ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Graduiertenkollegs: Gemeinsam forschen – schneller promovieren

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Graduiertenkollegs: Gemeinsam forschen – schneller promovieren

Sievers, Markus

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LNSLNS Die Erwartungen waren groß, als 1990 die ersten Graduiertenkollegs in Deutschland gestartet wurden. Nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt, doch die rund 200 Kollegs sind aus der deutschen Hochschullandschaft nicht mehr wegzudenken.
Die Idee stammt aus dem angelsächsischen Raum, doch auch in Deutschland funktioniert das Konzept der Graduiertenkollegs: Frei von Geldsorgen arbeiten bis zu dreißig Doktoranden aus unterschiedlichen Fachrichtungen gemeinsam mit gestandenen Wissenschaftlern zusammen an ihrer Dissertation. Alle forschen auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet zu einem übergreifenden Thema, das beispielsweise lautet: "Migration im modernen Europa" (Uni Osnabrück), "Mikrobiologie" (Uni Tübingen) oder "Struktur und Funktion von Proteinen" (Uni Halle-Wittenberg). Mindestens einmal pro Woche treffen sich die Teilnehmer, die beim Eintritt ins Kolleg nicht älter als 28 Jahre sein sollten, mit ihren Kollegen und den Hochschullehrern zu Seminaren und tragen ihre Forschungsergebnisse in Kolloquien vor.
Dieses Modell der Graduiertenkollegs hat der Wissenschaftsrat 1986 der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt – damals als Teil eines umfassenden Reformkonzepts, mit dem das komplette Studium umstrukturiert werden sollte. Die grundlegende Studienreform ist bis heute Theorie geblieben, einzig die Graduiertenkollegs haben sich durchgesetzt. Zur Zeit sind etwa zehn Prozent aller Doktoranden in eines der über 200 Kollegs eingebunden. Diese Zahlen sollen, geht es nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, weiter steigen. Ziel ist, bundesweit mehr als 600 Kollegs einzurichten.
Auftrieb erhalten diese Pläne durch die ersten Erfahrungsberichte, die den neuen Einrichtungen überwiegend gute Noten ausstellen. Laut Statistik sind die Doktoranden in den Kollegs beim Abschluß ihrer Promotion zwischen ein und fünf Jahren jünger als der Durchschnitt ihres Faches, die meisten Absolventen bewerten die intensive Betreuung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit positiv. "Hier sitzen Leute aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Dadurch wird man gezwungen, die eigenen Themen verständlicher darzustellen, man lernt andere Methoden kennen, und die Zuhörer stellen unerwartete Fragen", meint eine Ethnologin, die zusammen mit Historikern und Soziologen ein Graduiertenkolleg in Berlin durchlaufen hat. Allerdings: Auch Zweifel werden immer wieder laut. "Wo ist der Nutzen der Interdisziplinarität?" fragte beispielsweise der Bochumer Kulturwissenschaftler Karl Einermacher bei der Bewertung eines Kollegs am Osteuropa-Institut der FU Berlin. Zwar werde immer wieder betont, wie "unheimlich anregend" die fächerübergreifende Zusammenarbeit sei. Doch niemand könne so richtig deutlich machen, wo die Doktorarbeit konkret von der Interdisziplinarität profitiert habe. Auch der Münchener Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Haffner mahnt zu mehr Realismus: Interdisziplinarität nutze bei der Verbreitung von Grundlagenkenntnissen – Spitzenforschung sei so nicht möglich.
Darüber hinaus leiden die Kollegs genau wie das gesamte Hochschulsystem an dem Mangel an Geld. Gespart wird vor allem bei den Stipendien, mit dem Ergebnis, daß keinesfalls nur der qualifizierte Nachwuchs gefördert wird. Zwar soll der Wunschkandidat erstklassig qualifiziert, hochmotiviert und mobil sein. Doch das Stipendium in Höhe von 1 400 DM plus 200 DM Sachkostenzuschuß ist für viele Spitzenkräfte keine große Attraktion. Besonders düster sieht die Situation in der Medizin aus. Weil die Promotion in der Regel vor dem Studienabschluß erfolgt, ist die Förderung niedriger als in den anderen Fächern. Derzeit entspricht sie dem BAföG-Höchstsatz, und der liegt bei 950 DM im Monat. "Uns fehlt es an geeigneten Bewerbern", gesteht Susanne Schönenberg von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein und betont: "Wir würden gerne mehr Mediziner für die Kollegs gewinnen." Den größten Anteil der Mittel beanspruchen derzeit die Natur- sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften, die jeweils ein Drittel der Stipendiaten stellen. Das verbleibende Drittel teilen sich die Biowissenschaftler (einschließlich der Mediziner) und die Ingenieure. Diskutiert wird, die Förderung für Mediziner aufzustocken. Doch woher die zusätzlichen Gelder kommen sollen, ist noch unklar. Der Bund will jedenfalls seinen Finanzierungsbeitrag zurückschrauben. Einen ersten Erfolg erzielte er im vergangenen Jahr, als die Länder nach zähen Verhandlungen zustimmten, ab 1999 die Hälfte der Kosten (statt wie bisher 35 Prozent) zu tragen.
Markus Sievers
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