ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2011Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: Nah an der Versorgungsrealität

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Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: Nah an der Versorgungsrealität

Dtsch Arztebl 2011; 108(19): A-1044 / B-862 / C-862

Gerst, Thomas

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Günter Ollenschläger, Jahrgang 1951, promovierter Pharmazeut und Arzt, apl. Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, war von 1990 bis 1995 in der BÄK für die Bereiche „Fortbildung, Präventivmedizin und Gesundheitsförderung“ zuständig. 1995 übernahm er die Leitung des ÄZQ. Dort initiierte er unter anderem das NVL-Programm. Foto: ÄZQ
Günter Ollenschläger, Jahrgang 1951, promovierter Pharmazeut und Arzt, apl. Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, war von 1990 bis 1995 in der BÄK für die Bereiche „Fortbildung, Präventivmedizin und Gesund­heits­förder­ung“ zuständig. 1995 übernahm er die Leitung des ÄZQ. Dort initiierte er unter anderem das NVL-Programm. Foto: ÄZQ

Über einen wichtigen Tätigkeitsbereich des ÄZQ, die Entwicklung der Nationalen Versorgungs- leitlinien, sprach das Deutsche Ärzteblatt mit dem Leiter des ÄZQ, Günter Ollenschläger.

Man weiß, dass weltweit die Berufsgruppe der Ärzte die meisten Schwierigkeiten hat, Standards als Grundlage ihrer Tätigkeit zu akzeptieren“, konstatiert Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Günter Ollenschläger, Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Für eine Einrichtung, zu deren Aufgabenschwerpunkten vor allem die Entwicklung und Verbreitung von Leitlinien in der Medizin gehört, scheint das nicht unbedingt die beste Voraussetzung zu sein, sich bei den Adressaten beliebt zu machen. Gleichwohl zeigten die Wortbeiträge zur Veranstaltung, die Ende März aus Anlass des 15-jährigen Bestehens des ÄZQ durchgeführt wurde, eindrucksvoll, welche Wertschätzung diese Einrichtung inzwischen bei den wissenschaftlichen Fachgesellschaften und der ärztlichen Selbstverwaltung genießt. Bei der Tagung in Berlin ging es insbesondere um die Steuerungsfunktion, die das ÄZQ seit 2002 bei der Entwicklung und Implementierung der Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) übernommen hat.

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Nach Harmonie im Verhältnis zu den wissenschaftlichen Fachgesellschaften sah es zunächst nicht aus, weiß der Apotheker und Internist Ollenschläger aus den ersten Jahren des ÄZQ zu berichten. Im Jahr 1995 habe die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) damit begonnen, Leitlinien zu produzieren. „Wir sind ein Jahr später gestartet und haben festgestellt, dass das, was damals an Leitlinien auf dem Markt war, sehr wenig mit systematisch entwickelten Standards und einer bestimmten Methodik zu tun hatte.“ Deshalb habe man sich beim ÄZQ zunächst intensiv mit der Entwicklung der Leitlinienmethodik befasst. „Damit sind wir in Konkurrenz zur AWMF geraten“, erinnert sich Ollenschläger. Es habe einige Jahre gedauert, bis man sich in einem vom ÄZQ koordinierten Leitlinien-Manual auf eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Ziele hätte einigen können. Auf dieser Grundlage seien in den folgenden Jahren bei den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften mehr und mehr die internationalen Methodenstandards für gute Leitlinien berücksichtigt worden.

Die seit 2002 von ÄZQ und AWMF entwickelten Nationalen Versorgungsleitlinien zeichnen sich für Ollenschläger dadurch aus, dass sie ganz klar die Schnittstellen in der Versorgung definieren und Empfehlungen dazu abgeben, wie bei einem langanhaltenden Krankheitsprozess die einzelnen Leistungsträger eingebunden werden. „Wann soll ein Patient vom Hausarzt behandelt werden, wann vom Spezialisten, wann in der Rehabilitation? So systematisch wird das in wenigen anderen Leitlinien nachvollzogen.“

Mittlerweile gibt es zwölf NVL, die kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht werden müssen. Die NVL Demenz ist derzeit in Arbeit, folgen sollen schon bald die Themen Hypertonie und Schwangerschaftsvorsorge. Zudem müssen die bestehenden NVL regelmäßig aktualisiert werden. Die Mitwirkung an einer NVL steht allen AWMF-Mitgliedsorganisationen frei; bei bestimmten Erkrankungen müssen darüber hinaus noch am Versorgungsgeschehen beteiligte Gruppen hinzugezogen werden. Auch Patientenvertreter sind seit 2006 an der Erarbeitung der NVL beteiligt und nach Einschätzung von Ollenschläger dort auch unentbehrlich: „Sie öffnen den Blick der Ärzte auf Sachverhalte, die sie sonst nicht behandelt hätten. Zum Beispiel: Wie geht man bei bestimmten Krankheiten mit der Alternativmedizin um?“

