ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2011Ignaz Philipp Semmelweis: Retter der Mütter

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Ignaz Philipp Semmelweis: Retter der Mütter

Goddemeier, Christof

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Das Verdienst des Geburtshelfers besteht darin, eine wirkungsvolle Prävention des Kindbettfiebers entwickelt zu haben.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Womöglich hatte Lucas Boer, Professor am Wiener Krankenhaus, eine Ahnung davon, wie gefährlich es ist, wenn Geburtshelfer und Hebammen Leichen sezieren oder an ihnen üben. Unter seiner Leitung der Geburtsklinik betrug die Sterblichkeit an Kindbettfieber 0,84 Prozent. Boers Nachfolger, Johann Klein, lässt die Hebammen wieder an Leichen üben. Die Folge: Binnen kurzem sterben mehr als sieben von 100 Frauen am Kindbettfieber. Als man 1833 die Klinik in zwei Teile teilt, sterben bald in der Ärzteklinik dreimal so viele Frauen wie in der Hebammenklinik. In dieser Situation nimmt der junge Arzt Ignaz Semmelweis 1846 seine berufliche Tätigkeit auf. Die Sterblichkeitsrate unter Boers Leitung sieht er als „natürliche“ an, die man auch mit größter Umsicht nicht verhindern kann.

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Das Kindbettfieber ist seit der Antike bekannt. Aber massenweise sterben Frauen erst daran, als sie ihre Kinder im Krankenhaus gebären. Seitdem Ärzte häufiger Leichen sezieren, nimmt die Sterblichkeit weiter zu. Man vermutet atmosphärische, kosmische und andere Einflüsse, die der medizinischen Forschung unzugänglich seien. „Alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit“, schreibt Semmelweis. Im November 1846 wird er entlassen und im März 1847 erneut eingestellt. In der Zwischenzeit sinkt die Sterblichkeit der Wöchnerinnen beträchtlich. Doch bereits in seinem ersten Monat steigt sie wieder auf 18 Prozent. Er selbst ist es also, der das Kindbettfieber verursacht. Zudem stirbt ein Gerichtsmediziner an „Blutvergiftung“, nachdem er sich bei einer Sektion in den Finger geschnitten hat. Semmelweis versteht, dass die Symptome dieser Sepsis den Symptomen des Kindbettfiebers gleichen. Von Bakterien weiß er noch nichts – er identifiziert „zersetzte organische Stoffe“ als Krankheitsursache. Bald ist klar: Waschen mit Seife allein reicht nicht aus, um die Hände zu desinfizieren. Semmelweis führt verbindlich die Waschung mit Chlorkalk ein. Binnen zwei Monaten sinkt die Sterblichkeit auf 1,2 Prozent! Später erkennt er, dass neben Leichenbestandteilen auch eitrige Substanzen lebender Personen und unzureichend gereinigte Laken das Kindbettfieber hervorrufen können.

Als 1861 sein Buch „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers“ erscheint, ist Semmelweis Professor für Geburtshilfe an der Universität Pest (heute Budapest). Seine Erkenntnisse setzen sich zunächst nur langsam durch. Dazu mag auch beitragen, dass Semmelweis zweifelnde Kollegen erbittert attackiert. 1861 liegen die neuen Erkenntnisse der Bakteriologie gleichsam in der Luft: Drei Jahre zuvor hat Louis Pasteur entdeckt, dass an der alkoholischen Gärung Mikroorganismen beteiligt sind. Semmelweis bleibt indes bei seinen Beobachtungen von 1847 stehen. Den Gedanken eines „contagium vivum“, einer Ansteckung durch einen lebenden Erreger, erwägt er nicht ernsthaft. Als Vorbote der Bakteriologie kann er daher nicht gelten, ein Vorläufer der Lehre von der Asepsis ist er zweifellos. Sein Verdienst besteht darin, durch einen streng empirischen Zugang zum Kindbettfieber eine äußerst wirkungsvolle Prävention entwickelt zu haben.

Christof Goddemeier

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