ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2011Impfen im Kindesalter: Zentraler Kommunikationspartner ist der Arzt

THEMEN DER ZEIT

Impfen im Kindesalter: Zentraler Kommunikationspartner ist der Arzt

Dtsch Arztebl 2011; 108(20): A-1104 / B-912 / C-912

Zylka-Menhorn, Vera

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Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei 3 000 Eltern von Kindern bis 13 Jahren

Schutzimpfungen zählen zu den effektivsten und kostengünstigsten präventiven Maßnahmen. Obwohl die Schuleingangsuntersuchungen in den letzten Jahren eine kontinuierliche Steigerung der Impfquoten belegen, zeigen sich dennoch Defizite beim Impfschutz gegen Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten und Hepatitis B. Bei der Aufklärungsarbeit zu Impfungen im Kindesalter sind Eltern die wichtigste Zielgruppe. Um sie mit künftigen Interventionsmaßnahmen besser erreichen zu können, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Ende 2010 das Meinungsforschungsinstitut Forsa mit der Durchführung einer repräsentativen Befragung beauftragt.

Ziel der bundesweiten Untersuchung war es, das Wissen, die Einstellung und das Verhalten der Eltern von Kindern im Alter von null bis 13 Jahren zu Impfungen im Kindesalter zu untersuchen. Zudem sollten auch mögliche Vorbehalte der Eltern gegenüber dem Impfen identifiziert werden. Ein weiteres Ziel der Befragung bestand darin, den Informationsbedarf und die Informationsquellen der Eltern zum Thema Impfen zu ermitteln (Methodik siehe Kasten).

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Nach den Daten von 3 002 auswertbaren Telefoninterviews ist die überwiegende Mehrheit der Eltern (64 Prozent) dem Impfen gegenüber positiv eingestellt. Ein Drittel (35 Prozent) der Eltern hat aufgrund von Vorbehalten bereits einzelne Impfungen abgelehnt, sie fallen daher in der Studie unter die „Impfskeptiker“. Nur circa ein Prozent der Befragten gibt an, Impfungen grundsätzlich abzulehnen.

Zwei Drittel der impfskeptischen Eltern lehnten (mindestens) eine Impfung wegen einer akuten Erkrankung des Kindes ab. Knapp die Hälfte (49 Prozent) hält (mindestens) eine Impfung für unnötig. Weitere Ablehnungsgründe sind die Angst vor einer zu starken körperlichen Belastung des Kindes (42 Prozent), vor möglichen Nebenwirkungen (40 Prozent) sowie das Abraten durch den Arzt (41 Prozent) oder die Hebamme (sechs Prozent) (Grafik).

Unabhängig von der generellen Einstellung zum Impfen befürchten etwas mehr als die Hälfte aller Eltern leichte und 14 Prozent schwere Nebenwirkungen nach Impfungen. Sechs Prozent sind der Ansicht, dass bleibende Impfschäden auftreten können. Die Befürchtung, dass Impfungen möglicherweise zur Allergieentstehung beitragen, äußerten 21 Prozent der Befragten.

Nahezu alle Eltern (95 Prozent) befürworten die Veröffentlichung von offiziellen Impfempfehlungen. Allerdings meinen lediglich 72 Prozent von ihnen, dass die Empfehlungen tatsächlich alle derzeit verfügbaren medizinischen Erkenntnisse berücksichtigten.

Informationsstand und Informationskanäle der Eltern

Die überwiegende Mehrheit der Eltern fühlt sich „sehr gut“ (30 Prozent) oder „gut“ (61 Prozent) über Kinderimpfungen informiert. Nur acht Prozent bezeichnen ihren Informationsstand als eher schlecht.

Darüber hinaus belegen die Ergebnisse der BZgA-Untersuchung eindrücklich die zentrale Rolle der Ärzteschaft als Ansprechpartner der Eltern zum Thema Impfen. Nahezu alle Eltern (99 Prozent) haben eine feste Arztpraxis, die sie zur Behandlung ihres Kindes aufsuchen und die in der Mehrheit (79 Prozent) eine pädiatrische ist. Dies gilt im Besonderen für die Eltern kleinerer Kinder (sechs Jahre oder jünger) sowie die formal höher Gebildeten. 19 Prozent gehen mit ihrem Kind in der Regel zu einem Arzt für Allgemeinmedizin, der vor allem als Hausarzt für Erwachsene praktiziert.

Die Hauptinformationsquelle der Eltern zum Thema Impfen ist derzeit der Arzt (93 Prozent). Als weitere Informationsquellen folgen Printmedien wie Informationsbroschüren und Flyer (63 Prozent), Gespräche mit anderen Eltern (41 Prozent) oder mit einer medizinischen Fachkraft (40 Prozent). Nur 26 Prozent geben bisher das Internet als Informationsquelle an. Als künftig gewünschte Informationsquelle findet die mit Abstand größte Zustimmung durch nahezu alle Eltern (98 Prozent) ebenfalls das persönliche Gespräch mit dem Arzt.

Bei einem Drittel der Eltern ist der behandelnde Arzt zudem Arzt für Alternativmedizin oder Naturheilkunde. 22 Prozent der Befragten gehen mit ihrem Kind regelmäßig oder gelegentlich zum Homöopathen. In beiden Gruppen überwiegen Eltern mit Impfvorbehalten (und westdeutsche Befragte).