Es ist ein mitunter mühsamer und langwieriger Prozess, bis sich die verschiedenen am Versorgungsgeschehen beteiligten Fachgruppen auf eine NVL verständigt haben. Am Anfang steht die Recherchephase beim ÄZQ. Dabei werden die Inhalte bereits bestehender Leitlinien miteinander verglichen. In einer ersten Runde werden Schlüsselfragen erarbeitet, das heißt, „die Runde konsentiert, welche Themen wissenschaftlich bearbeitet werden sollen“, führt der ÄZQ-Leiter aus. Am Beispiel der NVL Rückenschmerz könnte eine solche Frage lauten: Ist Akupunktur eine wirksame und angemessene Methode zur Behandlung von Rückenschmerzen? Vom ÄZQ, dessen Wissenschaftler sich dabei als Dienstleister der Leitliniengruppe sehen, wird zu den konsentierten Schlüsselfragen die Literatur recherchiert und aufbereitet. Rasch kann es dann zu Diskussionen darüber kommen, inwieweit wissenschaftlich nicht belegte Sachverhalte bei der Entwicklung der NVL berücksichtigt werden können. Wie relevant sind im Ausland wissenschaftlich erhobene Daten für die Versorgung hierzulande? Was hat sich in Deutschland bewährt, obwohl es international in der Literatur nicht beschrieben wird? Bei konträren Standpunkten der beteiligten Fachgruppen komme es entscheidend auf die Moderation der Arbeitstreffen an, betont Ollenschläger: „Die Moderatoren bemühen sich um eine Gesprächsatmosphäre, in der Emotionen so weit wie möglich heruntergesteuert werden.“ Ein Treffen gehe manchmal ohne Einigung zu Ende, dann treffe man sich nach einer Bedenkzeit wieder und versuche, in den umstrittenen Fragen eine Einigung zu erzielen. „Manchmal waren wir an einem Punkt, wo wir dachten, die Gruppe fliegt auseinander, die Einschätzungen zur Versorgungsrealität sind so unterschiedlich, dass wir nicht zu einem einheitlichen Dokument kommen.“ Aber das sei schließlich nie passiert. Gleichwohl führt dieser notwendige Abstimmungsprozess zu einer mitunter langwierigen Beschäftigung mit einer Versorgungsleitlinie. Die mittlere Entwicklungszeit liegt bei zweieinhalb Jahren; vier Jahre sind aber auch keine Seltenheit.

Die Begleitung der ÄZQ-Arbeit durch das von BÄK und KBV besetzte Aufsichtsgremium erachtet Ollenschläger als notwendig. Wichtige Impulse kämen von dort für die weitere Arbeit. „Wir brauchen dieses Feedback, ob wir uns überhaupt noch geerdet bewegen oder ob man theoretisch so abgehoben ist, dass die Ärzteschaft – und die ist ja das primäre Ziel – davon überhaupt nichts mehr hat.“ Nah an der Versorgungsrealität zu sein, dies müsse die Maßgabe für die Arbeit des ÄZQ sein, bekräftigt Ollenschläger. Dies gelte auch für die – neben der Leitlinienarbeit – anderen wichtigen Aufgabenbereiche der von ihm geleiteten Einrichtung: Patientensicherheit/Fehlervermeidung in der Medizin, Patienteninformation, Wissens- und Qualitätsmanagement. Das NVL-Programm hat nach Einschätzung von Ollenschläger bereits wesentlich die Leitlinienarbeit der Fachgesellschaften beeinflusst. Auch auf das Miteinander von ärztlichen Organisationen und Selbsthilfe habe es sich positiv ausgewirkt. Jetzt komme es darauf an, noch stärker als bisher für eine Implementierung der Leitlinien vor Ort bei jedem Arzt zu sorgen.

Thomas Gerst

ÄZQ: Aufgaben und Ziele

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) ist das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) für medizinische Leitlinien, Patienteninformationen, Patientensicherheit, evidenzbasierte Medizin und medizinisches Wissensmanagement. Das ÄZQ soll BÄK und KBV bei ihren Aufgaben im Bereich der Qualitätssicherung der ärztlichen Berufsausübung unterstützen (www.aezq.de).

Die Aufgabenschwerpunkte des ÄZQ sind:

  • Entwicklung und Implementierung Nationaler Versorgungsleitlinien und Patientenleitlinien für prioritäre Versorgungsbereiche
  • Unterstützung und Verbreitung ausgewählter Leitlinienprogramme für die ambulante und stationäre Versorgung
  • Entwicklung und Beurteilung von Methoden und Instrumenten der Qualitätsförderung und Transparenz in der Medizin
  • Patientensicherheit/Fehlervermeidung in der Medizin
  • Qualitätsmanagement in der Medizin
  • Weiterentwicklung der evidenzbasierten Medizin, Wissensmanagement in der Medizin

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