ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1998Der Weltmeister und der Dissident

VARIA: Schlusspunkt

Der Weltmeister und der Dissident

Dtsch Arztebl 1998; 95(3): [60]

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Schachweltmeister Garry Kasparow besuchte im letzten Jahr Israel, um in Tel Aviv "Kasparows Schachakademie" ins Leben zu rufen. Unter den stärksten Spielern Rußlands sind sehr viele Juden, Kasparow selbst ist Halbjude und verleugnet dies im Gegensatz zu Bobby Fischer, der in einer Art Reaktionsbildung alles Jüdische mit Haß verfolgt, nicht. Etliche von ihnen sind vor allem im letzten Jahrzehnt nach Israel ausgewandert, welches so, ähnlich wie die USA, in dessen New York sich viele russisch-jüdische Großmeister tummeln, zu einem der stärksten Schachländer der Welt geworden ist. Bei seinem Besuch gab er eine Simultanveranstaltung gegen 25 Gegner gleichzeitig, um die viel Geheimniskrämerei getrieben wurde. Die Liste seiner Gegner wurde nicht bekanntgegeben, laut "Schach Magazin 64" wohl deshalb, weil darunter prominente Militärs waren. Man durfte nicht fotografieren, selbst die weiß Gott unschuldigen Partienotationen wurden nicht veröffentlicht. Doch nachträglich verirrte sich eine der Partien doch ins Internet, und zwar die gegen einen gewissen Nathan Sheransky, Industrieminister im Kabinett Netanjahu. Dieser war in den 80er Jahren unter seinem russischen Namen Anatoli Sheranski neben Sacharow der prominenteste sowjetische Dissident, ein unbeugsamer Kritiker des Systems. "Wo haben Sie so gut Schach spielen gelernt?" fragte ihn ein Reporter des israelischen Fernsehens nach der von ihm gewonnenen Partie. "Ich war lange Zeit in (sowjetischen) Gefängnissen und habe dort tausende Partien gegen mich selbst gespielt", antwortete Sheransky. Da werden Erinnerungen an Stefan Zweigs berühmte "Schachnovelle" wach.
Sehen Sie, mit welcher überraschenden (Opfer-) Kombination Sheransky als Schwarzer am Zug großen Vorteil errang?


Lösung:
Mutig schlug Sheransky mit dem Springeropfer 1. ...Sxf2! an der weißen Achillesferse f2 ein. Nach 2. Kxf2 folgte 2. ...Lc5+ 3. Te3 (schlecht wären auch 3. Kf1 Ld3+ bzw. 3. Kg3 Dd6+ 4. Se5 f6 mit vorteilhaftem Rückgewinn der Figur gewesen) Lxe3+ 4. Kxe3 Te8+ 5. Kf2 Dxd5 6. Kg1 Tad8 7. Kh1 b5, und wegen der hilflosen weißen Figurenstellung hatte Schwarz gewinnbringenden Vorteil. Nicht so gut wäre übrigens 1. ...Dxd5 wegen 2. Sxc4 gewesen.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema