ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1998Ärztliche Arbeitslosigkeit: Vom Fremdwort zum Langzeitproblem

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Ärztliche Arbeitslosigkeit: Vom Fremdwort zum Langzeitproblem

Dtsch Arztebl 1998; 95(3): A-85 / B-71 / C-70

Flenker, Ingo; Schwarzenau, Michael

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LNSLNS Arbeitslosigkeit bedroht Ärztinnen und Ärzte wie nie zuvor. Der erfolgreiche Abschluß eines Medizinstudiums war immer gleichbedeutend mit einer lebenslangen Tätigkeitsgarantie in einem gesellschaftlich hochangesehenen Beruf. Diese Zeit der Tätigkeitsgarantie ist jetzt zu Ende.
War in der Vergangenheit ärztliche Arbeitslosigkeit lediglich auf die Übergänge von der Arzt-im-Praktikum(AiP-)Phase zur Weiterbildung und von der abgeschlossenen Weiterbildung in die Facharztstelle beschränkt, so sind diese Zeiten vorbei. Im Januar 1997 verzeichnete die Bundesanstalt für Arbeit 10 594 arbeitslos gemeldete Ärztinnen und Ärzte. Allein in den 15 Monaten von September 1995 bis Januar 1997 ist die ärztliche Arbeitslosigkeit um 2 905 oder 37,8 Prozent gestiegen (Grafik 1).
Die Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Indiz für eine strukturelle Veränderung. Die Zahl der langzeitarbeitslosen Ärzte hat seit 1994 deutlich zugenommen, sowohl bei Ärztinnen und Ärzten ohne Gebietsbezeichnung als auch bei denen mit abgeschlossener Weiterbildung. Selbst eine abgeschlossene Weiterbildung ist nicht mehr automatisch eine Beschäftigungsgarantie, wie die steigende Zahl der langzeitarbeitslosen Fachärzte zeigt (Grafik 2). Eine weitere traurige Wahrheit ist, daß Ärztinnen stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als ihre männlichen Kollegen. Prognosen und Konsequenzen
Diese Situation ist relativ neu. Wird Arbeitslosigkeit auch für die Ärzteschaft zu einem Dauerproblem? Für die Arbeitsmarktsituation der Ärztinnen und Ärzte sind zwei Aspekte wesentlich: die Absolventenzahlen der medizinischen Hochschulen und die Entwicklung der Anzahl der ärztlichen Arbeitsplätze. Unter den aktuellen Bedingungen des Gesundheitswesens finden Veränderungen durch die Neubesetzung frei werdender Stellen im Krankenhaus und durch Praxisübergaben aus Altersgründen im niedergelassenen Bereich statt. Der Zugang von Ärzten auf dem deutschen Arbeitsmarkt wird in erster Linie durch die Zahl nachrückender Jungmediziner bestimmt. Die Absolventenzahlen sind seit den 90er Jahren relativ konstant und liegen in den alten Ländern bei jährlich etwa 9 800. Einschließlich der Hochschulprüfungen in den neuen Bundesländern beträgt die Zahl der jährlichen Medizinabsolventen etwa 11 300. Ein Blick zurück zeigt, daß bis Ende der 80er Jahre die Zahl der jährlichen Approbationen kontinuierlich angestiegen ist. Die Einführung der AiP-Phase im Jahr 1988 markiert eine Zäsur. Die Zahl der Approbationen ging damals drastisch zurück, stieg aber schon 1991 wieder auf über 10 000. Das "Ende eines Traumberufes" (Horst Stern) spiegelt sich auch in den Bewerberzahlen um die Studienplätze in Humanmedizin wider. Mitte der 70er Jahre konkurrierten sieben bis neun Bewerber um einen Medizinstudienplatz. Dieses starke Interesse am Arztberuf ist seit Mitte der 80er Jahre spürbar zurückgegangen. Doch auch heute noch bewerben sich um jeden Medizinstudienplatz zum Wintersemester zwei und zum Sommersemester vier Kandidaten. Eine Reduzierung der Studentenzahlen ohne steuernde Eingriffe ist nicht zu erwarten. In Berlin und Hamburg sind hieraus bereits Konsequenzen gezogen und in einem Stufenplan die Absenkung der Zahl der Erstsemesterstudienplätze ab dem Wintersemester 1994 beschlossen worden. Ob diese Maßnahmen ausreichen, ist allerdings fraglich. Eine Studie der Universität Hannover kommt zu folgender Vorausschätzung der Absolventenzahlen bis zum Jahr 2030:
"1. Ohne eine weitere zukünftige Absenkung der ZVS-Höchstzulassungszahlen sinkt die Zahl der Medizin-Absolventen zwischen 1994 und 2001 aufgrund der Absenkung der Studienaufnahmekapazität von 1989/90 von 11 300 auf dann konstant zirka 8 900 ab.
