden.


Helicobacter pylori
H. pylori scheint in den Frühstadien der Magenkrebsentwicklung (Atrophie) eine Rolle zu spielen und könnte auch in späteren Stadien von Bedeutung sein. Weitere Untersuchungen, insbesondere histologische Klassifizierungen, sind nötig, um diese Fragen besser beantworten zu können.


Intestinaler Typ
Früchte, Gemüse und Zwiebeln scheinen einen protektiven Effekt zu haben. Es gibt eine Reihe von Antikarzinogenen in der Nahrung, die eine Rolle spielen können, insbesondere antioxidative Vitamine. Allerdings könnten diese auch Marker für einen bestimmten Ernährungsstil sein, wobei hier Lebensmittel zugeführt werden, die nicht nur reich an antioxidativen Vitaminen sind, sondern auch eine Reihe anderer antikarzinogener Faktoren enthalten. Die Abnahme des Verzehrs von mixed pickles, geräucherten und gepökelten Lebensmitteln scheint unter anderem für den Rückgang der Magenkrebsinzidenz verantwortlich zu sein. Es gibt bisher keine Daten, die einen Effekt der Ernährung bei Magenkrebs belegen.


Stadienabhängige Wirksamkeit
Es gibt eine Reihe von Hinweisen, daß Früchte und Gemüse in den sehr frühen Stadien im Choreamodell (bis zur intestinalen Metaplasie) wirksam sind. Folglich ist eine betont vegetabile Ernährung, die bereits in jungen Jahren durchgeführt wird, ein wichtiger präventiver Faktor.


Interventionsstudien
Die in China in einem Mangelgebiet abgeschlossene Studie ist für europäische und amerikanische Verhältnisse nicht relevant. Drei weitere Studien sind noch nicht abgeschlossen. Bei all diesen Studien wird entweder mit Vitamin C und Vitamin E oder auch mit b-Carotin supplementiert. Eine Reihe weiterer Studien sind notwendig, um die Rolle der Ernährung bei der Pathogenese des Magenkrebses deutlicher zu machen. Dazu gehören auch nichtinvasive Tests für spezifische Marker wie Muzine, Pepsinogene, Serumgastrin und andere.


Primärprävention
Empfehlungen zur Primärprävention sollten bereits im Kindesalter, insbesondere in den Schulen, gegeben werden. Dazu gehört vor allen Dingen die tägliche Aufnahme von Fruchtsaft, mindestens zwei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst. Ebenso sollte darauf hingewiesen werden, daß Rauchen sowie gepökelte und geräucherte Lebensmittel vermieden werden sollten.


Zukünftige Forschung
Untersuchungen zur Rolle der Ernährung bei den unterschiedlichen Formen des Magenkrebses, Untersuchungen zur Rolle der Ernährung auf die Entwicklung von Präkanzerosen, Entwicklung nichtinvasiver Marker für Präkanzerosen, Kampagnen zur Modifikation des Ernährungsverhaltens insbesondere bei Jugendlichen, mehr Untersuchungen zur Rolle der Muzine der Magenschleimhaut als primäre Barriere, Untersuchungen zum Einfluß der Ernährung auf die Rezidive des Magenkrebses sollten Gegenstand zukünftiger Forschung sein.


Therapie
Therapeutische Empfehlungen einer bestimmten Ernährungsweise, die zum Beispiel die Progression eines bestehenden Magenkrebses beeinflußt, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben werden. Allerdings sollte der Ernährungsstatus präoperativ optimiert werden, um die perioperative Mortalität zu senken und die postoperative Lebensqualität zu verbessern.


Kolonkrebs


Ursache
Die lange Entwicklungszeit macht es schwierig, zwischen genetischen Faktoren und Umweltfaktoren zu unterscheiden. Es gibt jedoch Hinweise, daß die Ernährung bei der Entwicklung des Kolonkrebses eine nicht unwesentliche Rolle spielt.


Fett
Die Fettzufuhr ist möglicherweise mit dem kolorektalen Krebsrisiko assoziiert. Es gibt jedoch bisher zu wenig Daten, die dies eindeutig klären würden. Dies liegt daran, daß zwar aus epidemiologischen Studien solche Zusammenhänge entnommen werden können, Fallkontroll- oder prospektive Studien dies jedoch nicht bestätigen.


Eiweiß
Es gibt bisher keine klare Beziehung zwischen Eiweißzufuhr und kolorektalem Krebsrisiko. Allerdings hat man eine positive Beziehung zwischen tierischen Fetten, insbesondere häufige Zufuhr von rotem Fleisch, und Krebsrisiko beobachtet. Ein verringertes Risiko wurde im Zusammenhang mit einer Ernährung beobachtet, die reich an vegetabilen Proteinen, weißem Fleisch oder Fisch war.


