ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Erfolgreiche Studienabbrecher: Karriere auf Umwegen

VARIA: Bildung und Erziehung

Erfolgreiche Studienabbrecher: Karriere auf Umwegen

Sievers, Markus

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LNSLNS Bertolt Brecht, Wilhelm Busch, Heinrich und Thomas Mann – sie alle haben ihr Studium abgebrochen und doch Großes vollbracht. Auch heute bedeutet der Studienabbruch noch nicht das KarriereAus. Im Gegenteil: Auch ohne Diplom erzielen viele ehemalige Hochschüler überdurchschnittliche Einkommen.
Die schwierigste Zeit waren die Wochen und Monate vor der Entscheidung. "Im Grunde hatte ich schon lange gewußt, daß die Uni nicht das richtige für mich ist", erinnert sich Stefanie Ramge. "Doch ich hatte Angst, als Versagerin dazustehen, wenn ich tatsächlich aufhöre." Also bleibt die Geschichtsstudentin eingeschrieben, jobbt 30 bis 40 Stunden in der Woche und entfremdet sich so immer mehr von der Uni. Den Tag der Exmatrikulation erlebt sie rückblickend als "große Befreiung" – und als Beginn einer neuen Karriere. In einem Verlag findet sie eine Ausbildungsstelle, die ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht. "Hier kann ich praktisch arbeiten, was mir an der Uni immer gefehlt hat", meint die 24jährige. Leicht war der Wechsel dennoch nicht: Nicht nur der Vergleich mit den anderen Auszubildenden – die viel jünger sind – macht der ehemaligen Studentin zu schaffen. Auch das Gefühl, auf ihrem Umweg über die Uni viel Kraft und Energie verschleudert zu haben, läßt sie nicht los. Doch was zählt, ist die berufliche Perspektive. "Insgesamt hat es sich für mich gelohnt, wieder von vorne anzufangen."
Jährlich brechen bundesweit etwa 70 000 Studenten ihre Universitätsausbildung ab. Fast jeder dritte Erstsemester verläßt die Hochschule ohne Abschlußzeugnis – damit hat sich die Abbruchquote gegenüber den siebziger Jahren fast verdoppelt. Die meisten springen schon in den ersten Semestern ab, zwei Drittel noch vor der Zwischenprüfung. Doch rund ein Fünftel der Abbrecher gibt erst nach mehr als 14 Semestern auf, ein Zehntel sogar nach mehr als 20 Hochschulsemestern. Besonders in den Geistes-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften sind die Abbruchquoten hoch: Hier bleibt jeder dritte auf der Strecke, bei den Medizinern hängt dagegen nur jeder zwölfte das Studium an den Nagel. Vergleichsweise gute Aussichten, die Uni mit einem Examen zu verlassen, haben auch die Fachhochschüler – offensichtlich wirken sich Praxisnähe und der direkte Bezug zum Beruf positiv auf Motivation und Durchhaltevermögen aus. Gründe für einen Studienabbruch gibt es viele. Nach einer Untersuchung des Hochschulinformationssystems (HIS) in Hannover kommt meist ein ganzes Bündel von Motiven zusammen. Die meisten Abbrecher führen ihre Entscheidung nicht auf mangelndes Leistungsvermögen zurück, sondern auf fehlende Erfolgserlebnisse im Studium. Nur fünf Prozent scheiden aus, weil sie die Prüfungen nicht schaffen. Die Mehrheit ist dagegen mit der Lehre in den Hochschulen unzufrieden. Ein Viertel bis ein Drittel beklagt die unzureichende Betreuung durch die Dozenten, die fehlende Praxisnähe und den geringen Bezug vom Lehrstoff zum Studienziel und den Anforderungen im Beruf. Auch familiäre und finanzielle Gründe spielen eine wichtige Rolle: Überdurchschnittlich viele Exmatrikulierte haben Kinder; vor allem studierende Mütter leiden unter der Doppelbelastung. Mehr als ein Drittel der Studienabbrecher verläßt die Hochschule ohne Examen, weil für das Weiterstudium das Geld fehlt. Für jeden zehnten ist dies sogar der entscheidende Grund. Damit belegt die HIS-Studie: Studienabbrecher sind keineswegs die Versager, zu denen sie oft gestempelt werden. Doch was sie zu leisten imstande sind, zeigen sie oft erst, wenn sie der akademischen Karriere ade gesagt haben. Etwa ein halbes Jahr nach Verlassen der Universität haben bereits knapp 40 Prozent eine Stelle gefunden, etwa ebenso viele haben eine Berufsausbildung angefangen. Oft liegen die Einkommenserwartungen sogar über denen der Akademiker.
Auch Hermann Decker, Leiter des Hochschulzentrums im Arbeitsamt Köln, beobachtet in Gesprächen mit Personalchefs, daß die "Stigmatisierung" von Studienabbrechern abgenommen hat. Im Gegenteil, meint er, wüßten viele Arbeitgeber diese Personengruppe zu schätzen. "Mit Studienabbrechern können Unternehmen besser planen, weil nicht die Gefahr besteht, daß sie nach der kostspieligen Ausbildung an die Uni abwandern."
Zum echten Karriereknick wird der Studienabbruch nur, wenn die Entscheidung zu spät getroffen wird. "Wer älter ist als 24 Jahre, für den ist der Zug für eine Lehre fast immer abgefahren", berichtet Decker. Dann kann nur noch eine Umschulung helfen, die für alle in Frage kommt, die bereits sechs oder mehr Semester hinter sich haben. Doch die Bedingungen sind hart: Zwar übernimmt das Arbeitsamt die Lehrgangskosten, aber für den Lebensunterhalt müssen die Teilnehmer selber aufkommen. Viele müssen dann auf ihre Eltern oder auf die Sozialhilfe zurückgreifen, denn während der Umschulung dürfen sie nebenbei nicht arbeiten. "Für manche, die vielleicht selber schon verheiratet sind, ist das eine harte Nuß", weiß Decker. "Aber wir müssen sicherstellen, daß sich die Umschüler voll auf die Ausbildung konzentrieren." Markus Sievers
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