2. Die Absenkungsinitiativen in Berlin und Hamburg verringern die Zahl der Medizin-Absolventen bis zum Jahr 2011 auf dann konstante zirka 8 400. Sie allein führen zu einer bundesweiten Reduzierung der MedizinAbsolventenzahlen um zirka fünf Prozent.
3. Die mit der Novellierung der Approbationsordnung diskutierte und hier geschätzte 25prozentige Absenkung der Medizin-Studienplätze für die ganze Bundesrepublik wird vermutlich ab dem Wintersemester 1997/98 stattfinden. Unter Berücksichtigung der 33prozentigen beziehungsweise 40prozentigen Absenkung in den beiden Stadtstaaten ergeben die Prognoseberechnungen einen jährlich zu erwartenden Abgang von etwa 6 600 MedizinAbsolventen von deutschen Hochschulen" (HIS-Projektbericht, Martin Schacher: Vorausschätzung des Angebots an Absolventen der Humanmedizin und Auswirkungen auf den Bestand an Ärzten bis zum Jahr 2030, Hannover, 1996, Seite 49 f.).
In allen drei Varianten der HIS-Ärzte-Prognose steigt in den nächsten acht Jahren die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die auf den Arbeitsmarkt drängen, weiter an. Die Absenkung der Zulassungszahlen zum Medizinstudium entwickelt wegen der langen Studiendauer erst mit einem "time-lag" von etwa sechs Jahren Arbeitsmarkteffekte. So ist selbst bei einer 25prozentigen Absenkung der Höchstzulassungszahlen zum Medizinstudium der Höhepunkt der Ärztezahlentwicklung erst im Jahr 2004 erreicht (Grafik 3).
Eine Verbesserung der Arbeitsmarktsituation aufgrund nachlassender Zugänge ist somit nicht zu erwarten. Ärztliche Arbeitslosigkeit kann nur vermieden oder abgebaut werden, wenn der ärztliche Arbeitsmarkt die entsprechende Aufnahmefähigkeit besitzt. Dessen Aufnahmefähigkeit war in der Vergangenheit in der Tat erstaunlich groß. Seit Jahrzehnten wächst die Zahl der berufstätigen Ärzte. Allein in den Jahrzehnten nach 1945 fand eine Verdreifachung der Arztzahlen statt. Die Versorgungsdichte in Deutschland hat ein Niveau erreicht, das eine hohe Qualität und flächendeckende Versorgung gewährleistet. Eine weitere quantitative Steigerung der Versorgungsdichte ist nicht zu erwarten. Dem Erhalt dieser hohen Versorgungsqualität werden künftig die Anstrengungen aller Beteiligten gelten müssen.
Damit erhält aber das Verhältnis von nachrückenden und ausscheidenden Ärzten eine ganz neue Brisanz. Die Arbeitsmarktchancen der Jungmediziner werden in Zukunft hauptsächlich von der Zahl der aus Altersgründen ausscheidenden Ärztinnen und Ärzte bestimmt. Um die Größenordnung abzuschätzen, hilft ein Blick auf die Altersstruktur der heute berufstätigen Ärzte (Grafik 4).
