ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1997Frühe Originalphotographien von Patienten: Dokumente „großer orthopädischer Resultate“

VARIA: Geschichte der Medizin

Frühe Originalphotographien von Patienten: Dokumente „großer orthopädischer Resultate“

Halter, Ulrike

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LNSLNS Die Geschichte der Photographie ist von Anfang an eng mit der Medizin und den Ärzten verbunden. Wegen der anfangs erforderlichen langen Belichtungszeiten bei der Daguerreotypie (1839) wurden zuerst histologische Präparate, bald jedoch auch zu Dokumentationszwecken Patienten photographiert. Die wahrscheinlich ältesten in Deutschland erhalten gebliebenen Originalphotographien von Kranken sind jetzt aufgefunden worden. Sie entstammen einem "Orthopädischen Institut" in München, wurden zwischen 1860 und 1863 aufgenommen und werden in diesem Beitrag erstmals publiziert.


Mitte Dezember 1857 gründete der Münchner Bandagist Ludwig Hugo Krieger (1830 bis 1880), Sohn eines wohlhabenden Säcklermeisters, in seiner Vaterstadt, Nymphenburger Straße 28, eine "orthopädische und heilgymnastische Anstalt". Ärztlicher Leiter wurde der Chirurg und Privatdozent Johann Nepomuk Nußbaum (1829 bis 1890). Krieger galt zu Recht als besonders talentierter orthopädischer Handwerker, Nußbaum wurde einer der berühmtesten Chirurgen des vergangenen Jahrhunderts. Dank beider Talente florierte die Anstalt bis zum frühen Tod Kriegers (1).


