ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1998Abtreibungsrecht: Schwachstelle

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Abtreibungsrecht: Schwachstelle

Dtsch Arztebl 1998; 95(3): A-57 / B-49 / C-49

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Schon seit langem üben Politiker, Vertreter der Kirchen und vor allem auch Ärzte Kritik an der seit 1995 geltenden gesetzlichen Abtreibungsregelung. Zu konkreten Forderungen führte ein jetzt bekanntgewordener Fall. Zum Hintergrund: Im Sommer letzten Jahres war in der Oldenburger Frauenklinik nach einem späten Schwangerschaftsabbruch ein Kind, bei dem die Ärzte zuvor eine Trisomie 21 diagnostiziert hatten, lebend zur Welt gekommen. Anschließend wurde es lediglich in eine Decke gewickelt und "beobachtet". Erst mehrere Stunden nach der Geburt wurde das Kind versorgt.
Daß dies kein Einzelfall ist, stellte der Hannoveraner Gynäkologe Dr. med. Christian Albring fest. Bei 30 Prozent der Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche überlebt der Fötus nach seinen Angaben. Das, was bei der Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs zunächst generell begrüßt worden war, nämlich die Abschaffung der embryopathischen Indikation, erweist sich jetzt also als Schwachstelle des Abtreibungsgesetzes. Denn die medizinische Indikation wurde insofern erweitert, als daß sie nicht nur auf eine Gefahr für das Leben der Mutter begrenzt war, sondern sich auch auf potentielle psychische Gefahren nach der Geburt bezog. In der Praxis scheint dies dann wohl so auszusehen, daß Frauen ohne eine zeitliche Begrenzung ihr Kind abtreiben durften, wenn sie nachweisen konnten, daß die Behinderung des Kindes bei ihnen zu schweren psychischen Störungen führen würde.
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Dr. h. c. Karsten Vilmar, und der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, plädierten deshalb jetzt für eine Präzisierung des Abtreibungsrechts. Vilmar forderte, daß Abbrüche nur in jenem Schwangerschaftsstadium erlaubt sein sollten, in dem der Embryo außerhalb des Mutterleibs noch nicht lebensfähig sei. Er hält ein Abtreibungsverbot von der 20. Schwangerschaftswoche an für sinnvoll. Montgomery ergänzte, die Politik müsse den Mut aufbringen, diese Grenze zu setzen. Rückendeckung erhielten die Ärztevertreter bereits von mehreren Politikern. Der Deutsche Ärztinnenbund sprach sich indes für einen ethischen Kodex der Ärzteschaft aus, Schwangerschaften nur noch bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abzubrechen.
Der Ärztinnenbund argumentiert, daß sich das Eintreten der medizinischen Indikation nicht zeitlich rigide festlegen lasse. Grundsätzlich stehen die meisten Eltern nämlich vor dem Problem, daß der zeitliche Ablauf von Untersuchung und Diagnose eine Abtreibung vor der zwölften Woche gar nicht ermöglicht.
Das Schicksal des Oldenburger Babys wirft allerdings auch die Frage auf, ob die von dem australischen Bioethiker Peter Singer getroffene Unterscheidung zwischen "lebenswertem" und "lebensunwertem" Leben wirklich eine bisher rein theoretische Diskussion ist, wenn das Leben von Neugeborenen nicht mehr generell geachtet wird. Gisela Klinkhammer
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