Im Krankenhaus sind jüngere Ärzte deutlich in der Überzahl. Signifikant ist hier ferner eine Häufung bei der Altersgruppe der 35- bis 50jährigen. Damit trägt das Krankenhaus seinen Aufgaben als Weiterbildungsstätte Rechnung. Eine Folge dieser Altersverteilung ist aber auch, daß in den nächsten 15 Jahren lediglich rund 21 000 Krankenhausärzte die Altersgrenze erreichen werden. Die Altersverteilung der niedergelassenen Ärzte unterscheidet sich erheblich vom Krankenhaussektor. Perspektiven für Fachärzte
45 000 niedergelassene Ärzte werden voraussichtlich in den nächsten 15 Jahren mit Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren in den Ruhestand treten. Die heute 50- bis 65jährigen machen rund 40 Prozent der niedergelassenen Ärzteschaft aus. Dies ermöglicht in den kommenden Jahren eine gewisse Fluktuation. Die Perspektive für niederlassungswillige Fachärzte ist allerdings durch die Entwicklung der Bedarfszulassungen stark eingeschränkt. Betrachtet man den Klinikbereich, so macht die Altersgruppe der 35- bis 50jährigen rund 42 Prozent der heute dort beschäftigte Ärzte aus. Lediglich 16 Prozent aller Krankenhausärzte sind älter als 50 Jahre. Die heute 50- bis 65jährigen scheiden innerhalb der nächsten 15 Jahre aus. Bedingt durch die heutige Altersverteilung rückt eine mehr als doppelt so große Ärztezahl in diese Altersgruppe nach. Die heute unter 34jährigen werden dann in die Altersgruppe der 35- bis 50jährigen aufrücken. Für die nachfolgende Ärztegeneration führt dies zu einem weitgehend verschlossenen Arbeitsmarkt.
Klinik und Praxis sind unter Arbeitsmarktgesichtspunkten eng miteinander verbunden. Die restriktiven Niederlassungsbedingungen wirken sich unmittelbar auf die Einstellungschancen im Krankenhaus aus. Die Fluktuation bei Facharztstellen im Krankenhausbereich ist in den letzten Jahren deutlich schwächer geworden. Gleichzeitig steigen bei der Besetzung von Facharztstellen die geforderten Leistungsprofile. In der Vergangenheit wurde von den sieben- bis achttausend Ärzten, die jährlich ihre Weiterbildung abschließen, jeweils etwa ein Viertel von den Krankenhäusern übernommen. Infolge der Niederlassungsbeschränkung wird die Nachfrage nach Facharztstellen in den Kliniken künftig steigen. Damit erhöht sich der Konkurrenzdruck unter den Bewerbern, und es wird künftig nicht mehr jedem Stellensuchenden gelingen, auf den bislang erfolgreichen informellen Wegen eine adäquate Stelle zu finden. Assistenzärzte befinden sich in der Regel mit einem befristeten Arbeitsvertrag in der Weiterbildung. Lediglich etwa 30 Prozent der rund 135 000 deutschen Krankenhausärzte haben in den Kliniken eine "Lebensstellung".
Über die weiteren Aussichten entscheidet die Zahl der frei werdenden Arbeitsplätze. 7 100 niedergelassene Ärzte waren am 31. Dezember 1996 zwischen 60 und 65 Jahre alt, 5 500 waren älter als 65. Diese 12 600 Ärzte in eigener Praxis werden innerhalb der nächsten fünf Jahre aus der Patientenversorgung ausscheiden. In den Krankenhäusern sind lediglich 4 200 Ärzte älter als 60 Jahre. Insgesamt werden also von 1997 bis zum Jahre 2001 rund 16 800 Ärzte ihre Erwerbstätigkeit aus Altersgründen beenden. Damit werden nicht annähernd genügend ärztliche Arbeitsplätze frei, um allen nachrückenden Jungmedizinern eine Perspektive bieten zu können.