Krankengeschichten
1888 hat Nußbaum rückblickend die Erfolge des Kriegerschen Instituts so geschildert: "Kinder, welche mit krummen Füßen, Knien und Ellenbogen auf allen Vieren herumgekrochen waren, wurden oft völlig gehend ohne Krücken, ja selbst ohne Stock, entlassen und erregten bei allen Laien das größte Staunen. In Chloroformnarkose hatte ich verkürzte Sehnen abgeschnitten, krumme Knochen gebrochen und gerade geheilt, und nachdem alle Hindernisse entfernt waren, paßte ihnen Krieger Lederhülsen mit Stahlschienen an und stellte so durch rein mechanische Kunst manchen lahmen Körper aufrecht auf den Boden." Diese "großen orthopädischen Resultate", so Nußbaum (2), wurden von Krieger und Nußbaum auf die damals modernste Weise dokumentiert: "Recht arge Fälle wurden von uns vor und nach der Kur photographiert, sodaß man die Leistungen in die Augen fallen lassen konnte." Diese Photographien sind seinerzeit nicht publiziert worden, sie galten bisher als verschollen. 86 Photos aus den Jahren 1860 bis 1863 haben die bewegten Zeitläufe jedoch unbeschadet überstanden. Sie zeigen orthopädische Kranke des Kriegerschen Instituts, meist in der von Nußbaum erwähnten "Vorher"-"Nachher"Situation. Für 16 Patienten liegen außerdem zumeist mehrseitige Krankengeschichten vor, in deutscher Schrift von der Hand eines Receptionisten.1
Wie aus den Krankengeschichten, die nicht datiert und nicht unterschrieben sind, hervorgeht, beabsichtigte dessen Autor eine Publikation über "mein orthopädisches Institut". Es muß sich also um Krieger handeln. Solche Veröffentlichungen waren, um die finanzielle Situation privatwirtschaftlich betriebener Heilanstalten zu stabilisieren, ein damals übliches Vorgehen. Die Publikation ist jedoch niemals erschienen, das Institut floriert auch ohne Werbeschrift. Die aufgefundenen Photographien haben das Format 19,6 x 12,4 cm, sie sind auf festem weißen Karton aufgeklebt. Mehrere dieser Passepartouts zeigen den deutlich lesbaren Druckstempel des Photographen: "Albert Feil, Müllerstraße 6." Feil, ursprünglich Maler, betätigte sich von 1858 bis 1867 in dem damals noch ganz jungen Gewerbe. Im Münchner Adreßbuch von 1862 empfiehlt er sich "zu jeder Art von Photographien, auch gemalt in Aquarell und Öl, unter der Zusicherung der reellsten Bedienung" (3). Die Aufnahmen hat Feil nach dem "nassen Kollodiumverfahren" (4) hergestellt. Dabei wurde in mehreren Arbeitsschritten das zähflüssige Kollodium, ein Zelluloseprodukt, auf eine Glasplatte aufgebracht, diese noch naß in der Kamera belichtet, dann entwickelt, fixiert und als Basis für ein Papierbild guter Qualität verwendet.
Feils Photographien zeigen die Patienten oft vor dem Hintergrund der zeittypischen Dekoration seines Ateliers - zu sehen sind Säulen, Vorhänge, Stühle, Tische. Offenbar kam es den Auftraggebern Krieger und Nußbaum auch nicht in erster Linie auf eine pathologisch-anatomisch detailgenaue Dokumentation der Krankheitsbefunde, sondern auf den optischen Nachweis der Besserung und Gesundung an, unter gleichzeitiger Rücksichtnahme auf das Schamgefühl der Kranken. Deshalb sind die Photographierten meist mehr oder minder bekleidet, bei den "Nachher"-Aufnahmen oft sogar vollständig.
Nur eine einzige der 86 aufgefundenen Photographien zeigt einen Patienten, den 14 Jahre alten Vollwaisen Benno Schilcher, "Schmiedsohn von Dinzelberg", völlig nackt (Abbildung 1). Dieser Knabe, schreibt Krieger in seinem Begleittext, "war von frühester Jugend an beiden Beinen gelähmt". Vor seinem Aufenthalt im orthopädischen Institut "lief er kurze Strecken auf allen Vieren oder schob sich auf dem Boden sitzend mit den Händen fort". Die Abbildung 1a zeigt einen Auszug der handschriftlichen Krankengeschichte. Zweimal, 1860 und 1861, wurde der Patient wegen seiner wahrscheinlich angeborenen Querschnittslähmung, der Skoliose und seiner Kontrakturen mehrere Monate lang im Institut behandelt: "Die Resultate sind mit gutem Gewissen günstig zu nennen" (Abbildung 2).
Orthopädische Behandlung wurde seinerzeit vor allem von medizinischen Laien praktiziert. Krieger durfte sich, nachdem er an der Universität Erlangen 1855 von einem Anatomieprofessor geprüft worden war, sogar ohne Medizinstudium amtlich "Orthopäde" nennen.
In Kriegers Heilanstalt wurden auch unbemittelte Patienten behandelt, die Kosten teilten sich Krieger und Nußbaum. Der bayerische König Max II., in sozialen Fragen engagiert und durch den um 1860 einsetzenden Wirtschaftsaufschwung gut bei Kasse, gewährte einen jährlichen Zuschuß.


Rehabilitation Das Ziel der Behandlung lag, wie sich aus den Krankengeschichten ergibt, nicht nur in der Akuttherapie - sie erfolgte durch Operation, "chirurgische Mechanik", Heilgymnastik, Galvanisieren und Balneotherapie -, sondern auch in der Rehabilitation und (Re-)Integration (5). Über den Patienten Michael Kreuzbichler, 16 Jahre, Maurersohn von R., dessen "gelähmte Beine" 1860 erfolgreich mit "Fixierungsapparaten" versorgt worden waren (Abbildungen 3 und 4), liegt eine datierte und unterzeichnete Ergänzung der Krankengeschichte vor: "Kreuzbichler blieb in der Anstalt, nahm zur strengen Arbeit 2 Krücken, lernt schneidern und orthopädische Behandlung der Kinder, schnitzte auch sehr schön und war eine tüchtige Kraft für die Anstalt geworden. Er verheiratete sich und wohnte in der Nähe der Anstalt. Beschäftigt war er stets und war zuverlässig. Er starb in den 80er Jahren an Lungensucht, die in seiner Familie herrschte, angesteckt. Dankbar gedenke ich seines Wirkens." 8. 10. 20 Theolinde Strehler, verwit. Krieger.
Die Witwe Kriegers hat die orthopädische Anstalt bis zum 31. Dezember 1888 betrieben, sie dann wegen "Todesfälle in der Familie" und "wachsender Baulust in der Nymphenburger Straße" aufgeben müssen (1). Die Aufzeichnungen ihres Mannes und die Patientenphotographien bewahrte sie jedoch offenbar jahrzehntelang auf.
Die jetzt aufgefundenen Photographien sind höchstwahrscheinlich die ältesten Original-Photographien, die von Patienten in Deutschland erhalten sind. Zwar hat der Berliner Orthopäde Heimann Wolff Berend (1809 bis 1873) ab 1852 seine Patienten photographieren lassen (6), diese Aufnahmen gelten jedoch bisher als verschollen.


