ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1998Reform des Medizinstudiums: Mehr Praxisbezug angesagt

POLITIK: Leitartikel

Reform des Medizinstudiums: Mehr Praxisbezug angesagt

Clade, Harald

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LNSLNS Kabinettsentwurf vom 17. Dezember 1997: Geänderte Strukturvorgaben für die Fakultäten und Reform des Prüfungswesens
Eines der größeren Reformwerke, das sich die Bonner Koalition noch für diese Legislaturperiode vorgenommen hat, könnte mit einer "Punktlandung" abgeschlossen werden: Das Bundeskabinett stimmte am 17. Dezember 1997 dem Verordnungsentwurf einer neuen Approbationsordnung für Ärzte zu, die erstmals nach 1972 die Grundlagen für das Medizinstudium auf eine geänderte Basis stellen und zugleich den veränderten Rahmenbedingungen sowohl in personeller, finanzieller als auch im Hinblick auf die notwendigen Kapazitäten anpassen soll.
Die Approbationsordnung für Ärzte ist nach § 4 Abs. 1 der Bundesärzteordnung durch den Bundesrat zustimmungspflichtig. Und hier liegt die eigentliche Brisanz, weil nach Maßgabe der novellierten Approbationsordnung die Kapazitäten für die Hochschulmedizin entsprechend angepaßt werden müssen. Die Länder werden die Kapazitätsverordnungen kurzfristig entsprechend ändern müssen, damit die Studienanfängerzahl im Fach Humanmedizin um rund 20 Prozent verringert werden kann, das heißt von bisher 10 500 auf künftig rund 8 000 Studienbeginner. Dadurch sollen auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß eine zielgerechte, mehr praxisbezogene und fächerübergreifende Ausbildung möglich wird.
Der Kabinettsentwurf ist eine mit Kompromissen durchsetzte Version des ursprünglichen Eckpositionenpapiers des Bundesministeriums für Gesundheit von Mitte Dezember 1995 und einem inhaltlich weitgehend deckungsgleichen Entwurf einer Bund-Länder-Kommission, beides Entwurfsabsichten, denen die Ärzteschaft (auch die Bundes­ärzte­kammer) zugestimmt hatte.
Die Bundes­ärzte­kammer hat beim Hearing am 19. November 1997 vorgetragen, daß eine längere Verzögerung und ein Neubeginn der Reformdebatte in der kommenden Legislaturperiode kontraproduktiv wären und die Chance auch im Interesse der Studenten nicht verpaßt werden sollte, Verbesserungen im Medizinstudium zu bewirken.
Geänderte Staatsprüfung
Ziel ist es, durch einen früheren Einstieg in die praktische Arbeit der Medizinstudenten und einer intensiveren Unterweisung am Krankenbett die berufspraktische Qualifikation zu verbessern. Voraussetzung ist deshalb, daß das Studium künftig stärker und früher theoretische und Grundlagenfächer mit klinischen und erfahrungsbezogenen Ausbildungsinhalten verknüpft. Deshalb sollen künftig klinische Inhalte bereits in den ersten Studiensemestern Bestandteil des Grundlagenstudiums werden. Darüber hinaus soll der Unterricht auch fächerübergreifend gestaltet werden. Querschnittsbereiche wie etwa Prävention, Gesund­heits­förder­ung, Medizin des Alterns und des alten Menschen, Medizinethik, Umweltmedizin und Gesundheitsökonomie sollen verstärkt miteinbezogen werden. Die Lehrinhalte sollen in den Querschnittsbereichen themenbezogen, am Gegenstand ausgerichtet, problemorientiert und fächerverbindend vermittelt werden.
Die Staatsprüfung soll grundlegend geändert werden. An die Stelle der Prüfung fächerspezifischen Wissens soll eine Prüfung treten, die fächerübergreifendes und gegenstandsbezogenes Wissen in den Mittelpunkt rückt. Die Prüfung soll schwerpunktmäßig Wissen überprüfen, das der angehende Arzt später als Grundlage seiner beruflichen Tätigkeit braucht. Die Prüfung soll schriftlich und mündlich im Anschluß an das praktische Jahr durchgeführt werden, also zu einem Zeitpunkt, in welchem auch überblickbare Erfahrungen in der Krankenversorgung vorliegen. Die Reform des Prüfungswesens soll mit geänderten Strukturvorgaben für die medizinischen Fakultäten und Hochschulen verknüpft werden. Prinzipiell werden den mündlichen Teilen Vorrang vor den schriftlichen Teilen eingeräumt, auch im Hinblick auf das Multiple-choice-Verfahren. Die allgemeinmedizinischen Kompetenzen und Bezüge des Medizinstudiums und die Anforderungen an die Studierenden sollen verstärkt werden. Es soll die Möglichkeit eröffnet werden, Allgemeinmedizin als Wahlfach im Praktischen Jahr zu absolvieren. Darüber hinaus werden Blockpraktika von acht bis vierzehn Tagen in der Klinik eingeführt, auch in der Allgemeinmedizin.
Unterricht am Krankenbett Zentrales Ausbildungselement soll künftig der Unterricht am Krankenbett werden. Durch eine Verringerung der Gruppengröße der Studenten, die am Patienten ausgebildet werden, von drei auf zwei bei der Patientenuntersuchung und von acht auf sechs bei der Patientendemonstration soll dies gewährleistet werden. Die Bundesregierung verspricht sich durch den Kleingruppenunterricht ein effektiveres Lernen, insbesondere eine Intensivierung des Erfahrungslernens beim Umgang mit den zur Ausbildung geeigneten und willigen Patienten. Auch die Blockpraktika sollen den Praxisbezug intensivieren. Im Zuge einer weiteren Deregulierung und der Absicht, die Autonomie der Hochschulen zu erweitern, sollen die Universitäten größere Gestaltungsfreiheit erhalten. So sollen wesentliche Teile der Prüfungen von den Universitäten in eigener Verantwortung wahrgenommen werden. Die Prüfungen sollen völlig neu strukturiert werden. Auch bei der Auswahl der Medizinstudenten sollen die Universitäten und Fakultäten ein entscheidendes Mitspracherecht erhalten. Ziel ist es, den Leistungswettbewerb der Fakultäten zu fördern.
Erstmals soll in der Approbationsordnung eine Klausel aufgenommen werden, nach der Modellversuche von den Vorgaben des Regelstudienganges abweichen und die Prüfungsanforderungen für den ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung in anderer Weise als durch die vorgesehene Staatsprüfung erbracht werden können. Die Studenten eines solchen Studiengangs sollen aber - zeitgleich mit den Studierenden des Regelstudiengangs - am zweiten Abschnitt der Prüfung teilnehmen.
l Auch werden das Prüfungswesen und die Prüfungsabschnitte völlig neu strukturiert. Die Zahl der Staatsprüfungen wird künftig von vier auf zwei verringert. Durchgängig soll die Wertigkeit der schriftlichen gegenüber den mündlichen Prüfungen vermindert werden. Am Ende des sechsjährigen Studiums ist eine Staatsprüfung abzulegen, bei der das Wissen und die Fähigkeit des Studenten überprüft werden, die ihn zur Ausübung des Arztberufes berechtigen. Als Ausbildungsziel wird ein Arzt postuliert, der seinen Beruf eigenverantwortlich und selbständig ausüben kann, der zur Weiterbildung befähigt und der zur berufsbegleitenden Fortbildung aufgerufen ist. Entsprechend soll die bisherige obligatorische 18monatige Phase als Arzt/Ärztin im Praktikum (AiP) entfallen. Dr. Harald Clade
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