Der Anstieg an approbierten Medizinern in Deutschland wird von 1997 bis 2001 voraussichtlich 53 800 Neuzugänge ausmachen. Da gegenwärtig 89 Prozent aller ärztlich tätigen Ärzte ihren Beruf in Krankenhaus und Praxis ausüben, ergibt sich ein "Nachrückerpotential" von rund 47 900 in diesem Bereich. Von diesen können rund 16 800 Ärzte einen der frei werdenden Arbeitsplätze einnehmen. Mehr als 31 000 Ärztinnen und Ärzte sind damit von Arbeitslosigkeit bedroht.
Die mittelfristige Perspektive läßt keine Entschärfung erwarten. Entsprechend der heutigen Altersverteilung werden in den nächsten 15 Jahren alle heute über 50jährigen aus dem Berufsleben ausscheiden. Dies sind 50 400 niedergelassene Ärzte sowie 21 500 Krankenhausärzte. Der Neuzugang an approbierten Ärzten wird sich, folgt man den drei Prognosevarianten der HIS-Ärzte-Prognose, bis zum Jahr 2011 auf 148 200, 146 300 oder 134 400 addieren. Diesen Zugangszahlen stehen 71 900 Abgänge gegenüber, so daß in den nächsten 15 Jahren - entsprechend der Entwicklung der Zulassungszahlen - von 60 000, 58 300 oder 47 700 fehlenden ärztlichen Arbeitsplätzen im Bereich Krankenhaus und Praxis ausgegangen werden muß.
Berufliche Alternativen und neue Arbeitszeitmodelle
Es ist unausweichlich, daß ein Teil der nachrückenden Ärztegeneration nicht mehr in den klassischen Tätigkeitsfeldern Krankenhaus und Praxis seinen Beruf ausüben kann. Auch und gerade von den Ärztekammern werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um alternative Berufsfelder für Ärzte zu erschließen. So vielfältig die Perspektiven in angrenzenden Arbeitsfeldern des Gesundheitswesens auch sind, unter Volumengesichtspunkten ist von alternativen Berufstätigkeiten keine Kompensation der fehlenden Arbeitsplätze in Krankenhaus und Praxis zu erwarten. Da knapp 90 Prozent aller berufstätigen Ärzte heute in Krankenhaus oder Praxis arbeiten, sind diese beiden Tätigkeitsfelder nach wie vor ausschlaggebend für die weitere Entwicklung des ärztlichen Arbeitsmarktes. So wichtig die "Pflege" eines weitgefaßten Arbeitsspektrums für Ärzte ist, zu den "klassischen" ärztlichen Arbeitsplätzen gibt es keine echte Alternative. Wenn man dazu die hohen Ausbildungskosten berücksichtigt, ist jede ärztliche Ausbildung, die nicht in die ärztliche Tätigkeit führt, eine Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen.
Ärztliche Arbeitslosigkeit bleibt ein Dauerproblem, der Abbau von Arbeitslosigkeit bleibt eine Daueraufgabe. Warum verteilen wir nicht die vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe? Teilzeitstellen sollten in größerem Umfang als bisher geschaffen werden. 1991/92 betrug der Anteil der teilzeitbeschäftigten Krankenhausärzte lediglich etwa vier Prozent. Umfragen zeigen, daß sich fast jede zweite Frau und etwa jeder fünfte Mann eine Teilzeitbeschäftigung wünschen. Würden entsprechend diesen Wünschen Vollzeitstellen in Teilzeitstellen umgewandelt, wären 15 Prozent mehr ärztliche Arbeitsplätze verfügbar.
Weitere hoffnungsvolle Ansätze liegen in den neu geschaffenen Möglichkeiten, Vertragsarztsitze zu teilen. Auch dies kann zur Integration junger Ärzte beitragen. Insbesondere Ärztinnen könnten damit Familie und Beruf besser als bisher in Einklang bringen. Älteren Ärzten schafft diese Regelung eine Möglichkeit zum gleitenden Übergang in den Ruhestand.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-85-87
[Heft 3]


Anschrift für die Verfasser
Dr. phil. Michael Schwarzenau
Ärztekammer Westfalen-Lippe
Gartenstraße 210-214
48147 Münster

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