ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2011PID: Ethische Widersprüche
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In ihrem vom Vorstand verabschiedeten Entwurf für ein Memorandum der Bundesärztekammer (BÄK) zur Präimplantationsdiagnostik (PID) vom 17. Februar 2011 spricht sich die BÄK für eine begrenzte Zulassung der PID aus. Dreh- und Angelpunkt der Argumentation ist die Vorstellung, dass angesichts der breiten Akzeptanz der pränatalen Diagnostik das Aussortieren von Embryonen im Reagenzglas „ethisch weniger problematisch“ sei als eine „Schwangerschaft auf Probe“. Diese Schlussfolgerung spiegelt ziemlich genau das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2010 wider, das mit dem Argument begründet wurde, dass ohne PID ein „schwerkrankes“ Kind geboren oder eine Spätabtreibung nötig würden . . .

Auch verweist das BÄK-Memorandum darauf, „dass derzeit mit der Spirale und der ,Pille danach‘ in einem weitaus umfangreicheren Maße Embryonen an der weiteren Entwicklung gehindert werden“, als bei der PID zu erwarten wäre.

Diese Argumentation zeigt, dass die PID-Frage nicht in Isolation betrachtet werden kann, sondern nur ein Teilaspekt der großen Debatte um „reproduktive Technologien“ insgesamt ist. PID zu verbieten, aber Abtreibung gar bis direkt vor der Geburt straffrei zu stellen, ist in der Tat ein Widerspruch. Diese Argumentation gilt jedoch in beide Richtungen: Genauso logisch ist es zu verlangen, dass die grundsätzlichen ethischen Fragen, die durch die PID aufgeworfen werden, uns dazu verleiten, unsere Haltung gegenüber der Abtreibung grundsätzlich zu überdenken.

Eine sorgfältige Lektüre des Memorandums zeigt, dass auch der BÄK die ethischen Widersprüche ihrer Position durchaus bewusst sind. So wird im Dokument mehrfach betont, dass die PID nach dem Achtzellstadium, also an nicht mehr totipotenten Zellen zu erfolgen habe. Man darf fragen, warum die Kammer hier zu spitzfindig ist, steht der Embryo vor der Einnistung sowieso grundsätzlich zur Disposition?

Fast entschuldigend wirkt das Argument der BÄK, dass der Embryo vor der Einnistung weniger Schutzrechte habe, weil nicht alle sogenannten SKIP-Kriterien (Spezies-, Kontinuitäts-, Identitäts-, Individualitäts- und Potenzialitätskriterium) erfüllt seien. Einerseits erfolgen „in dieser frühen Lebensphase epigenetische Reprogrammierungen . . . (weshalb) die spätere Identität noch nicht endgültig“ feststehe. Darüber hinaus vermag der „pränidative“ Embryo „sich auch nicht allein ,aus sich selbst heraus‘ zum vollen Menschsein zu entfalten“. Entgegen dem ersten Argument ist folgendes Zitat von Prof. Hermann Hepp aus München, der federführend das BÄK-Memorandum mitverfasst hat, anzubringen: „Es gibt gute Gründe, bereits das Ende der zweiten Reifeteilung (Pronukleusstadium) als den Anfang des neuen Menschen zu bezeichnen, weil von diesem Ereignis an das neue Genom festliegt.“ Gegen das zweite Argument spricht, dass der Embryo sehr wohl ein sich selbst organisierendes Lebewesen ist. Nach der Befruchtung kommt von außen nichts Neues hinzu. Dass kein Mensch – übrigens auch kein erwachsener Mensch – in der Lage ist, sich „,aus sich selbst heraus‘ zum vollen Menschsein zu entfalten“, ist eine Banalität, die kaum eine Erwiderung verdient.

Mit diesem Papier kapituliert die BÄK vor der Macht des Faktischen und vermeidet die nötige Grundsatzdiskussion um die neue Qualität der Selektion, die die PID darstellt. Hier wird letztlich politisch argumentiert und nicht ethisch. Eine weitere Erosion der Menschenwürde und der darauf basierenden Menschenrechte wird die Folge sein.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. Paul Cullen, 48163 Münster

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