ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2011Cannabis und Psychose: Kausaler Zusammenhang wird immer sicherer

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Cannabis und Psychose: Kausaler Zusammenhang wird immer sicherer

Dtsch Arztebl 2011; 108(19): A-1061 / B-878 / C-878

Gulden, Josef

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Cannabis ist die weltweit am häufigsten benutzte illegale Droge, vor allem bei Jugendlichen. Eine Assoziation mit psychotischen Störungen ist lange bekannt, unklar war aber, ob Cannabis die Psychose verursacht oder ob frühe psychotische Erfahrungen den Jugendlichen zum Konsum – zur „Selbstmedikation“ – veranlassen. In der deutschen EDSP-Studie (Early Developmental Stages of Psychopathology) wurden nun insgesamt 1 923 Personen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren viermal befragt (1): bei Eintritt in die Studie, nach 3,5 Jahren, nach 8,4 und nach zehn Jahren. Mit der Münchener Version des Composite International Diagnostic Interview (M-CIDI) wurden Häufigkeit und Persistenz von unterschwellig psychotischen Symptomen und darüber hinaus jeweils Daten zum Cannabiskonsum erhoben.

87 % der Teilnehmer hatten bei der ersten Befragung keinen Cannabiskonsum angegeben. Wurde das Rauschmittel aber in den nächsten dreieinhalb Jahren konsumiert, so war im Zeitraum zwischen 3,5 und 8,4 Jahren nach Beginn das Risiko für psychotische Symptome beinahe verdoppelt (Odds Ratio 1,9; p = 0,021), bei fortgesetztem Konsum mit einer OR von 2,2 sogar noch stärker erhöht (p = 0,016). Hatten die Probanden bereits zu Beginn Erfahrung mit Cannabis gehabt, so wiesen in den ersten 3,5 Jahren 31 % von ihnen psychotische Symptome auf, von den cannabisnaiven waren es nur 20 %; in den folgenden fünf Jahren nahm die Häufigkeit ab, aber das Verhältnis zwischen beiden Gruppen war mit 14 % versus 8 % ganz ähnlich.

Fazit: Damit, schreiben die Autoren, sei erstmals in einer Längsschnittuntersuchung gezeigt worden, dass bei cannabisnaiven Personen der Cannabiskonsum dem Auftreten psychotischer Symptome vorausgehe beziehungsweise dass ein bereits bestehender Konsum mit häufigeren psychotischen Erfahrungen vier Jahre später assoziiert sei. Meist seien diese Symptome transient, aber fortgesetzter Cannabiskonsum erhöhe das Risiko einer Persistenz. Gestützt werden diese Schlussfolgerungen durch eine große australische Metaanalyse von 83 Studien, in denen das Alter beim ersten Auftreten einer Psychose bei Patienten mit und ohne Substanzabusus verglichen wurde (2). Cannabiskonsumenten waren dabei im Durchschnitt um 2,7 Jahre jünger als cannabisnaive Patienten. Dies, erläutern die Autoren, sei ebenfalls ein starker Hinweis auf eine kausale Rolle des „weichen“ Rauschmittels und sollte Anlass dazu geben, erneut vor den Gefahren des Cannabiskonsums zu warnen. Josef Gulden

  1. Kuepper R et al.: Continued cannabis use and risk of incidence and persistence of psychotic symptoms: 10 year follow-up cohort study. BMJ 2011; 342: d738. MEDLINE
  2. Large M et al.: Cannabis use and earlier onset of psychosis: A systematic meta- analysis. Arch Gen Psychiatry 2011, Feb 7 (Epub ahead of print). MEDLINE

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