Alkohol
Aus epidemiologischen Daten kann gefolgert werden, daß Alkoholzufuhr auch in geringen Mengen das Risiko für kolorektale Adenome und Krebs steigert. Besonders deutlich ist dies für den Zusammenhang zwischen Bier und rektalem Karzinom.


Komplexe Kohlenhydrate
Eine Ernährung, die reich an pflanzlichen Polysacchariden wie zum Beispiel Ballaststoffen oder NichtstärkePolysacchariden ist, ist mit einem geringen Risiko für kolorektale Adenome und Krebs assoziiert. Es gibt eine Reihe von physiologischen Mechanismen, die dies erklären. Zum jetzigen Zeitpunkt kann jedoch keine spezifische Polysaccharidfraktion ausgemacht werden, die eine spezifisch präventive Wirkung aufweisen würde.


Antioxidative Vitamine
Aus epidemiologischen Studien läßt sich entnehmen, daß eine niedrige Zufuhr einiger Vitamine mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert ist. Allerdings haben randomisierte Studien gezeigt, daß eine Supplementierung mit einzelnen antioxidativen Vitaminen das Risiko für Adenome oder bestimmte Krebsformen des kolorektalen Bereiches nicht reduziert. Gleiches gilt für eine Reihe von Mineralstoffen und Spurenelementen.


Energiezufuhr
Es gibt einige epidemiologische Studien, die zeigen, daß ein hoher Body-Mass-Index mit einem gesteigerten Risiko assoziiert ist. Personen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein niedrigeres Risiko.


Lebensmittel
Epidemiologische Studien zeigen einen klaren inversen Zusammenhang zwischen Gemüsezufuhr und kolorektalem Krebsrisiko.
Aus epidemiologischen Studien läßt sich ein Zusammenhang zwischen Obstzufuhr und Krebsrisiko nicht nachweisen. In einigen wenigen Studien wurde eine Beziehung zwischen Vollkornzerealien und reduziertem kolorektalem Krebsrisiko gezeigt. Die Zufuhr von raffinierten Zerealien und Zucker scheint jedoch mit einem höheren Risiko verbunden zu sein.
Der Verzehr von rotem Fleisch ist möglicherweise mit einem gesteigerten kolorektalen Krebsrisiko assoziiert. Allerdings sind die epidemiologischen Studien zu dieser Frage sehr kontrovers.
Aus experimentellen Studien gibt es starke Hinweise, daß chemische Verbindungen, die beim Kochen der Lebensmittel, besonders bei hoher Temperatur, entstehen, bei Nagern karzinogen wirken. Für den Menschen konnten jedoch solche Beziehungen bisher nicht hergestellt werden.


Ernährungsempfehlung
Steigerung der Zufuhr von Gemüse und Vollkornzerealien sowie Verzehr von Fisch und Gemüse statt rotem Fleisch. Die Alkoholaufnahme sollte 20 Gramm pro Tag nicht übersteigen und es wird regelmäßige körperliche Bewegung empfohlen.


Sekundärprävention
Hier waren sich die Wissenschaftler einig, daß, soweit es der jeweilige Zustand des Patienten erlaubt, die für die Primärprävention aufgestellten Regeln in gleicher Weise gelten sollten. Insbesondere sollte verstärkt darauf geachtet werden, den Ernährungsstatus des Patienten vor operativen Eingriffen zu erheben und möglicherweise zu verbessern, um auf die Art und Weise die peri- und postoperative Prognose zu verbessern.
Das Meeting hat gezeigt, daß hinsichtlich der Bedeutung der Ernährung in der Prävention und Therapie von Krebs noch ein sehr starker Forschungsbedarf besteht. Insbesondere muß die Rolle einzelner Lebensmittelinhaltsstoffe genauer untersucht werden, um zu vermeiden, daß durch einseitige Supplementierung oder diätetische Maßnahmen ohne wissenschaftliche Basis zusätzliche Risiken produziert werden. Sowohl in der Prävention als auch in der Therapie kann Ernährung nicht nur einen ganz bedeutenden kostendämpfenden Faktor darstellen, sondern auch vor einer Reihe weiterer sogenannter Zivilisationskrankheiten wie Arteriosklerose, Diabetes mellitus und anderen schützen.


Prof. Dr. med. Hans K. Biesalski
Institut für biologische Chemie und Ernährungswissenschaft
Universität Hohenheim (140)
70593 Stuttgart

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