Erfolge der Anstrengungen
In Frankreich, England und den USA sind einige Patienten-Photographien - chirurgische, orthopädische und psychiatrische Fälle - aus den Jahren vor 1860 überliefert (7, 8). Photographien histologischer Präparate lassen sich auch in Deutschland schon vor 1860 nachweisen (9). Doch erst 1867 publizierte der Chirurg Theodor Billroth (1829 bis 1894) "Vorher"-"Nachher"-Photographien seiner Patienten, bei Enke in Erlangen.
Der Wunsch des Münchner Chirurgen Nußbaum, die Erfolge seiner gemeinsam mit Krieger betriebenen Anstrengungen dokumentarisch festzuhalten und "in die Augen fallen" zu lassen, geht nunmehr mit großer Verspätung in Erfüllung. Die Abbildungen 5 und 6 zeigen die 14jährige Theresia Ragner, "Tochter eines Lakierergehilfen, von Augsburg", die seit Geburt an Lähmungen der Beine litt, "weder gehen noch stehen konnte" und in München mittels Heilgymnastik und "einer Stützapparatur" erfolgreich auf die Beine gestellt wurde, vor 136 Jahren.

Schilcher, Benno, 14 Jahre alt, Schmiedsohn von Dinzelberg
Auszug aus der Krankengeschichte: Herr Direktor Dr. Horner, Hausarzt in der k. Erziehungsanstalt für Krüppelhafte, äußerte den Wunsch, daß der traurige Körperzustand des Obengenannten, damals Zögling der k. Erziehungsanstalt für krüppelhafte Knaben, durch eine geeignete orthopädische Behandlung verbessert werden möge. Der Knabe war von frühester Jugend an beiden Beinen gelähmt. Nach dem frühzeitigen Tode des Vaters, eines vermöglichen Schmiedes, wurde er von seiner Mutter gänzlich vernachlässigt. Er war 13 Jahre alt, als dieselbe von ihrem Schwager ermordet wurde; einige Monate später kam er auf Verlangen der Vormundschaftsbehörde in die k. Erziehungsanstalt. Dort lief er kurze Strecken auf allen Vieren oder schob sich auf dem Boden sitzend mit den Händen fort. Die Muskulatur des Oberkörpers erschien kräftig entwickelt, der Brustkorb breit und gut gebaut, während die Weichtheile des Beckens und der unteren Extremitäten atrophisch von sehr geringem Empfindungsvermögen und kalt anzufühlen waren. Von Bewegungsfähigkeit, mit Ausnahme einer sehr beschränkten im linken Hüftgelenk, keine Spur. Das Becken war durch das beständige Sitzen auf der linken Hinterbacke nach rechts hinten und oben angeschoben, und die Wirbelsäule hatte eine Compensations-Krümmung in einem weiten Bogen nach links. Die Bänder und Muskeln der Oberschenkel und Kniegelenke waren kontrakturiert, ebenso die m.m. gastrocnemii und solei. Schon im k. Erziehungs-Institut für Krüppelhafte wurden Kniekontrakturen gebessert, auch die Füße in normale Form gebracht; der Knabe lernte auch dort noch an 2 Krücken zu gehen.Vom 1. August bis 1. Oktober 1860 befand er sich in meiner Heilanstalt. Die Resultate dieser 2monatlichen Behandlung sind mit gutem Gewissen günstig zu nennen. Die Fixierung des linken Kniegelenkes wurde überflüssig. Leider ging dieser Erfolg durch den späteren Aufenthalt im k. Institut wieder verloren.


Kreuzbichler . . . Michael, 16 Jahre alt, Maurersohn von R . . .
Dessen Krankengeschichte, sowie Erfolg der Behandlung im Manuskript No . . . ausgeführt ist, wurde von seinem Institutsvorstand ohnerachtet der vom Orthopäden dagegen erhobenen Einsprache und dessen klarer Beweisführung, daß die körperlichen Gebrechen dieses Jungen niemals die Ausübung eines derartigen Berufs gestatten würden, zu einem Bauzeichner bestimmt.
Die nöthigen Schritte waren gethan, die Kosten des Unterrichtes, der Wohnung und Verpflegung von Wohlthätern zu erhalten. Kreuzbichler war 10 Monate lang in der Erziehungsanstalt, wo er Wohnung und Verpflegung fast unentgeltlich genoß. Da kam man endlich zur Überzeugung, daß zum Bauzeichnen auch Vermessungen, Besteigen von Gerüsten und Leitern nothwendig seyen und daß Hände, welche mittels der Krücken den größten Theil der Körperlast tragen müssen, nie die zur Ausführung einer Bauzeichnung nöthigen Ruhe und Sicherheit haben könnten und stand nun plötzlich von der Weiterführung der lange gehegten irrigen Idee zurück; K . . . wurde muthlos wieder nach R . . . gebracht und verlebte ein Jahr voll Kummer und Elend. Für Alles abgestumpft vergaß er auch die nöthige Pflege seiner gelähmten Beine, die Fixierungsapparate brachen und konnten wegen Mangels an Mitteln nicht wieder hergestellt werden.
Als das Elend gar zu groß wurde, kam er am 3. August 1861 wieder und zwar in sehr traurigem Zustande in meine Anstalt, wo er einstweilen verbleibt, bis eine geeignete Unterkunft für den armen Unglücklichen sich findet.


(Von anderer Hand)
Kreuzbichler blieb in der Anstalt, nahm zur strengen Arbeit 2 Krücken, lernte schneidern und orthopädische Behandlung der Kinder, schnitzte auch sehr schön und war eine tüchtige Kraft für die Anstalt geworden. Er verheiratete sich und wohnte in der Nähe der Anstalt. Beschäftigt war er stets und war zuverlässig. Er starb in den 80er Jahren an Lungensucht, die in seiner Familie herrschte, angesteckt. Dankbar gedenke ich seines Wirkens.
8. 10. 20 Theolinde Strehler
verwit. Krieger


Ragner Theresia,14 Jahre alt, Tochter eines Lakierergehilfen, von Augsburg
Von dem zwar redseligen, aber höchst unklar erzählenden Vater sind über die Entstehung des Leidens (Paraplegie) nur unzuverlässige, widersprechende Nachrichten zu erhalten.
Am 2. Oktober 1861, an dem Tag ihres Eintrittes in die Anstalt, konnte Therese Ragner weder stehen noch gehen. Stamm und Thorax waren normal, der Unterleib dick aufgetrieben, das Becken nach links in die Höhe geschoben, war Ursache einer Scoliosis lumbo-dorsalis nach rechts. Die Beine waren mager, blauroth, kalt, das linke erwies sich unempfindlich, das rechte dagegen konnte im Sitzen geringe Bewegungen im Hüft- und Kniegelenk ausführen.
Geistes- und Sinnesfunktionen sind durchaus ungetrübt. Die Kräftigung des rechten Beines war nicht unschwer zu verbessern. Therese bedarf gegenwärtig, März 1863, nur einer leichten Vorrichtung am Fußgelenk, um bei der noch bestehenden Schlaffheit der Gelenke einem Plattfuß vorzubeugen, der linke dagegen erfordert eine längere Behandlung, bis der Stützapparat, ohne welchen sie bis jetzt nicht gehen kann, entbehrlich wird.

Literatur bei der Verfasserin

Anschrift der Verfasserin
cand. med. Ulrike Halter
Goslarer Platz 6
10589 Berlin

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