Fast alle Eltern (96 Prozent), die mit ihrem Kind (alle oder einige) Früherkennungsuntersuchungen wahrgenommen haben, sagen, dass dabei auch kontrolliert worden sei, ob das Kind alle empfohlenen Impfungen erhalten habe. Vier Prozent geben an, dies sei nur bei einigen dieser Früherkennungsuntersuchungen (drei Prozent) oder bei keiner (ein Prozent) überprüft worden.

Die ärztliche Erinnerung an anstehende Impftermine kann durch unterschiedliche Instrumente erfolgen. Dazu zählen neben einer persönlichen Erinnerung beim Arztbesuch auch die Erinnerung durch einen persönlichen Impfkalender, Impfaufklärungsmaterial in der Praxis oder eine Erinnerung per Telefon, Post oder SMS.

Aufklärungsgespräche werden positiv bewertet

Eine Erinnerung an anstehende Impfungen erfolgt meistens persönlich beim Arztbesuch (83 Prozent). Zudem werden 76 Prozent in der Arztpraxis durch Poster, Faltblätter oder Broschüren auf die empfohlenen Impfungen aufmerksam gemacht. Weniger verbreitet ist die Impferinnerung per Post, E-Mail, Telefonanruf oder SMS (17 Prozent). 69 Prozent der befragten Eltern haben von der Arztpraxis einen Impfkalender mit den individuellen Daten für ihr Kind erhalten.

73 Prozent der Eltern erinnern sich an ein Aufklärungsgespräch durch den behandelnden Arzt vor der letzten Impfung ihres Kindes. Von den Eltern, mit denen ein Impfgespräch geführt wurde, wird dieses überwiegend als positiv bewertet; wie 96 Prozent der Befragten sagen, konnten die meisten Fragen und Sorgen besprochen werden; 85 Prozent meinen, dass ausreichend auf mögliche Nebenwirkungen der Impfung eingegangen worden sei. Auf die Gründe für das Impfen wurde nach Ansicht von 86 Prozent ausreichend eingegangen. Ebenso hatten die meisten (93 Prozent) den Eindruck, dass der Arzt sich ausreichend Zeit für das Gespräch genommen habe.

Die Analyse der Risikobewertung von Infektionskrankheiten zeigt, dass insbesondere Keuchhusten, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken seltener als risikoreich eingeschätzt werden. Demgegenüber werden Tetanus, Diphtherie und Kinderlähmung von den Eltern als Krankheiten mit höherem Risiko eingeschätzt. Diese hohe Risikobewertung geht einher mit höheren Impfquoten: Tetanus (94 Prozent), Polio (91 Prozent) und Diphtherie (89 Prozent). Bei diesen Krankheiten zeigen sich keine signifikanten Differenzen zwischen Eltern mit unterschiedlichen Einstellungen zum Impfen.

Die BZgA verstärkt ihre Aufklärungsmaßnahmen

Ein Drittel der befragten Eltern hätte gern auch künftig Informationen über das Thema Impfungen im Kindesalter. Hierfür hat die BZgA im September die Website www.impfen-info.de eingerichtet. Weitere Informationen gibt es zudem auf www. kindergesundheit-info.de.

Als Konsequenz der Befragung wird die BZgA ihre Aufklärungsmaßnahmen verstärkt an die Zielgruppe der Eltern richten, die Vorbehalte gegenüber dem Impfen haben.

Der BZgA zufolge unterstreichen die aktuellen Ergebnisse der Elternbefragung insbesondere die Schlüsselrolle der impfenden Ärzte bei der Impfaufklärung. Die Unterstützung der Ärzte als Multiplikatoren vor Ort durch spezifische Medienpakete und Arbeitshilfen soll daher künftig weiter ausgebaut werden.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Die vollständigen Ergebnisse der Befragung „Impfen im Kindesalter“ ist ab 20. Mai auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung abrufbar unter: www.bzga.de/forschung/studien-untersuchungen/studien.

Methodik

Die Auswahl der Personen zur Elternbefragung „Impfen im Kindesalter“ erfolgte durch eine mehrstufige Zufallsstichprobe auf Basis des ADM-Telefonstichproben-Systems. Dabei wurden 59 362 Telefonnummern ausgewählt.

Die eigentliche Befragung wurde mit Hilfe des Programms CATI für computergestützte Telefoninterviews durchgeführt. Der Frageablauf ist vorgegeben, und der Interviewprozess wird unmittelbar vom Computer gesteuert. Der Interviewer gibt die Antworten direkt in den Computer ein, und Plausibilitätskontrollen werden automatisch schon während des Interviews durchgeführt. Dadurch ist gewährleistet, dass die Antworten gültig und konsistent mit den Antworten auf vorangegangene Fragen sind. Fragefolge, Antwortüberprüfung und Filteranordnung werden durch den Computer übernommen.

Die Ausschöpfungsrate (das Verhältnis von ausgewerteten Interviews zu bereinigten Ausfällen) liegt bei 58,2 Prozent, die Verweigerungsrate bei 20,7 Prozent und die Abbruchquote bei 1,3 Prozent. Letztlich konnten 3 002 Telefoninterviews ausgewertet werden.

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