ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2011Von schräg unten: Rausch

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Rausch

Dtsch Arztebl 2011; 108(19): [100]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Farbenrausch der sich entknospenden Narzissen, Tulpen und Kirschblüten entzündet das Wachstumshormon der Frühlingsfreuden, ist der Schrittmacher für die Inkretion glücksträchtiger Hormone. Aber so wie zum Schrittmacher die Elektrodenbrüche gehören, gehört zum Rausch der Kater, hat der Frühling auch seine unangenehmen Seiten. So wie jedes Frühjahr werde ich von unangenehmen Gestalten heimgesucht: den frechen Neffen.

„Onkel Thomas, du lässt echt schwer nach. Früher hattest du immer einen Blutdruck über 300, die Augen waren rot vor Blut, wenn wir vorbeikamen. Jetzt kommst du nur noch als Schlaffi rüber. Was ist los mit dir? Wechseljahre? Hirnschrumpfung?“ Nein, nichts von alledem. Ich bin einfach nur gelassener geworden im Laufe der Jahrzehnte als niedergelassener Arzt. „Und warum?“ Dies ist ein spezifischer Effekt neuer pharmazeutischer Präparate. „Boah ey, Onkel Thomas haut sich Depripillen rein!“ Das meine ich nicht. Ich meine, dass die pharmazeutischen Innovationen, die überall für Aufsehen und Aufruhr sorgen, Schlagzeilen produzieren und Aktienkurse explodieren lassen, mich immer gelassener machen. „Das kapieren wir nicht, das musst du uns erklären!“

Anzeige

Nun, wenn eine Pharmafirma eine neues Präparat auf den Markt bringt, macht sie Werbung, damit sich die neue Arznei gut verkauft. Diese Werbung erscheint immer häufiger in der Laienpresse, weil bei uns Ärzten immer weniger zu holen ist. Weil der Nutzen des Präparats, ganz im Gegensatz zu den Mehrkosten, meist kaum ersichtlich ist. Die Patienten kommen trotzdem zu uns und wollen unbedingt diese neue Pille verschrieben haben. Diesem Wunsch können wir leider nicht entsprechen, wenn für den Patienten besagter Nutzen nicht besteht. Dann beschimpfen uns die Patienten, wir würden ihr Leben aufs Spiel setzen, nur aus Geiz den alten Schrott verschreiben und ihnen neue, rettende Medikamente vorenthalten. Völlig verstört von diesen Vorwürfen knicken wir ein. Dann ist der Patient glücklich, die Pharmafirma im Rausch, und wir haben einen Kater. Etwas später kommen die ersten Rote-Hand-Briefe, die vor gravierenden Störwirkungen warnen. Das wiederum müssen wir den Patienten schonend beibringen. Diese beschimpfen uns dann, wir hätten sie als Versuchskaninchen missbraucht. Die Pharmafirma macht jetzt keine Werbung mehr, aber wir haben wieder einen Kater. Etwas später wird das Mittel vom Markt genommen. Die Patienten beschimpfen uns, wie wir es überhaupt zulassen konnten, dass sie vergiftet wurden. Die Pharmafirma bringt einstweilen ein anderes Mittel auf den Markt, das unsere Patienten umgehend verschrieben haben wollen. Obwohl wir immer noch einen Kater haben, geht alles wieder von vorne los.

Früher habe ich mich über all dies fürchterlich aufgeregt, heute nicht mehr. Gleich, wie man sich entscheidet, egal, was man tut: Man kriegt immer nur den Kater. Daher kann man all dem nur mit Gelassenheit begegnen. Reicht das als Begründung? Die Neffen denken nach. Lange. Sehr lange. Dann: „Onkel Thomas, du kannst uns keinen Mist erzählen. Du schiebst nur der Pharmafirma die Schuld dafür in die Schuhe, was aus dir geworden ist: ein alter, abgeschlaffter Sack, der noch nicht mal einen Rausch hinkriegt!“ – Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema