ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2011Hämangiome im Kindesalter: Rückbildung durch den Betablocker Propanolol

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hämangiome im Kindesalter: Rückbildung durch den Betablocker Propanolol

Gerste, Ronald D.

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Hämangiome sind die häufigsten Tumoren im Kleinkindesalter, ihre Häufigkeit wird auf bis zu 10 % geschätzt. In circa 85 % bis 90 % der Fälle bilden sie sich nach einer Wachstumsphase in den Wochen nach der Geburt von selbst wieder zurück. An bestimmten Lokalisationen können die als benigne geltenden Tumoren jedoch nachhaltige Schäden verursachen. Ausgedehnte Hämangiome im Gesichtsbereich sind nicht nur entstellend, sondern können auch dem Kind das Öffnen eines Auges auf der befallenen Gesichtshälfte erschweren. Die Folge davon kann eine Amblyopie sein, eine später irreversible Schwächung der Sehkraft – ähnlich wie es mit einem Auge passiert, das konstant schielt und vom Gehirn zum Sehakt nicht herangezogen wird. Lebensgefährlich können infantile Hämangiome sogar werden, wenn sie die Atemwege befallen. Unbehandelt haben diese Läsionen eine Sterblichkeitsrate von bis zu 50 %, vor allem wenn die anatomisch engste Stelle der kindlichen Luftwege, die Subglottis, mitbetroffen ist.

Die bisherige Therapie hat Nachteile: Die systemische Gabe von Cortison kann zu Wachstumsverzögerung und Störungen der Nebennierenfunktion führen, die Injektion in den Tumor kann die Verdünnung der Haut und den Schwund von Unterhautfettgewebe auslösen. Die endoskopische Laserbehandlung hat hohe Rezidivraten und kann in der Subglottis zu Verengungen führen, die einen Luftröhrenschnitt erfordern.

Eine potenzielle Alternative ist im Jahr 2008 entdeckt worden. Säuglinge mit Herzproblemen erhielten den Betablocker Propanolol. Zwei der Kinder hatten ein kapilläres Hämangiom der Respirationsorgane. Innerhalb von Tagen nach Beginn der Propanololtherapie bildeten sie sich zurück. Bei weiteren neun Kindern mit infantilem Hämangiom, denen das Medikament gegeben wurde, kam es zu einer ähnlich guten Rückbildung.

Eine Gruppe von US-amerikanischen Ophthalmologen hat 17 Kinder mit ausgedehnten Hämangiomen im Augenbereich mit dreimal wöchentlich Propanolol in einer Dosierung von zunächst 0,5 mg pro Kilogramm Körpergewicht behandelt. In diesem Kollektiv wurde die Hautfläche, die der Tumor einnimmt, im Schnitt um 61 % reduziert. Die Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) bei den Kindern, die ein das Auge beinahe oder vollständig okkludierender Tumor induzieren kann, wurde im Durchschnitt um 33 % reduziert. Nur ein Kind musste wegen einer vermuteten Schwachsichtigkeit behandelt werden – es war im Alter von 25 Monaten und damit ungewöhnlich spät in ärztliche Behandlung gekommen (1). Diese Erfolge konnten von Kinderärzten aus Spanien und Argentinien bestätigt werden, deren 71 Patienten Hämangiomen an unterschiedlichen Körperstellen hatten; fünf von ihnen litten unter Befall der Subglottis mit beträchtlichen Atembeschwerden. Die Autoren klassifizierten die Tumoren anhand eines Scores, bei dem 10 für die Größe des ursprünglichen Tumors stand und die Ziffer umso kleiner wird, je ausgeprägter die Rückbildung des Hämangioms ist. So hatten nach 4 Wochen Therapie die Kinder einen Score von 6,8, nach 16 Wochen einen Score von 4,4 und nach 32 Wochen einen Score von 3,2. Den Autoren zufolge waren die Hämangiome unabhängig vom Geschlecht der Patienten und von der Lokalisation des Tumors der Therapie zugänglich. Die Befunde in den Atemwegen hätten sich „dramatisch“ gebessert (2).

Fazit: Mit der Gabe von Propanolol lässt sich eine rasche Rückbildung kapillärer Hämangiome bei Kindern induzieren. Gravierende unerwünschte Wirkungen wurden nicht beobachtet. Vor Beginn der Behandlung sollte der kardiologische Status des Kleinkindes mit EKG oder auch mit Echokardiographie, festgestellt werden. Der Wirkmechanismus von Propanolol auf Hämangiome ist noch nicht geklärt. Da der Tumor sehr schnell nach Beginn der Behandlung seine meist tiefrote Farbe verliert, wird eine vasokonstriktive Wirkung vermutet. Auch könnte das Medikament Faktoren der Gefäßbildung wie bFGF (basic fibroblast growth factor) und VEGF (vascular endothelial growth factor) hemmen oder die Apoptose in den sensiblen Endothelzellen unerwünschter Blutgefäße ankurbeln (3). Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Missoi T et al.: Oral Propanolol for Treatment of Periocular Infantile Hemangiomas. Arch Ophthalmol 2011, epub before print, doi: 10.1001/archophthalmol.2011.40.
  2. Bagazgoita L et al.: Propanolol for Infantile Hemangiomas. Pediatric Dermatology 2011, epub before print, doi: 10.1111/j.1525–1470.2011.01345.x.
  3. Peridis S et al.: A meta-analysis on the effectiveness of propanolol for the treatment of infantile airway haemangiomas. International Journal of Pediatriatric Otorhinolaryngology 2011; 75: 455–60. MEDLINE

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