ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2011Deutscher Hausärzteverband: „Wir haben die Talsohle durchschritten“

POLITIK

Deutscher Hausärzteverband: „Wir haben die Talsohle durchschritten“

Dtsch Arztebl 2011; 108(19): A-1040 / B-860 / C-860

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Für Verbandschef Ulrich Weigeldt ist die Gründung der „Freien Allianz der Länder-KVen“ ein Schritt in die richtige Richtung. Foto: HÄV
Für Verbandschef Ulrich Weigeldt ist die Gründung der „Freien Allianz der Länder-KVen“ ein Schritt in die richtige Richtung. Foto: HÄV

Geplatzter Hausärztevertrag und gescheiterter Systemausstieg in Bayern – das war gestern. Durch die neuen Mehrheitsverhältnisse nach den KV-Wahlen sieht sich der Hausärzteverband wieder im Aufwind.

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Frühjahrstagung des Deutschen Hausärzteverbandes (HÄV) in München anreiste, der musste an der U-Bahn-Haltestelle „Nordfriedhof“ aussteigen. Die Lage des Tagungshotels spiegelte aber keinesfalls die Gemütsverfassung der Delegierten wider. Vielmehr präsentierte der Verband sich kämpferisch und sieht sich nach den Schwierigkeiten der vergangenen Monate wieder im Aufwind. „Wir haben eine schwere Krise nach der Kündigung des bayerischen Vertrages durch die AOK Bayern erlebt“, räumte Ulrich Weigeldt zwar ein, „doch“, führte der HÄV-Bundesvorsitzende weiter aus, „wir haben die Talsohle durchschritten.“

Anzeige

Seinen Optimismus stützt Weigeldt unter anderem auf die veränderten Mehrheitsverhältnisse in einigen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und somit indirekt auch in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Tatsächlich ist beispielsweise der bayerische Hausärzteverband gestärkt aus den KV-Wahlen hervorgegangen, nachdem er zuvor durch das Platzen des AOK-Hausärztevertrages und den gescheiterten Ausstieg aus dem Kollektivvertrag herbe Niederlagen hatte einstecken müssen. Zweites Beispiel: Baden-Württemberg. Hier stellen Vertreter des Medi-Verbundes und des Hausärzteverbandes den KV-Vorstand, also Verfechter von Selektivverträgen.

Bei einigen KVen sei der offene Meinungsaustausch mit Verbänden Standard, berichtete Weigeldt. Für die KBV sei dies eine neue Situation. „Es gibt eine Opposition in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung“, sagte der HÄV-Bundesvorsitzende. Erfreut zeigte sich Weigeldt über die Gründung der Initiative „Freie Allianz der Länder-KVen“ (FALK). Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss der KVen von Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. Eine wichtige Forderung: mehr Handlungs- und Gestaltungsspielräume in den Regionen.

Auf der Tagung wurde erwartungsgemäß nicht mit Kritik an der KBV gespart. „Dieser KBV-Vorstand bewegt sich in einem Paralleluniversum“, erklärte Dr. med. Berthold Dietsche, stellvertretender HÄV-Bundesvorsitzender. Bestes Beispiel dafür seien die Ambulanten Kodierrichtlinien, mit denen nur weitere Bürokratie geschaffen werde. Im Gegensatz dazu stehe die Initiative FALK. Sie wolle die Interessen der Ärzte vertreten, nicht die der Körperschaft. Der Frust über das Kollektivvertrags- und das KV-System sei groß, betonte Weigeldt. Für Unmut sorgt demnach vor allem die Intransparenz eines Systems, „von dem man manchmal den Eindruck hat, dass es sich nur noch mit dem eigenen Machterhalt beschäftigt“.

Die Allgemeinmediziner diskutierten in München auch über das geplante Versorgungsgesetz. Positiv bewerteten sie, dass die Politik auf den Hausärztemangel eingehe. Es reiche aber nicht aus, die Allgemeinmedizin in Studium und Weiterbildung zu fördern, wenn die Arbeit in der Praxis nicht attraktiver werde. Die gleichberechtigte Stellung von Selektivverträgen sei dabei von erheblicher Bedeutung. Folgerichtig müssten die Vertreter von Selektivverträgen im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss mit Sitz und Stimme vertreten sein. Dabei favorisiere man themen- und bereichsbezogene Beschlussgremien.

Der HÄV präsentierte darüber hinaus auch einen eigenen Vorschlag zum Thema Hausärztemangel. Der Verband will Ärzte anderer Fachrichtungen dazu motivieren, Allgemeinärzte zu werden. Auf der Frühjahrstagung sprachen sich die Delegierten dafür aus, den Quereinstieg zu vereinfachen. Demnach soll es für Ärzte, die bereits eine andere Facharztbezeichnung haben, künftig leichter sein zu wechseln.

Die bereits geleisteten Weiterbildungszeiten sollen auf die mindestens fünfjährige Facharztweiterbildung für Allgemeinmedizin einfacher angerechnet werden können. Nachgewiesen werden müssen unter anderem die Inhalte aus den Kernbereichen der Basisweiterbildung in der Inneren Medizin. Verpflichtend sollen 18 Monate stationäre Weiterbildung sein. Hinzu kommen 24 Monate in der ambulanten hausärztlichen Versorgung sowie chirurgische Inhalte. Ziel sei eine Balance zwischen einer hohen Qualität in der Facharztweiterbildung und wirksamen Anreizen gegen den Hausärztemangel, sagte Weigeldt. Ein Vorschlag für einen Quereinstieg in die Allgemeinmedizin soll auf dem Deutschen Ärztetag in Kiel vorgelegt werden, der Ende Mai beginnt.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema