ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Partner in einer Gemeinschaftspraxis: Was bei Job-sharing zu beachten ist

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Partner in einer Gemeinschaftspraxis: Was bei Job-sharing zu beachten ist

Winsloe, Herbert

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LNSLNS Die neu geschaffene Möglichkeit, einen Arzt oder eine Ärztin der gleichen Fachrichtung im überversorgten Planungsbereich als Partner in die Praxis aufzunehmen (siehe auch DÄ 42/1997), könnte insbesondere für Inhaber großer Praxen, Gemeinschaftspraxen oder Belegarztpraxen hilfreich sein, um sich eine Entlastung bei der täglichen Arbeit zu schaffen. Für diese Vertragsärzte wird die Vorgabe der Leistungsbegrenzung bei bisher guter Gewinnsituation nur eine Entscheidung zwischen "Geld oder Leben" im Sinne der Lebensqualität bedeuten.
Älteren Ärzten, die schon an einen Rückzug aus der Praxis denken, können ihre vertragsärztliche Tätigkeit im Rahmen einer Übergangsgemeinschaft langsam beenden und zugleich dem jungen Arzt oder der Ärztin den Zugang zum vertragsärztlichen System ermöglichen. Dies ist besonders für Vertragsärzte ein Weg, die im familiären Verbund mit Ehepartner oder Kindern ihre Praxis weiterführen oder an diese weitergeben wollen. Die Möglichkeit einer Übergangsphase vor Abgabe der Praxis ist auch im Sinne der Patienten ein "Sich-gewöhnen" an den neuen Arzt oder die neue Ärztin und mindert den bei kurzfristigem Übergang einer Praxis üblichen Patientenschwund.
Die dritte geeignete Zielgruppe für das Job-sharing/Kooperationsmodell sind Ärztinnen, die durch familiäre Belastung eine Weiterführung ihrer Praxis unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gefährdet sehen und sich deshalb einen Partner oder eine Partnerin zur Entlastung im Rahmen einer Kooperation suchen.
Unter dem Aspekt der Leistungsbeschränkung kann dieses Job-sharing-Modell aber nur funktionieren, wenn die Praxis vor Beginn dieser Kooperation ausreichenden Gewinn erwirtschaftet hat. Der oder die hinzukommende Kollege/Kollegin sollte vor Einstieg in die Praxis zudem prüfen, ob er/sie mit dem angebotenen Teilhonorar zurechtkommt. Es sollte präzise kalkuliert werden, welche Ausgaben der persönlichen Lebensführung zu berücksichtigen sind. Dazu gehören auch die Vorsorgeaufwendungen für das be-rufsständische Versorgungswerk, die Krankenversiche-rung und das Krankentagegeld sowie die persönlichen Praxiskosten, die bei einer Gemeinschafts-praxis als Sonderbetriebsausgaben vom jeweiligen Partner getragen werden. Das sind unter anderem die Ausgaben für die Haltung eines Autos sowie einige Versicherungen und anderes mehr.


Zusätzliche Aufwendungen
Die Genehmigung für eine solche Kooperation wird nur unter der Auflage einer Leistungsbeschränkung erteilt. Dies kann, abgesehen von der jährlichen Steigerung der Praxis- und Lebenshaltungskosten, im Zeitablauf zur Verstimmung unter den Partnern führen, wenn zum Beispiel notwendige Ersatz- oder Nachinvestitionen finanziert werden müssen. Leicht übersehen wird, daß die vor Beginn der Kooperation bestehende Praxiskostenkonstellation sich durch die Mitarbeit eines Partners verändern kann. Die Folge können mehr technische und Materialkosten sein, aber auch Personalkosten, wenn eventuell noch eine Teilzeitkraft beschäftigt werden muß oder Überstunden anfallen.
Häufig wird eine Kooperation auch nur möglich, wenn zusätzliche Aufwendungen für Einrichtung und medizinische Geräte getätigt werden. Im Unterschied zur Gemeinschaftspraxis mit eigener Vollzulassung des hinzukommenden Partners ist für den Partner, der in den ersten zehn Jahren nur über eine Zulassung mit Auflage verfügt, jede Form des finanziellen Engagements in Form eines Einstiegspreises oder Beteiligung an Investitionen in die Praxis kritisch zu bewerten. Wenn nämlich erst nach Ablauf von zehn Jahren die Hoffnung auf Vollzulassung für den Juniorpartner besteht und er bei vorzeitiger Beendigung seine Zulassung verliert, hat die kreditgebende Bank berechtigte Zweifel an seiner Bonität. Im Gegensatz zum vollzugelassenen Partner hat der ausscheidende Partner ohne Zulassung derzeit nur wenig aussichtsreiche berufliche Perspektiven. Es sollte deswegen nicht verschwiegen werden, daß der Partner in einer solchen Kooperation durch die Beschränkung seiner Zulassung auf die Dauer der gemeinsamen Tätigkeit von höchstens zehn Jahren ständig unter psychischem Druck steht. Dieser erhöht sich noch dadurch, daß die Gemeinschaft schnell in Frage gestellt ist, wenn Unstimmigkeiten mit dem Seniorpartner auftreten, beispielsweise wenn nach Ablauf einer gewissen Zeit der gemeinsamen Tätigkeit eine Verbesserung des Honoraranteils gefordert wird. Eine vorausschauende Vertragsgestaltung könnte die Position des Juniorpartners in dieser "unechten Gemeinschaftspraxis" etwas verbessern.
Die Erfahrungen aus bisher bestehenden oder in Auflösung befindlichen Gemeinschaftspraxen zeigen, daß auch der Juniorpartner mit voller Zulassung, sicher auch unter dem Aspekt unzureichender Vertragsgestaltung, eine unbefriedigende Rechtsposition gegenüber dem Seniorpartner hat. Mit eigener Vollzulassung kann er aber bei Ausstieg aus der Gemeinschaftspraxis immer noch eine andere eigenständige Existenzmöglichkeit finden, sofern keine Konkurrenzklausel im Gesellschaftsvertrag dies verhindert.


Anschrift des Verfassers
Diplom-Volkswirt Herbert Winsloe
Kassenärztliche Vereinigung Hessen
Georg-Voigt-Straße 15
60325 Frankfurt/Main

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